Wiecherts Beschreibung der Chaussee enthält neben der Entfernung noch ein zweites Charakteristikum: An dem Heimweg der Bauersfrauen liegt eine Kaserne. Daraus ergibt sich die Frage: In welcher dieser Städte steht oder standen zu Wiecherts Zeit diese Truppenunterkünfte?
Ortelsburg muss ausgeschlossen werden, auch wenn das Kennzeichen „Kaserne“ erfüllt ist. Bedeutsamer ist: Schwentainen liegt in einer drei Dörfer umfassenden Siedlungsinsel am Westrand der Johannisburger Heide, jenseits aller Waldeseinsamkeit und Seenromantik. Sensburg besitzt ebenfalls Kasernen, aber Peitschendorf ist selbst Kirchdorf und es liegt direkt an der Hauptstraße, auch alle anderen Beschreibungen passen nicht dazu (Waldeseinsamkeit, Lage am See). Bleibt Johannisburg, das aber besaß keine Kaserne.
Ergebnis 2: Keine der möglichen Kreisstädte entspricht Wiecherts Beschreibung. Sie können daher nicht als reales Vorbild betrachtet werden.
Da ist auch ein Bild bei Wiechert, das dieses Resultat bestätigt: Wenn die Dorfleute im Herbst auf der Anhöhe im Dorf standen, dann konnten sie weit über den See blicken. Dort „sahen sie ein breites goldenes Band. Das war der Weißbuchenwald, der seit undenklichen Zeiten ‚Das Paradies‘ genannt wurde. Die Straße nach den nächsten Dörfern lief zwischen seinen grünen, bemoosten Stämmen dahin“.69
Das passt zu Sowirog und der Chaussee Johannisburg – Turoscheln. Aber: Steht oder stand dort einmal ein Weißbuchenwald? In Masuren existierten vor 1939 zwei größere geschlossene Buchenbestände: der eine südwestlich von Ortelsburg, der zweite im Gebiet von Rastenburg/Angerburg. Sie bildeten die europäische Ostgrenze der geschlossenen Buchenbestände. Sowirog liegt östlich dieser Linie. Des Dichters Bild widerspricht der Realität.
Umschau 3: Optische und
akustische Entfernungsangaben
Hier geht es um die Bestimmung von Entfernungen zu akustischen oder optischen Quellen. Für die Wertung notwendige Aussagen finden sich in Büchern über militärisches Grundwissen.
a) „Weit aus der Ferne kam der heulende Ruf eines Dampfers von dem großen See hinter den Wäldern.“70 – Dazu müssen wir festhalten: Dampferverkehr entwickelte sich vor dem Ersten Weltkrieg auf dem Beldan- und dem Spirdingsee, noch nicht auf dem Niedersee. Mit dem „großen“ unter ihnen kann nur der Spirding gemeint sein.
Zwar fand ich keine Angaben über die Reichweite einer Schiffssirene, das „Schießen einer Artilleriebatterie“ aber soll man auf 6 km hören, ein einzelnes Geschütz auf 3 km. Wenn wir das als Vergleich für die Schifffahrt zulassen, dann muss der Spirdingsee 3 bis 6 km entfernt sein, maximal 1 – 2 km weiter, sagen wir 8. Die Luftlinie Sowirog – Insel Spirdingswerder beträgt 6,5 km. Bei Nacht und/oder bei günstigem Wind wäre also das Signal im Ort zu hören gewesen.
b) Nun zum See neben dem Dorf: Jons Großvater hatte sich auf der Insel niedergelassen. „Manchmal blieb er auch für Wochen auf der Insel im See. Dort sahen sie ihn in der Nacht am Feuer sitzen, wie einen Häuptling bei der Totenklage, und oft lauschten sie, ob nicht ein eintöniger Gesang herüberkomme, aber es war alles still.“71
Die Dorfbewohner konnten „die Gestalt des Großvaters in der Ferne erblicken, wie er aus den Wäldern am andern Ufer auf das Eis nieder stieg, den Schlitten mit Holz beladen, oder wie er unter den kahlen Eichen der Insel stand“.72
c) Später bezog Jons Bruder Friedrich die Insel. „Auf dem Hügel hörten sie seine Flöte“, „wie die Stimme eines vergehenden Menschen“.73 Vom See aus gesehen, liegt der Hügel mit der Kirche jenseits des Dorfes. Der Hügel ist also weiter von der Insel entfernt als das Dorf. Wie weit mag sie reichen, „die Stimme eines vergehenden Menschen“? Ein Gespräch hört man auf 200 m, einzelne Worte daraus auf 75, ein Husten auf 50 m. Die reale Insel im Niedersee, südöstlich von Sowirog, liegt aber über 500 m entfernt. Selbst bei günstigsten Bedingungen konnten solche Töne von dort nicht zum Dorf dringen.
d) Schließlich die optischen Angaben: Jons Großvater sahen die Dorfbewohner nachts „am Feuer sitzen“. Die Gestalt eines Pfarrers erblickten sie manchmal „in der Ferne … am andern Ufer“ des Sees. Einzelne Menschen sieht man als Punkte auf 1,2 bis 1,5 km, im Gesamtumriss auf 800 m, einen Kopf kann man auf 400 m unterscheiden. Diese Entfernungen entsprechen den Realitäten.
