Wenn Königsberg auch nicht mit Danzig mithalten konnte, so hatten seine Handelshäuser damals immer noch bedeutenden Anteil am Warenaustausch zwischen Ost- und Westeuropa, zwischen Westrussland und Litauen einerseits und Großbritannien und Westfrankreich andererseits. Eine spezielle Rolle spielte die Adelsrepublik Polen. Sie umfasste das Territorium Preußens von allen Seiten. Ihr Getreideexport ging den bequemeren Weg entlang der Weichsel nach Danzig. Aber für das Großfürstentum Litauen, für Masowien (Nordpolen), Polessje und das Ermland ermöglichten die Memel und die aus der Masurischen Seenplatte herabkommenden Flüsse den Schiffsverkehr. Von dort erhielt Königsberg für den Export nach West- und Mitteleuropa Produkte der Land- und Forstwirtschaft sowie handwerklich gefertigte Industriegüter. Beteiligt an dem Handel waren die Städte Kaunas, Grodno, Wilna, Minsk; selbst aus Witebsk, Mogiljow, Orscha und Polozk konnte man Händler mit ihren Waren antreffen. Auch im Winter ging der Handel unaufhaltsam weiter. Es konnte vorkommen, dass an einem einzigen Wintertag bis zu 600 „polnische Schlitten“ mit Ladung in der Stadt ankamen. Und 1780 gingen allein nach Grodno 4 112 Fass Salz, 338 Fass Heringe, 1 967 Block Eisen, 82 Kisten mit Glas und 500 Fass Steinkohle. Die Beziehungen waren so intensiv, dass sich direkte Marktbeziehungen zwischen Königsberg und Landgütern des polnischen Adels in Masowien und Polessje herausgebildet hatten. Dabei machten Familien aus dem höchsten polnisch-litauischen Adel ihre Geschäfte, so die Sapieha und Radziwill (ein Angehöriger dieser Familie liess sich 1752 über Königsberg aus London 12 „Mohren“ kommen). Eigentlich war Königsberg der Haupthafen des ganzen Großfürstentums Litauen.41
Die Königsberger Kaufleute waren sich bewusst, dass dieser Handel eine der Quellen der Macht und des Reichtums des vormaligen Herzogtums gewesen war. Insofern waren sie leidenschaftliche Gegner aller merkantilistischen Maßnahmen Friedrichs II. Als dieser den Handel der Stadt über Berlin lenken wollte, verbaten sie sich das, wie auch andere staatliche Eingriffe in ihre Tätigkeit.42 König Friedrich II. meinte, dass mit den Königsberger Kaufleuten nicht viel anzufangen sei.43
Von Immanuel Kant ist bekannt, dass er seine Heimatstadt nie richtig verlassen hat. Er ist auch dem ehrenvollen Ruf nach Jena nicht gefolgt. Er hat dargestellt, was in Königsberg der Arbeit eines Philosophen so förderlich war: „Eine große Stadt, der Mittelpunkt eines Reichs, in welchem sich die Landeskollegia der Regierung desselben befinden, die eine Universität (zur Kultur der Wissenschaften) und dabei noch die Lage zum Seehandel hat, welche durch Flüsse aus dem Inneren des Landes sowohl als auch mit angrenzenden entlegenen Ländern von verschiedenen Sprachen und Sitten einen Verkehr begünstigt, – eine solche Stadt wie etwa Königsberg am Pregelflusse, kann schon für einen schicklichen Platz zu Erweiterung sowohl der Menschenkenntnis als auch der Weltkenntnis genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann.“44 Dieser Satz kam ihm nicht aus dem Verkehr mit seinen Universitätskollegen. Er entstand aus dem Kontakt mit Kaufleuten, im Umgang mit Adligen und Offizieren. Reiche Bankiers und Handelsherren, darunter die britischen Kaufleute Joseph Green und Robert Motherby,45 gehörten zu seinem Freundeskreis.
Königsberg war politisches, gesellschaftliches und geistiges Zentrum des Königreichs, nicht etwa die brandenburgischen Städte Berlin oder Potsdam. Als souveräner Staat besaß das Königreich eine selbständige Regierung in seiner Hauptstadt. Ihre Ablösung durch Organe der Potsdamer Verwaltung dauerte immerhin 100 Jahre. Erst 1804 wurden Reste, die noch an staatliches Eigendasein erinnerten, von den Hohenzollern vollständig aufgelöst.46 Die Jugend Preußens ging zum Studium in die Hauptstadt, im altpreußischen Verständnis nach Königsberg, manch einer auch in nichtpreußisches Ausland, etwa ins sächsische Wittenberg oder in das hannoversche Göttingen. Einige Altpreußen kamen bis Oxford.
