PD Dr. Martin Pöttner
Heidelberg, August 2009
A. Die Zeit in Kirksville (1898–1900)
AMERICAN SCHOOL OF OSTEOPATHY
ABB. A: JOURNAL OF OSTEOPATHY (KIRKSVILLE)
1. PSYCHOLOGIE UND OSTEOPATHIE
Journal of Osteopathy (V), 1898, S. 67–72.
Ich bin gebeten worden, einen Artikel für das vorliegende Journal zu schreiben. 30
Wenn man versucht, die Physiologie aus osteopathischer Sicht so zu erklären, wie wir sie durchnehmen, bleibt wenig Zeit für ernste und tiefe Studien jenseits dieses Themas. Für den Osteopathen kann es jedoch keinen bedeutenderen Gegenstand geben als die Physiologie, weil angewandte Physiologie für die osteopathische Medizin Materia medica und Therapie zugleich ist. Der Herausgeber des Medical Brief stellt fest:
„Kein Arzt, der nicht gründlich mit der Physiologie vertraut ist, kann ein guter Diagnostiker oder Therapeut sein.“
Das früheste Stadium jeder Krankheit besteht stets in einer leichten Abweichung von der normalen Funktion. Diese kann sich beispielsweise übertrieben zeigen, und dann liegt ein ausgesprochen anomaler und pathologischer Zustand vor. Wenn irgendein professioneller Mensch ein unabhängiger Denker sein sollte, dann ist es wohl der Arzt. Niemand kann Wissen sein Eigen nennen, bis es Teil seiner Natur wird. Und nur derjenige besitzt tatsächliches wissenschaftliches Wissen, der dieses Wissen durch persönliche Erfahrung erworben hat. Es spielt keine Rolle, wie bedeutend die Autorität ist, die man zitiert. Sofern zur Autorität nicht die subjektive Erfahrung des Zitierenden hinzukommt, wird letzterer schlicht zur Maschine. Ein Automatismus im Bereich der Osteopathie ist sogar noch gefährlicher als im alten medizinischen Bereich. Es versteht sich von selbst, dass es einen gesunden Zustand gibt, wenn das System einschließlich Körper und Geist strukturell und funktionell vollkommen und ohne Durcheinander ist. Taucht jedoch irgendeine Abweichung auf, muss der Osteopath sie entdecken, um letztlich erfolgreich behandeln zu können. Eine unvollkommene Diagnose impliziert, dass die Behandlung zum Experiment wird.
Die Wissenschaft der Medizin beschränkt sich eben nicht auf das Verschreiben von Medikamenten und auf die Kenntnis von Arzneimitteln. Das ist eine degenerierte Vorstellung von Medizin. Die Wissenschaft der Medizin befasst sich mit der Erhaltung und Verlängerung menschlichen Lebens und mit der Heilung jener anomalen Zustände oder Krankheiten, die das Leben schwächen oder zerstören. Die Medizin hat in ihrer Geschichte verschiedene Heilungsprinzipien verfolgt. Zuerst war sie mit der Priesterherrschaft verbunden und bestand aus bestimmten zeremoniellen Observanzen. Später bestand sie aus bestimmten magischen Praktiken, die den abergläubischen Charakter des Volkes bestärkten. Bis heute glaubt man von bestimmten Formen und Rezitationen, sie besäßen medizinische Kraft. Bei der aktuellen Definition der Wissenschaft der Medizin bin ich überzeugt, dass sie weit genug reicht, um auch die Osteopathie zu umfassen, denn ich glaube, dass die Osteopathie ein Teil der Wissenschaft der Medizin ist. Und die Osteopathie sollte das Wort Medizin in seinem ursprünglichen Sinn beanspruchen, nämlich im Sinne von Heilung. Im Bereich der Wissenschaft der Medizin gibt es drei große Wissensbereiche: Anatomie, Physiologie und Pathologie. Die Anatomie ist die Wissenschaft von der Organisation oder der Struktur des menschlichen Systems. Die Physiologie ist die Wissenschaft vom organisierten Leben in seinen verschiedenen Funktionen und die Pathologie jene, die sich mit den anomalen Zuständen des menschlichen Lebens befasst. Daher bildet die Physiologie die mittlere Wissenschaft in dieser Trinität der Wissenschaften.
