Wir halten also fest: Wenn wir uns weder bedroht fühlen noch gedrängt, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, befinden wir uns in einem Zustand von Sicherheit, Entspannung und Zufriedenheit. Wir können uns liebenswert finden und spüren, dass wir es wert sind, freundlich und respektvoll behandelt zu werden. Unsere Aufmerksamkeit wird weit, und wir werden uns all der positiven Dinge bewusst, die wir in der Situation der Bedrohung übersehen haben. Unser Denken entspannt sich und wir betrachten die Dinge flexibel und gelassen und mit Abstand. Wir wägen Optionen ruhig ab und denken kreativer. Dies hilft uns, neue, effektivere Weisen zu entdecken, mit schwierigen Situationen umzugehen, statt an die Gewohnheiten gebunden zu sein, die vom Bedrohungssystem diktiert werden. Dies bezeichnen wir als „Flexibilität der Reaktion“. Neuere Untersuchungen belegen, dass die nährenden Interaktionen einer guten Bindungsbeziehung, die den Kern des Beruhigungssystems bilden, tatsächlich Wachstum in Teilen des Gehirns aktivieren und fördern können. (12)
Diagramm 2.4: Wie das Beruhigungssystem Bewusstsein und Denken organisiert
Wir sehen also, dass das Beruhigungssystem einen „ausgleichenden Einfluss“ auf das Bedrohungs- und das Antriebssystem ausübt. Wir können lernen, das Beruhigungssystem zu stimulieren, um uns langsamer werden zu lassen und Situationen mit Abstand zu betrachten: „Bin ich wirklich in Gefahr oder gibt es noch andere Erklärungen, die ich nicht berücksichtigt habe?“ Diese weitere Perspektive erlaubt uns zudem abzuwägen, ob wir wirklich brauchen, wonach wir streben und ob es wirklich wahr ist, dass wir ohne es nicht glücklich sein können. Dieses System kann die Aggression beruhigen. Es kann uns die Freiheit vermitteln, nicht nur die Gefahr oder das Verlangen des Augenblicks, sondern auch weitergehende Fragen zu berücksichtigen: „Was für ein Mensch möchte ich sein und wie kann ich es anstellen, ein ‚besserer Mensch‘ zu werden?“, „Was kann ich tun, um für die Menschen, die mir nahe sind und die ich liebe, gut zu sorgen?“, „Welche Bedingungen kann ich schaffen, um dies zu verwirklichen?“
Übung 2.3: Unsere Reaktion auf Sicherheit
Versuchen Sie sich an eine Situation zu erinnern, in der Sie sich sicher und vollkommen entspannt gefühlt haben. Wenn Ihnen keine Situation einfällt, schließen Sie einen Moment die Augen und stellen Sie sich einfach vor, wie es wäre, wenn Sie sich vollkommen entspannt, zufrieden und sicher fühlen würden.
• Welche Emotionen haben Sie erlebt? Wie haben Sie sich gefühlt? Was haben Sie körperlich empfunden?
• Denken Sie an Ihre Aufmerksamkeit. Worauf war sie gerichtet? Wo war Ihr Fokus? War Ihr Fokus weit oder eng?
• Woran haben Sie gedacht? In welcher Beziehung standen Ihre Gedanken mit Ihrer emotionalen Erfahrung?
• Was für Bilder oder Fantasien gingen Ihnen durch den Kopf?
• Welche Motivation konnten Sie entdecken? Was wollten Sie tun?
• Wie haben Sie sich verhalten?
Wenn wir unter dem Einfluss des Bedrohungssystems stehen (zum Beispiel Ärger oder Wut empfinden):
• Wir erleben bedrohliche Emotionen wie Wut und Angst.
• Unsere Gedanken und unsere Aufmerksamkeit sind auf Quellen potentieller Bedrohungen oder Gefahren fokussiert.
• Wir haben körperliche Empfindungen von Erregung und Spannung, und wenn wir wütend sind, können wir zusätzlich Schmerzen, Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen empfinden und unter Schlafstörungen leiden.
• Wir sehen nur wenige Möglichkeiten: Unsere Aufmerksamkeit verengt sich, und es kann sein, dass wir uns „gefangen“ fühlen.
• Es fällt uns schwer, jemanden um Hilfe zu bitten, weil wir in der Defensive sind und uns vielleicht isoliert fühlen.
Wenn wir ausgeglichen sind und unser Beruhigungssystem aktiv ist:
• Wir erleben weiter negative Emotionen, aber wir werden von ihnen nicht überwältigt.
• Wir haben eine bessere, weitere Perspektive und ein Gefühl von Selbstvertrauen, dass wir mit dem Bedrohungssystem und mit dem Antriebssystem arbeiten können.
• Wir können körperliche Entspannung empfinden und sind in der Lage, mit unserem Körper zu arbeiten, um Spannung abzubauen.
• Wir können flexibel denken und viele Optionen sehen. Wir können verschiedene Möglichkeiten abwägen, mit schwierigen Situationen zu arbeiten, und entscheiden, welche die beste ist.
• Wir fühlen uns mit anderen verbunden und können uns an sie wenden, wenn wir Hilfe oder Unterstützung brauchen.
Zusammenfassung
Wenn wir Emotionen aus der Sicht dieser drei Systeme zur Regulierung von Emotionen betrachten – der drei Kreise –, können wir Ärger und Wut aus einer weiteren Perspektive verstehen. Und wenn wir berücksichtigen, wie sich diese drei Systeme entwickelt haben, verstehen wir, warum Emotionen so funktionieren, wie sie das tun. Das Bedrohungssystem hat die Funktion, uns zu schützen, damit wir angesichts von Gefahren überleben können. Das Antriebssystem aktiviert uns dazu, Ressourcen zu suchen und uns zu verschaffen, Partner zur Fortpflanzung zu finden, nach sozialem Status zu streben und für unseren Lebensunterhalt zu arbeiten. Das Beruhigungssystem schließlich hilft uns, enge und nährende Beziehungen mit den Menschen einzugehen, die wir lieben, es hilft uns zu entspannen, wenn die Gefahren vorüber sind und wir unsere Arbeit getan haben. Es gleicht die Wirkungen der beiden anderen Systeme aus.
Zu Problemen mit Emotionen, die von Bedrohung oder Gefahr ausgelöst werden, kommt es, wenn die Systeme nicht im Gleichgewicht sind. Im dritten Kapitel werden wir untersuchen, wie es dazu kommen kann, und warum z. B. manche Menschen Probleme mit Ärger und Wut haben und andere anscheinend nicht. Wir werden auch untersuchen, warum Aggression so verschieden erlebt wird. Wenn wir diese Unterschiede verstehen, können wir auch Scham und Vorwürfe leichter loslassen, die unser Erleben von Ärger und Wut so oft begleiten, und uns mehr Mitgefühl entgegenbringen.
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