«Und wir wollen Miss Laura bitten, Kleider für sie zu nähen!», fügte Lydia begeistert hinzu. Annie war fast zu Tränen gerührt, als die kleinen Mädchen – und Laura – sich um sie scharten und ihr voller Freude ihr Geschenk überreichten. Es war eine wirklich wunderschöne Puppe, erworben mit vielen einzelnen Pennies aus vielen kleinen Sparbüchsen, und sicher gab es keine Puppe mit einer großartigeren Garderobe! Denn Laura Bridgmans Handarbeiten waren Kunstwerke, und diese Puppenkleider hatte sie mit besonderer Liebe und Sorgfalt angefertigt.
«‹Puppe› ist bestimmt das erste Wort, das ich Helen vorbuchstabieren werde», hatte Annie ihnen versprochen.
Sie waren alle so gut zu ihr gewesen. Mr. Anagnos hatte ihr Geld für die Fahrkarte geliehen und ihr einen Granatring geschenkt, und die liebe Mrs. Hopkins hatte angeboten, ihre Kleider für sie zu richten und zu packen.
«Du brauchst dir wegen deiner Garderobe keine Sorgen zu machen, Liebes», hatte sie dem Mädchen versichert. «Ich habe das lavendelblaue Kleid, das ich selbst in deinem Alter trug, für dich geändert, du hast dein Festkleid von der Abschlussfeier – die genügen als Sonntagskleider im Sommer –, und ich habe dafür gesorgt, dass alles andere aus gutem, warmem, solidem Wollzeug ist!»
Welch eine Garderobe für ein Mädchen, das sich im Frühling auf die Reise in den warmen Süden begibt!
Schließlich hatte man, nach schier endlosen letzten Erledigungen, die Kellers von ihrer Ankunft benachrichtigt, und nun saß eine von Panik geschüttelte Annie Sullivan in dem Zug, der sie an diesem Montagmorgen, am 1. März 1887, unerbittlich von Boston forttrug.
Das grelle Licht der Sonne auf dem weiß gleißenden Schnee sowie die rasch wechselnde Szenerie blendeten Annie derart, dass ihre Augen heftig zu schmerzen begannen und sie sie schließen musste. Das Kinn in die Hand gestützt, gab sie sich den Anschein, zum Fenster hinauszublicken – eine Dame konnte nicht gut am frühen Morgen den Eindruck erwecken zu schlafen! Wahrscheinlich rührten die Schmerzen daher, dass ihre Augen seit der letzten Operation noch nicht ganz verheilt waren. Sie hatte in der letzten Zeit solche Beschwerden mit den Augen gehabt, dass Mr. Anagnos darauf bestanden hatte, sie müsse vor ihrer Abreise in den Süden noch Dr. Bradford konsultieren, und so war sie erst vor wenigen Tagen noch einmal operiert worden. Vielleicht hätte sie die Abreise noch verschieben sollen, aber es hatte sich nur um eine kleinere Operation gehandelt, und die Kellers hatten nun schon so lange und geduldig auf sie gewartet.
Wie gut sie alle zu ihr gewesen waren – die Lehrer, Mr. Anagnos, die liebe Mrs. Hopkins, Dr. Bradford, die Kellers; und sie saß doch auch endlich in dem Zug, der sie ihrem ersehnten Ziel – einer gesicherten Stellung – entgegentrug: Warum nur schwanden ihr mit jeder Umdrehung der Räder mehr ihr Selbstvertrauen, ihr Mut, ihr Ehrgeiz?
Der Montag war ein entsetzlicher Tag, und in der Nacht fiel auch noch so viel Schnee, dass der Zug am nächsten Morgen mit zwei Stunden Verspätung in Philadelphia ankam. Steif und müde von der langen Fahrt, konnte sie an nichts Gefallen finden. «Philadelphia sieht wie ein riesiger Friedhof aus», schrieb sie an Mrs. Hopkins. Sie musste dort umsteigen, und als sie schließlich in Baltimore ankam, schien die Sonne, und das Wetter war so mild, dass ihre warme Kleidung eine einzige Qual bedeutete.
Auch am Dienstag und Mittwoch war sie in einer jämmerlichen Verfassung.
«Der Mann, der uns diese Fahrkarte verkauft hat, sollte gehängt werden», beklagte sie sich in einem Brief an Mrs. Hopkins, «und ich wäre bereit, den Henker zu spielen. Ich musste viele Male umsteigen, in Lynchburg, Roanoke, Chattanooga und Knoxville.
Unsere erste Station war Lynchburg, ein schäbiger, schmutziger und abscheulicher Ort.»
Und was würde sie in Tuscumbia erwarten? Ob Helen Keller wohl ein hässliches Kind war? Annie verabscheute Hässlichkeit. Ob die Krankheit, durch die sie blind und taub geworden war, auch ihr Gehirn geschädigt hatte? Wie lange würde es dauern, bis das Kind überhaupt reagierte? Wie viel man ihm wohl beibringen konnte? Es waren keine freudigen Gedanken, die Annie Sullivan auf ihrer Reise bewegten. Schließlich verließ sie ihr Mut gänzlich, und sie weinte so verzweifelt, dass ein gutmütiger Schaffner sie besorgt fragte, ob «ihre Leute» gestorben seien, und sie mit Butterbrot und Pfefferminztee zu trösten suchte.