Sie spielt jedoch eine weitaus größere Rolle, als gemeinhin angenommen. Die Physiologie hat nicht nur eine Auswirkung auf den Bereich der Medizin, sondern auch auf den der Psychologie und durch die Psychologie auf den gesamten Bereich der Bildung. Die Physiologie erläutert und erklärt weitgehend psychische Zustände. Denn die wahre Psychologie gründet auf der Physiologie. Die mentalen Zustände und Aktivitäten sind nur insoweit von Wert als sie Veranschaulichungen und Offenbarungen der physiologischen Beziehungen und Zustände sind. Die psychischen Zustände des Lebens werden nicht nur im Bereich der Bildung, bei den Anpassungen an das Studium, sondern auch im Studium und der Diagnose mentaler Krankheiten und bei vielen Nervenkrankheiten dargestellt. Die Physiologie des Gehirns, des Rückenmarks und des gesamten Nervensystems liegt am Fundament jeder wahren Theorie des Lebens. Das gilt zuallererst für das physische Leben bei seiner Erhaltung, Verlängerung und bei der Behandlung von Krankheitszuständen. Und auch im Blick auf das mentale Leben und sogar des höheren moralischen und spirituellen Lebens. Ein korrektes Wissen der Physiologie, das im Bereich der Psychologie angewendet wurde, hat die älteren Anschauungen und Pläne für die Bildung obsolet gemacht und die moderne natürliche Schule entstehen lassen, die so viel dazu getan hat, wahre Pläne für die Bildung und wahre Methoden des Studiums zu entwickeln. Sollen wir im Bereich der Medizin nicht nach der gleichen Reform Ausschau halten, nach einer, die Physiologie in ihren gesamten Auswirkungen so lehrt, dass sie uns jene wahren Funktionen des differenzierten menschlichen Lebens zeigt, die aus einer Anzahl von Organen bestehen, welche alle unabhängig und doch zu einem einzelnen Leben vereinigt sind?
Betreten wir den höheren Bereich der Psychophysiologie , geht es uns um die Tatsache, dass der Geist die dominierende Kraft ist und dass in einem gesunden physiologischen Körper nichts anderes als ein gesunder Geist diesen kräftigen Zustand des Körpers sicherstellen kann, der von allen so begehrt wird: Gesundheit und Glück. Wir müssen erkennen, dass wir bei der Behandlung anscheinend rein körperlicher Krankheiten nicht die Tatsache übersehen dürfen, dass die Psychopathologie den Bereich der mentalen Krankheit eröffnet und bestimmte Geisteszustände enthüllt, ohne deren Überwindung es unmöglich ist, körperliche Krankheiten zu heilen. 31Dieser weite Bereich steht vor der Osteopathie offen. Und wir glauben, nicht zu viel zu behaupten, wenn wir sagen, dass dieser Bereich nur durch das Tor der osteopathischen Physiologie und Psychologie betreten werden kann. Mit dieser Überzeugung stellen wir eine kurze Zusammenfassung des psychologischen Aspekts des menschlichen Lebens vor und beleuchten die zukünftige Bedeutung des psychopathologischen Aspekts.
Die Physiologen haben ihre Untersuchungen weitgehend auf die verschiedenen Teile des Zentralen Nervensystems begrenzt, ohne zu versuchen, irgendwelche Pläne bezüglich der systemischen Abläufe im Ganzen zu formulieren. Das hat in der Physiologie eine Tendenz hervorgerufen, die Bedeutung der Spezialisierung der Funktion zu überschätzen. Dabei wird die Tatsache übersehen, dass es eine Solidarität und Einheit der Aktion seitens des gesamten Systems gibt. Es ist wahrscheinlich, dass jede aktive Operation des Nervensystems das gesamte menschliche System beeinflusst. Auf diese Weise muss es eine beständige Aktivität seitens der Nervenzellen geben, die von kontinuierlichen Impulsen begleitet wird, welche in die Zellen eintreten und sie verlassen. So entsteht die Grundlage „[…] der Kontinuität der bewussten Erfahrung.“ Hinter dem Bewusstsein liegt aus einer morphologischen Perspektive zumindest die anatomische Struktur des Nervensystems. Doch bislang war noch niemand in der Lage, das Problem ihrer Beziehung zu lösen. Mit der Entwicklung physiologischer Theorien hat sich – nachdem die sensorischen und motorischen Bereiche lokalisiert worden sind – der Bereich des Bewusstseins immer weiter nach oben bewegt, bis er, wie ein Physiologe es formulierte, seine Zuflucht im einzig verbleibenden Bereich genommen hat, nämlich im anterioren Teil der grauen Substanz des Kortex.
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