1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 Orsini schmunzelte. Er mochte die Pathologin. „Aber natürlich!“, entgegnete er mit einem schelmischen Grinsen. „Sie haben literarische Fähigkeiten ersten Ranges. Aber Ihr persönlicher Eindruck interessiert mich noch mehr. Das, was nicht im Bericht steht.“
„Was wird denn Ihrer Ansicht nach in meinem Bericht stehen?“, fragte die Gerichtsmedizinerin herausfordernd, sah ihn dabei an und trat die Zigarette unter ihren Crocs aus. Sie hatte sie in Rekordzeit einer partiellen Erledigung zugeführt.
„Dass es kein Selbstmord war ...“
Dr. Mirno nickte.
„Tatzeit zwischen elf und zwölf?“
„Nicht vor halb zwölf, eher gegen Mitternacht“, warf sie ein. „Weiter!“
Orsini nickte und fuhr fort: „Eine Glasscherbe als Tatwaffe zu verwenden ist ungewöhnlich. Damit einen präzisen Schnitt zu machen vielleicht schwierig.“
„Na ja, gebrochenes Glas ist sehr scharf.“
„Trotzdem, bei einem Selbstmord werden hauptsächlich Rasierklingen, Skalpelle oder Messer verwendet.“
„Richtig. Allerdings hatte ich mal einen Mann liegen, der es mit dem Deckel einer Konservendose zustande gebracht hat.“
„Außerdem“, Orsini hob die Augenbrauen – er mochte genau diese Art von Geplänkel, „sind keine Probierschnitte vorhanden, das ist für einen Selbstmord auch ungewöhnlich.“ Dr. Mirno genehmigte sich erneut eine Zigarette, während Orsini fortfuhr: „Der Arm weist oberhalb der Schnitte eine Druckstelle auf. Wenn es Fremdeinwirkung war, könnte der Täter sie dort festgehalten haben. Wenn man so tiefe Schnitte ausführen will, ist das wahrscheinlich notwendig. Das Hämatom lässt zumindest darauf schließen.“
„Ziemlich exakt. Lernt man das in der Ausbildung?“
„Auch. Wegen des Erdreichs: Am Fundort war wenig Blut zu sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Tatort und Fundort nicht ident sind.“
„Das seh ich gefühlsmäßig auch so.“
„Ein Frauenkörper hat normalerweise zirka vier bis fünf Liter Blut.“
„Ist natürlich vom Gewicht abhängig. Da sie nicht besonders groß ist, würde ich von etwas weniger ausgehen.“
„So oder so ist das eine ganze Menge. Das geht nicht ohne eine gewisse – verzeihen Sie mir den Ausdruck – Sauerei ab ...“
„Ich bin gespannt, ob die Kollegen von der Tatortgruppe Schleifspuren auf der Kleidung finden ... Apropos Kollege: Ich glaub, ich sollte wieder zurück“, meinte Dr. Mirno.
„Eine letzte Frage: War sie bei Bewusstsein, als ...“
„... als ihr die Adern aufgeschnitten wurden?“ Dr. Mirno zog die Mundwinkel nach unten. „Eher nicht. Sie hat einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf bekommen.“
„Hätte der Schlag tödlich sein können?“
„Aufgrund der Verletzung schließe ich das aus. Ich schätze, das war nicht die Absicht.“
„Verstehe“, meinte Orsini und griff nach der Türschnalle.
„Übrigens. Sie hatte zuvor Geschlechtsverkehr.“
Überrascht hielt er inne. „Es waren äußerlich keine Anzeichen dafür vorhanden ..., also doch eine Vergewaltigung?“
„Das ist die Frage. Sie ist zwar leicht eingerissen, aber das kann bei heftigem Sex, wie wir wissen, durchaus vorkommen.“
„Können Sie schon sagen, wann das war?“
„Dazu brauch ich noch eine Reihe an Tests. Jedenfalls am Abend zuvor“, erklärte die Pathologin und schob die Tür auf. „Und“, fügte sie hinzu und kniff die Augen zusammen, „was davon soll ich jetzt nicht in den Bericht schreiben? Der Kollege Gottschlich hat nämlich vorhin auch schon angerufen ...“
„Das hängt von Ihren gewerkschaftlichen Interessen ab“, entgegnete Orsini. „Wenn Sie in Ungnade fallen wollen ...“
„In Ungnade bin ich schon lange“, erwiderte Dr. Mirno, fischte das Zigarettenpäckchen hervor und zündete sich demonstrativ mitten am Gang die dritte Zigarette innerhalb weniger Minuten an. „Und nur für den Fall, dass Sie irgendwann auch eine brauchen ...“, ergänzte sie und hielt Orsini die Packung vor die Nase. „Danke“, antwortete er, steckte sich eine der Zigaretten in die Jackentasche und verabschiedete sich.
