Noch radikaler zeigt sich der Mentalitätswandel jedoch darin, dass die Mehrheit der Deutschen einen raschen und plötzlichen Tod wünscht. Exemplarisch sei der Refrain aus einem Lied von Reinhard Mey zitiert, in dem er sein Ende bedenkt, Wenn’s wirklich gar nicht anders geht:
Ich möcht’ im Stehen sterben. Wie ein Baum, den man fällt, Eine Ähre im Feld, Möcht’ ich im Stehen sterben.
In einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Deutschen Hospiz-Stiftung äußerten sich mehr als 60 % der Befragten in diesem Sinne. Ein Viertel gab an, sich darüber noch keine Gedanken gemacht zu haben, und lediglich 12 bzw. 14 % gaben an, einen begleiteten bzw. bewussten Tod vorziehen zu wollen. 15Die Wirklichkeit ist allerdings anders, denn 95 % sterben an Krankheiten, und der Sterbeprozess verläuft über Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre. Gerade die Furcht vor einem langen Siechtum, vor unwürdigen Umständen des Leidens und Sterbens hat die Angst vor dem unvorbereiteten Tod in Sünde verdrängt. Gleichwohl weiß man nicht, was in den Angehörigen vorgeht, wenn sie über die Todesanzeige setzen: plötzlich und unerwartet. Man wird unterscheiden müssen, ob die Frage nach dem guten Tod aus der Sicht des Betroffenen oder der Angehörigen gestellt wird. Mag aus der Perspektive des Betroffenen der plötzliche Tod erbarmungsvoller erscheinen als eine lange Leidenszeit, so kann ein unerwarteter Tod für die Angehörigen wie ein Schock wirken.
Die Pest mag im ausgehenden Mittelalter einer der Auslöser der Angst vor dem jähen Tod gewesen sein, doch es kam noch eine weitere Entwicklung dazu, durch die die Angst vor dem Tod geschürt und das Verlangen nach einem Beistand im Sterben befördert wurde. Die Vorstellung vom Fegefeuer als einem Reinigungsort der abgeschiedenen Seelen gab es zwar schon vereinzelt in der Alten Kirche, doch erst ab dem 12. Jahrhundert begann es das volkstümliche Denken zu beherrschen. Es hat fast den Anschein, als wäre die Furcht vor dem Fegefeuer größer gewesen als vor der ewigen Verdammnis. Im allgemeinen Denken scheinen sich Fegefeuer und Hölle überlappt zu haben. Zugleich verbreitete die Kirche die Lehre, man könne durch verschiedene fromme Vorkehrungen die Zeit der Qualen im Fegefeuer abkürzen. Ein Weg war, sich im Sterben des Beistandes Christi und seiner Heiligen zu versichern, und an erster Stelle stand die Gottesmutter, deren Fürsprache sich der Mensch im Tode anvertraute. Es kommt nicht von ungefähr, dass das bereits seit dem 11. Jahrhundert geläufige Ave Maria genannte Mariengebet im 13. Jahrhundert um die Bitte des Beistandes in der Todesstunde erweitert wurde: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.“
Der heiligen Mechthild von Hackeborn (1241–1299), einer großen Mystikerin aus dem Kloster Helfta bei Eisleben, gab Maria für das tägliche Beten von drei Ave Maria das folgende Versprechen: „Ich werde dir in der Todesstunde beistehen, dich trösten und alle Macht des Teufels von dir fernhalten. Ich werde dir das Licht des Glaubens und der Erkenntnis eingießen, damit dein Glaube nicht durch Unwissenheit oder Irrtum versucht werde. Ich werde dir in der Stunde des Hinscheidens nahe sein und in deine Seele die Wonne der göttlichen Liebe überströmen lassen, damit kraft ihrer Übermacht alle Todespein und Bitterkeit durch Liebe sich in Glückseligkeit wandle.“ Überliefert ist diese Verheißung im Buch der besonderen Gnade16 , das zu Beginn des 14. Jahrhunderts rasch eine weite Verbreitung gefunden hatte. So ist verständlich, dass sich die Jungfrau Maria zur vorzüglichsten Sterbepatronin entwickelte, der die Menschen ihre Bitte um einen guten Tod anvertrauten. Inwieweit diese Verheißung Mariens nicht nur der Linderung der seelischen, sondern auch der körperlichen Todespein gilt, lässt sich aus diesem Text freilich nur schwer erheben.
