3.3 Altersabhängige pharmakologische Alkoholeffekte
Die pharmakologischen Effekte von Alkohol zeigen eine deutliche Altersabhängigkeit. So ist aufgrund der geänderten Wasser-/Fettverteilung im Körper das Verteilungsvolumen von Alkohol im Körper bei älteren Menschen verringert (Vogel-Sprott und Barrett 1984). Insbesondere die Pharmakodynamik des Alkohols ist im Alter deutlich verändert. Die maximale BAK wird verzögert erreicht (Oneta et al. 2001) und Alkohol wird im Alter auch langsamer abgebaut (Meier und Seitz 2008), sodass schon geringere Mengen als bei Jüngeren schädlich sein können. Bei gleicher BAK sind die kognitiven Funktionen sowie die Bewegungskoordination bei älteren Menschen stärker gestört als bei Jüngeren (Vogel-Sprott und Barrett 1984). Die Gründe hierfür sind noch nicht hinreichend geklärt. Es werden zerebrale Vorschädigungen als Ursache vermutet (Sullivan und Pfefferbaum 2019). Diese können Folgen eines längeren Alkoholkonsums, z. B. mehrerer alkoholbedingter Erkrankungen, sein (Wetterling 2019) (
Kap. 5.1
).
3.4 Organschädigende Stoffwechselprodukte
Bei dem Stoffwechsel von Alkohol entsteht eine Reihe von Substanzen, die vor allem bei einem längeren Konsum größerer Mengen organschädigend wirken (Molina et al. 2014; Rocco et al. 2014). Diese werden in Kapitel 5.3 dargestellt.
Alkohol hat vielfältige neurobiologische Effekte. Die genauen Wirkmechanismen von Alkohol auf das Gehirn sind noch nicht in allen Einzelheiten bekannt (Peana et al. 2017). Diskutiert werden einige Hypothesen, v. a.:
Wirkungen auf Rezeptoren von Neurotransmittern
Membranhypothese
Wirkungen auf epigenetische Prozesse
Dabei sind die Akuteffekte von denen bei chronisch erhöhtem Alkoholkonsum zu unterscheiden. Ferner sind noch die Einflüsse von einem gleichzeitigen Nikotinkonsum, insbesondere hinsichtlich der Neurotransmission zu berücksichtigen (Hillmer et al. 2015).
4.1 Wirkungen auf Neurotransmittersysteme
4.1.1 Akute Wirkungen
Die akuten Wirkungen von Alkohol auf das zentrale Nervensystem (ZNS) sind nur schwer zu erforschen, da Alkohol nur flüchtige Anlagerungen an Proteine, Rezeptoren etc. eingeht (Howard et al. 2011). Diese entsprechen nicht chemischen Bindungen bzw. einer typischen Rezeptorbindung. Tierexperimentell konnte aber gezeigt werden, dass schon bei niedrigen BAK (unter 0,5 ‰) bestimmte Rezeptortypen im Gehirn »ansprechen« (Cui und Koob 2017).
Es gibt nur wenige ältere Liquoruntersuchungen zu den Akuteffekten bei Menschen (Übersicht Wetterling 2000). Durch Methoden wie die MR-Spektroskopie (MRS), Positron Emission Tomografie (PET) und Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT) ist es möglich geworden, in-vivo Effekte von Alkohol zu messen (z. B. Hillmer et al. 2015; Volkow et al. 2017). Diese hängen v. a. von den Versuchsbedingungen ab. Die Effekte sind komplex und für verschiedene Hirnregionen einzeln zu betrachten (Abrahao et al. 2017), denn sie betreffen unterschiedliche Ebenen: z. B. Neurotransmitter-Konzentrationen bestimmbar mittels MRS oder Rezeptorendichte mittels PET. Die akuten Effekte von Alkohol lassen sich stark vereinfacht wie folgt zusammenfassen (Hillmer et al. 2015; Roberto und Varodayan 2017):
inhibitorische Wirkung auf einige NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-d-Aspartat-Rezeptoren des exzitatorischen Neurotransmitters Glutamat),
verstärkt die inhibitorische Wirkung einiger GABA- und Glycin-Rezeptoren
inhibitorische Wirkung auf Nikotin-Rezeptoren (Rezeptoren des Neurotransmitters Acetylcholin)
4.1.2 Veränderungen bei chronischem Alkoholkonsum
Bei chronischem Alkoholkonsum versucht der Organismus die schädigenden Auswirkungen soweit als möglich zu kompensieren (z. B. durch Verringerung der Rezeptordichte/-empfindlichkeit), d. h. es stellt sich ein neues homöostatisches Gleichgewicht ein. Diese Vorgänge führen zu einer erhöhten »Toleranz« gegenüber Alkohol, d. h. bei chronischem Konsum treten die klinisch sichtbaren Auswirkungen von Alkohol erst bei höheren BAK auf. Auf Neurotransmitter-Ebene sind folgende Veränderungen (stark vereinfacht) bekannt (Hillmer et al. 2015; Roberto und Varodayan 2017):
eher verstärkende Wirkung auf einige NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-d-Aspartat-Rezeptoren des exzitatorischen Neurotransmitters Glutamat).
Verringerung einiger GABA-Rezeptoren (abhängig vom Hirnareal).
verminderte Dopamin-Rezeptorendichte.
Inwieweit diese Veränderungen auf die Neurotoxizität oder auf neuroadaptive Prozesse zurückzuführen sind, ist noch nicht hinreichend geklärt, denn darüber können nur Studien bei längerer Abstinenz nach chronischem Alkoholkonsum Auskunft geben.
Eine MRS-Studie zeigte, dass die Glutamat-, Glycin und N-Acetyl-Aspartat-Konzentrationen im dorsalen anterioren Cingulum invers zu der Anzahl der Tage mit hohem Alkoholkonsum waren (Prisciandaro et al. 2019a).
4.1.3 Veränderungen im Entzug
Bei chronischem Alkoholkonsum versucht der Organismus die schädigenden Auswirkungen soweit als möglich zu kompensieren (z. B. durch Verringerung der Rezeptordichte). Wenn nach längerem Alkoholkonsum die Alkoholzufuhr plötzlich unterbleibt, wird das neue homöostatische Gleichgewicht abrupt gestört und es kommt zu starken Gegenregulationsprozessen (Rebound). Dieser Vorgang wird als Entzugssyndrom bezeichnet (
Kap. 9.3.3
). Folgende Veränderungen der Neurotransmittersysteme im Entzug sind bekannt (Hillmer et al. 2015; Roberto und Varodayan 2017; Koob und Colrain 2020):
eher verstärkende Wirkung auf einige NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-d-Aspartat-Rezeptoren des exzitatorischen Neurotransmitters Glutamat).
vermehrte Noradrenalinausschüttung, die vor allem für die vegetative Symptomatik (Schwitzen, Blutanstieg etc.), aber auch für psychopathologische Symptome wie Angst und Unruhe verantwortlich ist.
verminderte Aktivität des dopaminergen Systems im frühen Entzug.
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