Obwohl es gerade aussah, als würde seine ruhige, gemütliche Altbauwohnung mit dem engen Flur und den hohen Wänden in ein Vorstadt-Fitnessstudio verwandelt. Die beiden Kumpels, die Jayson Käsebier mitgebracht hatte, trampelten immer noch die Treppen hoch und runter und schleppten immer neue Foltergeräte rein.
»Sorry, dass es hier so aussieht.« Jayson grinste und rieb sich über die kurzen blonden Stoppeln. »Sobald ich alles aufgebaut habe, ist der Flur leer. Dauert höchstens noch ein, zwei Tage.«
»Ah.« Valentin lächelte schwach. »Äh. Du … trainierst also.« Eine blödere Beobachtung hätte er nicht machen können.
Blödheit schien Jayson nicht zu stören. Der spannte den Bizeps an und lachte glücklich. »Na klar! Nicht schlecht, was? Ich hab seit letzter Woche 'nen neuen Trainingsplan, der sollte mir drei Prozent mehr Brustumfang einbringen. Weißt du, normalerweise mach ich Standard-Dreier-Splits, aber langsam will ich auf's nächste Level. Massephase, Baby!«
»Was, äh, wie bitte?«
Eine lange Erklärung verschiedener Trainingstechniken folgte. Valentin sah sich um. Hanteln und Metallstangen überall. Selbst der Geruch seiner Wohnung hatte sich verändert. Statt nach altem Holz roch es nun nach Gummimatten und frischem Schweiß. Das kam eindeutig von seinem neuen Mitbewohner, der so nah stand, dass sein männlicher Geruch bis zu Valentin drang. Verärgert registrierte Valentin, dass der Duft ihm direkt zwischen die Beine fuhr. Ein angenehmes Ziehen entstand in seinem Inneren und er musste einen Schritt zurück treten, um sich nicht ablenken zu lassen. Es war höchste Zeit, dass er wieder Sex hatte. Zeit, es erneut hinter sich zu bringen. Nach dem nächsten Treffen würde er mit Rob in die Manobar gehen. Der lud ihn sowieso ständig dazu ein, als wäre gefühlloser Geschlechtsverkehr das Größte. Das stimmte nicht, das war die Liebe. Die Liebe, die Valentin für Professor Südberg verspürte, und die der vielleicht eines Tages erwidern würde … sobald Valentin sich traute, ihn anzusprechen. Also richtig anzusprechen, nicht nur seine Hausarbeit abzuliefern, verschämt »Hier, bitte« zu murmeln und …
»Sorry!«, lärmte einer von Jaysons Kumpels und trampelte vorbei. Er drängte Valentin an die Wand des schmalen Flurs. Direkt gegen Jayson. Schweißgeruch umfing ihn und seine Nase landete auf warmer Haut. Dem Hals seines neuen Mitbewohners. Einen Herzschlag lang spürte er dessen Puls an seiner Nasenspitze. Dann packten breite Pranken seine Schultern.
»Hoppla.« Jayson lachte. »Dustin, du Trampeltier! Pass uff!« Schien ihm nicht viel auszumachen, umgewalzt zu werden. Valentin hasste es. Zumindest raste sein Herz und er wischte die Hände an seiner Hose ab. Die hatten instinktiv zugepackt und Jaysons nackte Arme erwischt. Warum trug der Kerl kein Hemd? Klar war es Frühling, aber von Frühlingswetter keine Spur. Hinter den alten Fenstern sah man nur Grau.
»War nicht so gemeint, du Püppchen!« Dustin winkte und verschwand in Franks Zimmer. Nein, es war jetzt Jaysons Zimmer. Valentin hatte einen Mitbewohner namens Jayson Käsebier! Das Entsetzen schlug über ihm zusammen.
Entschlossen richtete Valentin sich auf und räusperte sich. »Jayson.« Du kannst hier nicht einziehen, wollte er sagen. Aber so mutig war er nicht. »Wir sollten ein paar Regeln aufstellen.«
»Feste Trainingszeiten?« Jayson legte den Kopf schief. Nie hatte ein Mann weniger wie Professor Südberg ausgesehen. Keine Adler-, sondern eine Stupsnase, Sommersprossen und ein Gesicht, wie ein erwachsen gewordener Kinderstar. Rund und naiv und … dumm. Helle Augen, die wirkten, als wäre dahinter absolute Leere. »Oder was meinst du? In meiner letzten WG haben wir immer am Wochenende geputzt. Hier auch?«
»Ja«, sagte Valentin fest. »Jedes Wochenende putzen wir das Bad und saugen den Boden. Das ist mir sehr wichtig.«
Warum lächelte Jayson jetzt. »Kein Problem, ich putz gerne. Und zu zweit ist es eh lustiger, oder?«
Nein, war es nicht! Allein wäre es lustig, na ja, oder wenigstens friedlich. Aber bis ein Wunder geschah und er sich die Miete allein leisten konnte, brauchte er einen Mitbewohner.