Gleich neben Maria nimmt Josef, der Nährvater Jesu, den Rang des vorzüglichsten Sterbepatrons ein, zu dem man in Todesnöten Zuflucht nimmt. Zwar erzählt das Evangelium nichts von seinem Tod, aber in der Überlieferung wird ihm zugeschrieben, ihm sei die Gnade zuteil geworden, im Beisein von Christus und Maria sterben zu dürfen. Hatte Josef ihren Beistand erfahren, so konnte er seinerseits zum Patron der Sterbenden werden, wie es ausdrücklich im Katholischen Katechismus (Nr. 1014) dem Gläubigen anempfohlen wird, sich auch an Josef zu wenden: „Die Kirche ermutigt uns, uns auf die Stunde des Todes vorzubereiten, die Gottesmutter zu bitten, in der Stunde unseres Todes für uns einzutreten, und uns dem hl. Josef, dem Patron der Sterbenden, anzuvertrauen.“ Vor allem in der Barockzeit wurde der Tod des heiligen Josef zu einem beliebten und verbreiteten Bildmotiv. Christus und Maria stehen an seinem Sterbebett und trösten ihn. Als Zeichen des Trostes und der himmlischen Verheißung hält Josef die Sterbekerze in den Händen.
Somit bilden Jesus, Maria und Josef die Trias der wichtigsten Sterbepatrone, und ihre gleichzeitige Anrufung geschah in höchster Todesnot. Das muss in Zeiten, als die Todesgefahr durch die verschiedensten Umstände größer war als heute, sehr häufig geschehen sein – so häufig, dass sich der zumal im Süddeutschen zu Jesses, Maria und Josef mutierte Schreckensruf bald auch in weniger dramatischen Lebenslagen fand. Schon bei Kleinigkeiten entfuhr den Menschen dieses kurze Stoßgebet und zeigt, wie volkstümlich diese Trias geworden war. Außerdem konnten die Namenspatrone oder die Zunftheiligen in Sterbensnöten angerufen werden. Alle Schutzheiligen, die sich die Zünfte oder Berufsgruppen erwählt hatten, konnten als Sterbepatrone angerufen werden, etwa die heilige Barbara bei den besonders gefährdeten Bergleuten. Es gab noch keinen Sanitäter oder Notarzt, den man hätte rufen können, um das Leben zu retten; stattdessen vertraute man sich den Mittlern zwischen Himmel und Erde an, damit, wenn schon nicht das Leben, dann wenigstens die Seele gerettet würde.
Bildeten das Gebet und die Anrufung der Sterbepatrone den spirituellen Teil der Vorsorge für einen guten Tod, so konnte man das Seelenheil zusätzlich durch gute Werke und materielle Leistungen absichern. Die Kirche bot dem Menschen an, sich auf verschiedenen Wegen einen Schatz im Himmel anzulegen, der dann gegen die zeitlichen Strafen im Fegefeuer aufgewogen wurde. Die Summe dieser Vorsorgemöglichkeiten bezeichnet man als Seelgerät. Die Vorstellung, man könne irdische und vergängliche Dinge in himmlische und ewige Güter verwandeln, führte im Alltag zum Almosengeben, nährte aber auch den Entschluss, der Kirche zu Lebzeiten oder posthum Teile des eigenen Vermögens zu vermachen. Daraus resultierten kleinere, größere und umfassende Stiftungen zugunsten von Kirchen und Klöstern. Die damit verbundene Vergewisserung, Sterben und Tod letztlich zu einem guten Ende führen zu können, war eine ungeheure Motivation, sich von irdischem Reichtum zumindest in Teilen zu trennen. Daraus bestritten kirchliche Institutionen ihre Aufgaben, häuften damit selbst Reichtum an, leisteten damit aber auch ihren seelsorgerlichen Beitrag zur Besänftigung der Angst vor dem Tod.
Theologisch gesehen, konnten all diese Seelgeräte zwar nur die zeitlichen Strafen im Fegefeuer verkürzen helfen, doch in der Volksfrömmigkeit hatten sich Fegefeuer- und Höllenstrafen miteinander verquickt. Man hegte durchaus die Vorstellung, durch materielle Leistungen auch der ewigen Verdammnis entgehen zu können. Deshalb waren auch die Ablassprediger so erfolgreich, die selbst gegen kleines Geld wahrhaftige Erlösung versprachen. Ihr berühmtester und erfolgreichster Vertreter seiner Zunft, der Dominikanermönch Johann Tetzel, hatte mit seiner Parole Sobald der Gülden im Becken klingt im huy die Seel im Himmel springt überaus großen Zulauf. Selbst die Armen waren bereit, sich zugunsten ihres Seelenheiles von einem Groschen zu trennen. Immerhin hatte der Ablasshandel sogar die Möglichkeit eröffnet, etwas für das Seelenheil der bereits Verstorbenen zu tun: Wenn ihr mir euer Geld gebt, dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren, sondern in den Himmel kommen, soll Tetzel marktschreierisch verkündet haben. Den Menschen war es recht, denn die Angst vor dem Tod und vor allem vor dem, was danach kommt, war groß. Zugunsten ihrer Verstorbenen bezahlten sie Seelenmessen und sorgten durch Messstiftungen zu Lebzeiten dafür, dass auch für sie selbst nach ihrem Tod Seelenmessen gelesen wurden.
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