Inzwischen erreichte sie den Personaleingang des Supermarktes. Mit einem imaginären Ruck schüttelte sie die Gedanken ab. Jetzt waren ein klarer Kopf, zupackende Hände und ein freundliches Gesicht gefragt. Als sie sieben Stunden später, mit ein paar Lebensmitteln im Beutel, ihre Arbeitsstelle durch den Kundeneingang verließ, bedauerte Carola, heute Morgen keinen Badeanzug eingepackt zu haben. Nun musste sie noch einmal nach Hause laufen. Die Hitze schrie geradezu nach einem Sprung ins Wasser. Sie verstaute die Einkäufe rasch im Vorratsschrank, schnappte sich die Badesachen und zog wieder los. Da es von ihrer Wohnung aus fußläufig gut zu erreichen war, bevorzugte sie das Freibad der Stadt. Vor zwanzig Jahren war es komplett umgebaut und modernisiert worden, zur großen Freude von Uta. Ihre Tochter war genau solch eine Wasserratte wie sie selbst. Während ihres ganzen Teenageralters hatte sie mit Freunden und Freundinnen den Sommer überwiegend im Bad verbracht. Selbst jetzt, da Uta in Sangerhausen wohnte, kam sie manchmal in die Lutherstadt, um mit ihrer Mutter gemeinsam schwimmen zu gehen.
Doch heute zog Carola allein ihre Bahnen im Becken. Nach und nach füllte sich zwar das Bad, aber sie konnte auch keinen ihrer zahlreichen Bekannten entdecken. Schließlich trank sie am Kiosk noch einen Kaffee und machte sich auf den Heimweg.
Während sie sich in ihrer Küche ein Brötchen mit Wurst belegte, dachte sie noch einmal nach, was nun alles noch vor der Beisetzung zu erledigen war. Einen Erbschein mussten Christian und sie beantragen. Hoffentlich brachte er ein paar Tage Zeit mit. Urlaub musste er ja nicht erst beantragen. Insofern hatte es manchmal schon Vorteile, selbständig zu sein. Über Dinge, wie das Haus, in dem der Vater bis zuletzt gewohnt hatte und in dem seine beiden Kinder aufgewachsen waren, wollte sie jetzt eigentlich noch nicht nachdenken. Doch so ganz ließen sich die Gedanken nicht verdrängen. Wahrscheinlich würden sie es verkaufen. Christian hatte sein Häuschen in Bayern und ihr lag auch wenig daran. Schöne Kindheitserinnerungen hingen dran, das schon. Doch bereits kurz nach ihrer Lehre hatte sie sich abgenabelt. Es tat ihr jetzt nicht weh, sich davon zu trennen. Sobald sie die Sterbeurkunde in der Hand hatte, konnte sie schon ein wenig tätig werden, was das tägliche Leben betraf, wie Versicherungen und die Abos von verschiedenen Zeitschriften kündigen. Herr Ehrlich hatte ihr eine Liste notwendiger Wege mitgegeben, die sie in der nächsten Woche abarbeiten würde.
Noch so in Gedanken versunken, zuckte sie beim Klingelton ihres Handys regelrecht zusammen, registrierte aber sofort erfreut, dass der Anrufer ihr Mann war.
»Oh, Thomas! Schön, dass du anrufst!«
»Hallo Frauchen!«, witzelte er, wurde aber gleich darauf wieder ernst. »Ich wollte nur mal horchen, wie es in der Heimat so läuft.« Thomas wusste schon, dass seine Frau allein klarkam über die Woche, wenn er weg war. Sein regelmäßiger Anruf war eher Routine. Doch im Moment war es etwas anders, denn es gab ja sonst nicht solche einschneidenden Ereignisse wie einen Todesfall.
»Alles gut, mach dir keine Gedanken. Wichtig ist nur, dass du nächsten Freitag bei mir bist, wenn Papa beigesetzt wird.« Noch sah sie das Ganze eher abstrakt. Es gab einiges zu regeln und zu organisieren, doch den Anlass versuchte sie, weitgehend auszublenden. Noch. »Und bei dir? Läuft alles?«
»Geht alles seinen Gang.« Er hätte beinahe gesagt »seinen sozialistischen Gang«, weil ja viele Ossis mit ihm arbeiteten, verkniff es sich aber. Manche Kollegen hatten irgendwann ihre Familie nachgeholt. Doch Carola hatte sofort abgelehnt, als er ihr diesen Vorschlag machte. Sie fühlte sich hier von jeher tief verwurzelt und konnte auch ihren Bruder nicht verstehen. Von ihrem kategorischen »Nein!« ließ sie sich nicht abbringen, und Thomas pendelte weiter.