»Ja«, sagte Valentin zähneknirschend. »Und ich brauche viel Ruhe. Ich studiere Geschichte und habe sehr viel zu tun. Außerdem schreibe ich einen Roman.«
»Was, echt?!« Jaysons helle Augenbrauen schossen in die Höhe. »So einen richtig gedruckten?«
»So weit ist es noch nicht«, gab Valentin zu. »Erst muss er fertig werden.«
»Oh, klar.« Jayson wirkte sehr interessiert. »Worum geht’s denn? Wann ist der fertig?«
»Bald.«
»Und worum geht’s?«
»Eine Schauspieltruppe im 17. Jahrhundert.« Valentin beobachtete Jaysons Mienenspiel. Der wirkte nicht wie eine Leseratte. »Es wird ein historisches Drama.«
Jayson machte ein beeindrucktes Uuh-Geräusch, das Valentin fast mit allem versöhnte. »Gibt’s auch eine Lovestory?«
»Ja«, gab Valentin zu. »Obwohl es mich natürlich stört, dass heutzutage jedes Buch eine Liebesgeschichte braucht, aber … sie ist da. Es ließ sich bei der Thematik schwer vermeiden.«
»Ist doch super.« Jayson grinste. »Ich les das, wenn es rauskommt.«
»Wirklich?« Valentin versuchte, nicht allzu zögernd zu schauen.
»Klar, ich les mega gerne. Hab alle Ponygeschichten von meiner kleinen Schwester gefressen.«
»Verschlungen«, korrigierte Valentin. Er zögerte. »Nicht die Bücher, die ich bei dir erwartet hätte.«
Warum kam Jayson jetzt näher? Nur einen Hauch, aber … warum? »Was hast du denn erwartet?«, fragte er. Und warum sprach er jetzt so leise?
»Uh … Bücher über … Muskelaufbau oder so«, stotterte Valentin.
»Dazu schau ich lieber YouTube-Videos.« Jayson wollte noch etwas sagen, aber sein zweiter Kumpel tauchte auf und rempelte ihn an.
»Lässt du uns deinen Scheiß allein schleppen, Jayse?«, raunzte er freundlich.
»Sorry.« Jayson streckte sich. »Wir quatschen später, Valentin. Sieht aus, als würden die beiden Lappen hier es nicht allein schaffen.«
»Wer ist ein Lappen?« Dustin streckte den Kopf aus der Tür.
»Ich kann auch helfen«, bot Valentin an.
Drei Augenpaare musterten ihn mitleidig. Seine schlackrigen Arme, die Hühnerbrust, die dünnen Beinchen.
»Ne, lass mal«, sagte Jayson. »Du musst doch lernen oder so. Aber, hey, nachher zischen wir ein paar Bierchen. Bist du dabei?«
»Äh, ich habe wirklich viel zu tun. Sehr viel«, behauptete Valentin und flüchtete. Er hatte sehr viel zu tun! Sich zu überlegen, wie er diesen Jayson Käsebier aus seiner Wohnung bekam, ohne allzu unhöflich zu werden, zum Beispiel.
3. Das Schicksal des Hühnerdiebs
Das Rumpeln und Quietschen von Jaysons Einzug drang durch die geschlossene Tür. Valentin schob sich die dicken Kopfhörer über die Ohren. Die abgewetzte Stelle, an der der Schaumstoff durch das Kunstleder drang, kitzelte. Er wählte »Sommer« aus den Vier Jahreszeiten und starrte auf den Bildschirm.
Um seinen alten Laptop herum türmten sich Bücher. Recherchematerial. Sie erinnerten Valentin daran, dass er immer noch nicht genug über die Gepflogenheiten auf dem Markt im 17. Jahrhundert wusste. Im ersten Entwurf hatte er sogar einen Kartoffelhändler auftreten lassen! Ein Anfängerfehler, der ihn immer noch wurmte. Jedes Schulkind lernte doch, dass Kartoffeln erst seit 1756 großflächig auf deutschen Feldern angepflanzt wurden. Im Schreibrausch des ersten Entwurfs hatte er nicht mehr nachgedacht und getippt wie ein Wilder, nur, um danach mit einem Manuskript voller Recherchefehler und Anachronismen dazustehen. Entsetzlich.
»Das muss besser werden«, murmelte er. Außerdem war die Szene, in der Hinrich, der junge Schauspieler, von dem Stallburschen beim Hühnerdiebstahl erwischt wurde, furchtbar steif geschrieben. Kein Wunder, die Szene war vier Jahre alt. Das konnte er inzwischen doch viel besser! Entschlossen begann er, zu tippen.
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