*
Langsam streckte er seinen tauben Arm in die Höhe und wartete, bis sich darin wieder Leben bemerkbar machte. Jedes Mal, wenn er auf dem schmalen Sofa in der Ecke seines Büros schlief, und sei es auch nur für eine Stunde, schwor er sich, dass es das letzte Mal gewesen war. Das Licht tat in seinen Augen weh, als er versuchte, auf dem verschwommenen Ziffernblatt seiner Uhr zu erkennen, wie spät es war. Er rieb sich die Augen. Kurz vor acht, stellte er schließlich fest, richtete sich auf und dehnte seine steifen Glieder.
Nach einer provisorischen Toilette trottete er schlafwandlerisch ins Erdgeschoß zum Getränkeautomaten. Er hatte dem Automaten gerade zwei Becher Kaffee abgerungen, als Elmar Sykora ihm vom Eingang her entgegenkam. Wie meist war er in den Farben der Unscheinbarkeit unterwegs, Beige oder Hellgrau, kaum voneinander zu unterscheiden. Weder seine Kleidung noch sein blasses Gesicht wirkten jemals besonders gepflegt oder auch ungepflegt. Er verkörperte das lebendige Mittelmaß.
„Hab schon gehört“, meinte Sykora emotionslos.
„Schon? Bist du deswegen so früh gekommen?“
Ohne die Spitze zu registrieren, marschierte Sykora Richtung Lift. „Kommen Sie mit?“, fragte er Orsini und betätigte den Taster. Obwohl Orsini ihn duzte wie alle anderen Kollegen, wahrte Sykora seinerseits hartnäckig die Distanz.
„Was sonst?“, murmelte er und stellte sich zu ihm.
„Zwei?“, fragte Sykora. Die Lifttüren schlossen sich.
„Elvira“, erwiderte Orsini nur. Er erwartete nicht, dass sein Kollege von sich aus weiterfragen würde. Jeder andere Ermittler hätte sich für den Vorfall in der Nacht interessiert. Sykora nicht.
„Wird ein schöner Tag“, bemerkte Sykora, trat aus dem Lift und steuerte auf sein Büro zu.
Orsini verzog den Mundwinkel, schlürfte aber nur stumm einen Schluck Kaffee aus seinem Becher und folgte ihm.
Elvira Zobl saß noch immer vor dem Computer. „Wir haben den Ehemann“, eröffnete sie ein klein wenig triumphierend.
„Tot?“, fragte Orsini.
„Nein, lebendig ..., sind auf dem Weg hierher. Ist angeblich von der Arbeit nach Hause gekommen und wirkte völlig überrascht. Sie haben ihm aber nichts weiter gesagt“, kam Zobl Orsinis Frage zuvor und wandte sich an Sykora, mit dem sie sich das Büro teilte: „Ausgeschlafen?“
„Ja“, antwortete dieser freundlich, holte seine gemütlichen Hausschuhe hervor und zog sie an. Dann setzte er sich dorthin, wo er hingehörte und von wo er sich nur äußerst ungern wegbewegte: an seinen Schreibtisch. Für den Außendienst war er schlichtweg nicht zu gebrauchen, das hatte auch Orsini nach längeren Gefechten akzeptieren müssen. Irgendwann war der Schreibtisch ohne Sykora beinah undenkbar geworden – es fehlte nur mehr, dass statt Sykora der Schreibtisch antwortete.
„Wir verschieben die Morgenbesprechung!“, sagte Orsini, „ich möchte den Ehemann sofort einvernehmen“, und machte sich auf den Weg in sein Büro nebenan, als sein Handy läutete. Endlich, dachte er beim Blick aufs Display.
„Und?“, hörte er die markant schnarrende Stimme.
„Eine Frau, Gärtnerin. Das Ganze sieht leider inszeniert aus, sie liegt genauso da wie die Drogensüchtige.“
„Auch am Karlsplatz?“
„Diesmal ist es der Beethovenplatz, hinter dem Denkmal, aber wieder in einem Gebüsch.“ Die Stille am anderen Ende dauerte so lange, dass Orsini fragte: „Herr Oberstleutnant, sind Sie noch dran?“
„Bin ich“, antwortete Pokorny leise. „Ich hab gehofft, dass ...“
„Ich weiß.“ Auch Orsini schwieg. Eine Welle von kaltem Unbehagen erfasste ihn nun, da die geschäftige Aktivität für einen Moment unterbrochen war. Dann fuhr er fort: „Ich werde die Unterlagen, die Sie mir letztens gegeben haben, bei der Morgenbesprechung weiterreichen.“
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