Resultat 3: Lediglich die Angaben zum Flötenspiel schließen Sowirog aus, alle anderen optischen und akustischen Angaben treffen zu und sprechen für den Ort.
Umschau 4: Der See
Wiechert hat zwei ausführlichere Beschreibungen der Umgebung des Sees geliefert: einmal als Naturbild und zweitens sozusagen als sportliche Leistung, nämlich der Ritt des Wachtmeisters Korsanke um den See herum. Wenden wir uns den Naturbildern zu: „Hinter der Insel stiegen sie ans Ufer, alle nun fiebernd vor Aufregung, und Christian steuerte das Boot langsam in das schwarze Fließ, das düster und fast ohne Bewegung unter Erlenwipfeln dahinfloss und wo in schwarzen Höhlungen und unter grauen Wurzeln die Krebse wohnten. Hier war eine fahle, geheimnisvolle Landschaft, Ausläufer des Moores mit Hügeln, auf denen alte Eichen wuchsen.“74 Und „man kommt tief ins Moor hinein. Keiner kann einen mehr sehen. Dort habe ich eine kleine Hütte gebaut, aus Rasen und Schilf“.75
Hier das zweite Bild: „Jons und Hanna aber fuhren am Nachmittag vor Ostern in dem kleinen Boot den See hinunter, wo zwischen hohen Schilfwänden eine schmale, dunkle Straße in ein stilles Waldgewässer führte. Eichen und Kiefern standen über dem sandigen Ufer, und nur nach Westen öffnete der Wald sich und ließ den Blick auf Hügel und Wiesen frei, bis eine ferne, blaue Linie ihn wieder begrenzte, aus der Rauch aufstieg wie aus Dörfern, die in der Einöde lagen.“76
Wenn wir davon ausgehen, dass hier der Niedersee beschrieben wird, dann stimmt keines der Bilder mit der Wirklichkeit überein. Die Leute erreichen an der Insel vorbei das gegenüberliegende Seeufer. Dort aber befinden sich weder Fließ noch Moor, denn da erhebt sich über dem See ein teilweise bis zu 20 m hoher Steilhang. Zweitens: Jons und Hanna: Sie fuhren den See „hinunter“. Das lässt eine Abfahrt sowohl nach Nordosten als auch in entgegengesetzter Richtung zu. Im ersten Fall landen sie am Dorf Jaschkowen, danach erreichen sie Wiartel. Sie kommen also in belebte Gegenden, heraus aus der Waldeseinsamkeit. Fahren sie Richtung Rudzanny, dann finden sie dort keine Wasserverbindung zu einem stehenden Gewässer. Und schon gar nicht öffnet sich da der Blick nach Westen auf Hügel und Wiesen, eben wegen des Steilhanges.
Nun zum Ritt des Wachtmeisters Korsanke. Er will zu dem Mädchen, das den flötenspielenden Friedrich auf der Insel besucht hatte. Welche Route schlägt er ein? „Korsanke ritt um den See herum.“ Durch den Weißbuchenwald, „das Paradies“, „nach dem Dorfe, in dem das Mädchen zu Hause war, das dem Toten die ‚letzte Freude‘ geschenkt hatte … Der Polizist ritt nicht denselben Weg zurück. Er setzte ihn fort, um den ganzen See herum, langsam und in Gedanken verloren“. Und dann, ganz logisch und gleichsam den Umritt bestätigend: „Er kam von der andern Seite ins Dorf zurück.“77
Sehen wir uns die Wegstrecke um den Niedersee herum auf der Karte an. Er durchritt auf seinem Pferd die Dörfer Jaschkowen, Wiartel, Vorder- und Hinter-Lippa, Przyroscheln (in diesem Abschnitt mag der Buchenwald liegen), dann Curwien, Nieden, Rudzanny und Kowallik, um dann geradewegs durch die Heide nach seinem Dienstort zu traben. Das ist eine Tagesstrecke von über 40 km, eine sehr große Leistung für ein Polizeipferd. Außerdem entbehrt der lange Weg einer inneren Logik. Wenn wir annehmen, dass das Mädchen in Przyroschl gelebt hat, dann hätte der Polizist über Wiartel hin und zurück nur 16 km zurückzulegen gehabt. Wiechert gibt keinen Grund für diesen riesigen Umweg an.
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