»Das Wetter ist ja traumhaft, ich nehme an, bei euch auch« lenkte Carola die Konversation ins Seichte. Sie wollte jetzt nicht über Probleme reden.
»Ja, schöner als den ganzen Sommer über«, stimmte ihr Thomas zu. »Ganz so heiß müsste es bei der Arbeit nicht sein, aber besser als Regen.«
»Ich war vorhin im Schwimmbad«, berichtete Carola.
»Ach ja, neuer Monat, neue Schicht«, wurde sich Thomas bewusst.
»Huhu! Sonst wäre ich jetzt noch nicht zuhause und könnte nicht munter mit dir plaudern«, half Carola mit ironischem Tonfall seiner Erinnerung auf die Sprünge.
»Mal sehen, wie es morgen läuft, vielleicht können wir schon zusammen Abendbrot essen«, gab Thomas seiner Hoffnung Ausdruck.
»Das wäre schön«, stimmte ihm Carola zu.
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, hängte Carola noch ihre Badesachen zum Trocknen auf und landete schließlich vor dem Fernseher. Dort hatte sie beim Zappen durch die Programme in einem Dritten einen alten Polizeiruf gefunden, der sie fesselte. Krimis waren ihre Leidenschaft. Wenn sie nicht im Fernsehen etwas Spannendes fand, dann lag auf jeden Fall ein entsprechendes Buch auf der Konsole neben ihrem Bett. Doch heute wurden ihr nach ein paar Seiten die Lider schwer. Liegt wohl am Schwimmen, dachte sie noch, ehe sie Augen schloss.
8. Kapitel
»So leid es mir tut«, sagte Monika zu Christian am Frühstückstisch, »heute muss unser Badeausflug entfallen.«
»Aha.« Christian nahm einen Schluck Kaffee. »Schade.« Es hatte ihm gefallen, jeden Tag nach der Arbeit zum Weiher zu fahren. Aber was sollte er dazu sagen? Monika würde schon ihre Gründe haben.
»Ich muss heute unbedingt mal wieder richtig einkaufen«, beantwortete seine Frau auch schon seine unausgesprochene Frage. »Morgen fahre ich doch nach Regensburg zum Klassentreffen, du erinnerst dich?« Sie erwartete keine Antwort, sondern fuhr fort:
»Immerhin treffen wir uns schon Mittag und ich möchte mich vorher noch ein bisschen hübsch machen.«
»Ich finde, du bist immer hübsch!« Christian formte einen Kussmund. »Und was für mich reicht, muss für deine Schulfreunde auch genügen.«
Monika schüttelte lachend den Kopf. Aber eigentlich sprach Christian etwas aus, was sie sich auch wünschte: Er fand sie immer schön! Und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Auch ihr gefiel er in jeder Lebenslage, ob im Blaumann oder schick angezogen.
»Genügt es auch!«, gab sie, noch immer lachend, zurück. »Die kennen mich nämlich länger als du. Aber ich bin eine Frau und ab und zu mag Frau sich ein bisschen aufbrezeln.«
»Ist ja gut«, gab sich Christian einsichtig. »Ich habe es verstanden. Also fahren wir heute Nachmittag einkaufen, damit ich morgen so mutterseelenallein nicht vor dem Kühlschrank verhungern muss.« Er zwinkerte ihr zu.
Es gab keine drängenden Arbeiten mehr in dieser Woche. Das Getriebe hatte er wieder flott bekommen. Am Montag wollte es sein Kumpel abholen. Ansonsten stand nur noch ein Anhänger in seiner Werkstatt, den der Huber-Bauer nach der Ernte gebracht hatte. Für diese Reparatur konnte er sich Zeit lassen.
»Super! Dann bis heute Nachmittag!« Monika hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wange und sprang gutgelaunt zur Tür hinaus.
In seiner Werkstatt sah sich Christian unschlüssig um. Er hatte die Kamera eingepackt, um Fotos vom fertigen Rennwagen zu machen. Sollte er das Auto vielleicht nach draußen in die Sonne schieben? Er machte ein paar Aufnahmen und stellte fest, dass die Umgebung eigentlich gar nicht so fotogen war. Dann doch in der Werkstatt, das erschien auf jeden Fall authentisch. Rasch räumte er noch ein paar Werkzeuge beiseite und rückte den Flitzer dann ins rechte Licht. Eigentlich tat er das nicht gerne. Wenn die Fotos
Читать дальше