Zum Einzugsbereich einer Universität gehört ein entsprechendes Niveau der Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur. Die Buchhandlung von Johann Jakob Kanther in Königsberg gehörte zu den bedeutendsten im gesamten Herrschaftsgebiet der Hohenzollern. Kanther besorgte seinen Kunden das Neueste aus Literatur und Wissenschaft aus Frankreich, Großbritannien, Italien und aus dem Römischen Reich. In seinem Geschäft traf der Student Herder den Privatdozenten Immanuel Kant und den Beamten Johann Georg Hamann (1730 – 1788). Goethe nannte Hamann „einen tiefdenkenden, gründlichen Mann, der mit der offenbaren Welt und Literatur genau bekannt, doch auch noch etwas Geheimes, Unerforschliches gelten ließ“.47
Kant wie Hamann erkannten bald die außerordentliche Begabung des jungen Mannes und förderten ihn auf alle mögliche Art. Auf Hamanns Empfehlung erhielt er einen Aufsichtsposten am Collegium Fridericianum, der ihn materiell halbwegs sicherstellte. In der dortigen Pension für Studierende hatte Herder Kontakte zu reichen Russen, Kurländern, Livländern und Polen.48 Darüber hinaus lehrte Hamann „ihn das Englische; sie fingen mit Hamlet an … den Hamlet konnte er beinahe auswendig, und unter allen dramatischen Dichtern hielt er immer Shakespearen am höchsten. Seine Bekanntschaft mit diesem Dichter und mit Ossian entwickelte seine eigentümliche Sympathie … zur einfachrührenden Natursprache der Volkslieder“.49 Zwei Gedichte aus dem „Ossian“ lernte Herder auf diesem Wege schon 1764 in Königsberg kennen.50 Über Shakespeares Drama „Romeo und Julia“ schrieb Herder später an seine zukünftige Frau Caroline, „dies vortreffliche himmlische Stück, das einzige Trauerspiel in der Welt, was über die Liebe existiert“, den Verfasser nennt er „mein Steckenpferd … Ich habe ihn nicht gelesen, sondern studiert … jedes seiner Stücke ist eine ganze Philosophie über die Leidenschaft …“51 Aus der persönlichen Nähe zu Hamann entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.
Aber Herders wichtigster Lehrer wurde Kant. Dieser führte ihn in die gesamte zeitgenössische Philosophie und Naturwissenschaft ein. Herder hörte bei ihm Logik, Metaphysik, Moral, Astronomie, Mathematik und physische Geographie.52 Kant regte ihn zum Studium von Gottfried Wilhelm Leibniz, Christian Wolff, David Hume, Jean-Jacques Rousseau, Johannes Kepler und Isaac Newton an.53 Damit wurden in Königsberg die Grundlagen seines enzyklopädischen Wissens und seiner wissenschaftlichen Methodik gelegt. Aber das wesentlichste Ergebnis dieser Kontakte für die heranreifende junge Persönlichkeit war ihre geistige Befreiung aus der Enge des heimatlichen Mohrungen. Es ist ein Gedichtfragment erhalten geblieben, das er seinem Lehrer überreicht hat und das diesen Prozess darstellt:
„Als ich, wo man nichts denkt – nichts fühlt,
einst Ketten trug, durchnagt von Staub und Schweiß und Tränen,
seufztʼ ich – denn singt ein Sklave wohl?
Da kam Apoll, der Gott:
Die Fessel weg! mein Erdenblick
ward hoch – Er gab mir Kant!“54
Im Alter von zwanzig Jahren wurde Herder als Lehrer an der Domschule in Riga angestellt, in den russischen Ostseeprovinzen, die damals noch über eine gewisse Unabhängigkeit vom russischen Zarismus verfügten. Dort blieb er vier Jahre lang, von 1765 bis 1769. Riga war damals eine aristokratisch-bürgerliche Stadtrepublik unter ständischer Selbstverwaltung. Die deutsche Oberschicht war stark national geprägt, nahm aber auch Einflüsse aus Russland auf. Herder gewann in der Stadt Einsichten in „bürgerliche und Staatsverhältnisse“ (Caroline Herder); es entwickelten sich vor allem seine Menschenkenntnis und patriotische Gesinnung. Er nahm Anteil am gesellschaftlichen Leben der Stadt und versuchte durch Dichtungen, Reden und Predigten Einfluss auszuüben.55
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