Es war am Mittwochabend um achtzehn Uhr dreißig, als diese trostlose Reise ein Ende fand und Annie mit steifen, verkrampften Gliedern und vor Müdigkeit zitternd auf dem kleinen ländlichen Bahnhof ausstieg. Das also war Tuscumbia, Alabama. Noch ehe ihre übermüdeten Augen irgendetwas erkennen konnten, trat ein junger Mann auf sie zu und nahm höflich den Hut ab.
«Miss Sullivan?» Die gedehnte Sprechweise des Südstaatlers klang fremd in ihren Ohren. «Ich bin James Keller. Geben Sie mir bitte Ihren Koffer. Meine Stiefmutter wartet im Wagen. Wenn Sie so gut sein wollen, hier entlangzukommen …»
Plötzlich schien sie keine Luft mehr zu bekommen, und mechanisch ging sie neben ihm her. Aber als sie der erstaunlich jungen Frau ansichtig wurde, die sich ihr gespannt entgegenneigte, «fiel ein großer Stein von meinem Herzen», bekannte Annie später, «so viel Herzensgüte und Vornehmheit strahlten von ihr aus».
Sollte Kate Keller befremdet oder enttäuscht gewesen sein beim Anblick des hilflos aussehenden, verschwitzten jungen Mädchens mit den verschwollenen Augen, so ließ sie es sich nicht anmerken und erwähnte es nie. Mit herzgewinnendem Lächeln und echter Wärme hieß sie Annie willkommen.
«Wir sind so glücklich, dass Sie endlich bei uns sind, Miss Sullivan! Während der letzten beiden Tage sind wir zu jedem Zug gekommen.»
Als Annie sich in die weichen Kissen zurücklehnte, ließ ihre Anspannung allmählich nach. Die Landstraße, die sie entlangfuhren, war mit blühenden Obstbäumen gesäumt, und über den Feldern lag der kräftige Geruch frisch gepflügter Erde. Nach der langen Reise in dem stickigen, schmutzigen Zug erschien Tuscumbia ihr wie der Himmel auf Erden – ein guter, ein wohltuender Ort, an dem sie ihre Lebensaufgabe beginnen konnte. Die Fahrt durch die Dämmerung des Frühlingsabends besänfigte ihre Nerven, aber als Mrs. Keller auf ein Gebäude zeigte, das am Ende einer langen, schmalen, von Hecken gesäumten Zufahrt nur undeutlich zu erkennen war und dabei sagte: «Miss Sullivan, das ist unser Haus», wurde sie von einer derartigen Aufregung ergriffen, dass ihr Körper sich wie eine zu straff angezogene Saite spannte. Am liebsten wäre sie aus dem Wagen gesprungen, um das gemächlich dahintrottende Pferd anzutreiben. Wie konnte Mrs. Keller nur ein solch langsames Tier aushalten?
Captain Arthur Keller stand bereits wartend im Hof, half ihr aus dem Wagen und drückte ihr herzlich die Hand. «Willkommen – willkommen!»
Es war sicher recht unhöflich, aber Annies Gedanken waren nur auf einen einzigen Menschen konzentriert. «Wo ist Helen?», fragte sie atemlos.
Captain Keller deutete auf die in der Abenddämmerung liegende Veranda. «Dort. Sie weiß schon den ganzen Tag, dass wir jemanden erwarten.»
Annie schritt auf die Veranda zu. Sie konnte ihr Zittern kaum noch beherrschen. Ihr Atem kam in kurzen Stößen. Am Fuß der Treppe hielt sie inne und wagte nicht aufzuschauen. Bitte, lass sie nicht hässlich sein!, betete sie leidenschaftlich. Oh, bitte, lass sie nicht hässlich oder schwachsinnig sein! Und dann blickte sie auf.
Das Kind, das in der erleuchteten Tür stand, hatte ein schmutziges Hängerkleidchen an und wirres braunes Haar. Man sah sofort, dass es blind war. Hässlich war die kleine Helen keineswegs, und obwohl ihrem Gesicht etwas fehlte – Beweglichkeit, Seele –, merkte Annie doch sofort, dass sie intelligent war. Annie atmete tief aus und setzte ihren Fuß auf die unterste Treppenstufe. Als das Kind die Vibration wahrnahm, stürzte es sofort auf sie zu und hätte Annie umgerissen, wenn Captain Keller sie nicht aufgefangen hätte. Eifrig forschende Hände befühlten Annies Gesicht und Kleid und fanden schließlich ihre Handtasche. Annie überließ sie ihr, gespannt, ob sie wohl begriff, was sie da hatte. Das war offensichtlich der Fall, denn sie versuchte, die Tasche zu öffnen. Als sie merkte, dass sie verschlossen war, untersuchte sie sie sorgfältig, um herauszufinden, ob es ein Schlüsselloch gab, und nachdem sie dieses entdeckt hatte, zupfte sie an Annies Ärmel und deutete mit der Hand das Umdrehen eines Schlüssels an. Vor Freude und Erleichterung lachte Annie laut auf. Nein, Helen Keller war gewiss nicht schwachsinnig.
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