»Um den Preis hätten Sie es schon tun dürfen, Dagobert!«
»Niemals! Wir unterhielten uns natürlich ausgezeichnet. Das war noch auf Rechnung Ihres herrlichen Rheinweins und Ihres Heidsieck zu setzen, Frau Violet. Ich bot meine besten Havanna herum und erbat dafür eine Zigarette. Sofort wurden mir ein Dutzend Dosen entgegengestreckt. Ich lehnte ab. Ich hätte jetzt zu meinem kleinen Schwarzen gerade Gusto auf eine selbstgerollte. Nur einer in der Gesellschaft konnte dienen. Ich nahm die Dose – Sultan flor! «
»Ah!«
»Wir kamen ins Reden. Der Mann, der mir ausgeholfen hatte, erzählte eine Geschichte, und er leitete sie mit den Worten ein: Kinder, es war zum Schreien! Die Geschichte war recht abgeschmackt, aber die Einleitung hatte mich interessiert. Dann kam er auf Sie zu sprechen, und er erklärte, dass Violet heute einen Bombenerfolg gehabt habe.«
»Wer war das, Dagobert?«
»Lassen Sie mich auch weiterhin vorsichtig sein, Frau Violet.«
»Aber Sie scheinen nun doch schon wirklich nahe daran zu sein!«
»Vielleicht noch näher, als Sie glauben, Frau Violet. Ich werde morgen zu ungewohnter Zeit bei Ihnen sein, um zehn Uhr vormittags, und wenn wir morgen nicht zum Ziele kommen, auch die folgenden Tage zur selben Zeit. Ich bitte dich, Grumbach, auch so lange zu Hause zu bleiben, bis ich komme. Dein Büro wird dir inzwischen nicht davonlaufen.«
»Und jetzt wollen Sie gar nichts mehr sagen, Dagobert?«
»Ich kann nicht. Nur eins noch: sollte inzwischen wieder einer der Briefe kommen, dann bitte, halten Sie den Umschlag schräg gegen das Licht. Ich hoffe, dass Sie da eine neue Nuance entdecken werden. Ich vermute nämlich, dass nun die Tinte einen Metallglanz ausweisen wird.«
Als Dagobert am nächsten Vormittag wiederkam, fand er Grumbachs schon eifrig damit beschäftigt, einen eben empfangenen Brief immer und immer wieder schräg gegen das Licht zu halten. Unverkennbar; die Tinte wies einen metallischen, grüngoldigen Glanz auf. Frau Violet war in großer Aufregung.
»Dagobert«, rief sie, »Sie sind ein Hexenmeister! Wie konnten Sie das wissen?«
»Verzeihung, Gnädigste, dass ich selbst ein wenig unpünktlich war. Ich wollte eigentlich gern selbst dabei sein, wenn der Briefträger kam. Ich wusste ja nun zur Genüge, mit welcher Post diese holden Briefe zu kommen pflegen, aber Sie wissen ja, ich bin ein unverbesserlicher Langschläfer. Es tut übrigens nichts. Lassen Sie mal sehen. Richtig – der schönste Metallglanz – womit ich die Ehre habe, mich hochachtungsvoll und ergebenst –«
»Was, Dagobert – Sie wollen doch nicht jetzt gleich wieder davonrennen! Erst müssen Sie erzählen.«
»Ich darf keine Zeit verlieren, um die Klappe zu schließen, Frau Violet. Es gibt noch viel zu tun. Ich lade mich aber heute zu Tische bei Ihnen ein, und dann werde ich Ihnen Rede stehen, so viel Sie wollen.«
Er eilte davon und erschien erst nachmittag um fünf Uhr pünktlich zum Essen, wie er es versprochen hatte. Er speiste mit gutem Behagen, während Frau Violet in ihrer Aufregung die köstlichen Gerichte fast unberührt ließ. Sie konnte es kaum erwarten, seinen Bericht zu vernehmen, aber sie wusste, dass er bei Tische von der Sache nichts reden würde, und sie konnte es auch mit Rücksicht auf die Dienerschaft nicht wünschen.
Als sie sich’s aber nach dem Mahle im Rauchzimmer, Frau Violet auf ihrem Lieblingsplätzchen, bequem gemacht hatten, da erteilte sie ihm sofort das Wort.
»Die Arbeit ist getan, Frau Violet«, begann er. »Meine Mission ist erfüllt. Sie werden mit diesen elenden Briefen nicht mehr behelligt werden. Und auch du, Grumbach, wirst der Unannehmlichkeit enthoben sein.«
»Was mich betrifft«, erwiderte dieser, »so hätte es mich bei meiner Methode auch weiter nicht sonderlich gestört. Jedenfalls hast du mich aber wieder einmal tief zu Danke verpflichtet, Dagobert.«
»Erzählen Sie!« drängte Frau Violet.
»Ich weiß nicht, Gnädigste, ob es nicht rätlicher wäre, dass Sie sich mit der Tatsache der Befreiung begnügten, ohne nach den einzelnen Umständen zu forschen.«
»O nein, Dagobert, ich will alles wissen!«
»Gut. Also – den Missetäter hätten wir!«
»Wer ist es?«
»Wie ich bereits bemerkt habe, ein Zigarettenraucher, der glattrasiert ist. Wie ich daraufgekommen bin, wissen Sie. Wir waren bis dahin gekommen, dass mir einer Ihrer Freunde von seinem bürgerlichen Sultan flor anbot.«
»Wer ist das?«
»Am nächsten Tage machte ich diesem Manne meinen Besuch, und zwar zu einer Zeit, wo ich bestimmt wusste, dass er nicht zu Hause sein werde. Ich konnte das wissen; denn ich hatte mich erkundigt. Er war zu jener Zeit bei einer Bühnenprobe beschäftigt. Mein Besuch war nötig und nützlich. Ich konnte meine Vorkehrungen treffen. Als ich Sie heute Morgen verließ, fuhr ich zum Kriminalkommissär Dr. Weinlich. Das ist der einzige fähige Kopf bei unserer Kriminalpolizei. Wir sind befreundet und tauschen gelegentlich unsere Erfahrungen und Beobachtungen aus. Ich darf wohl sagen, ohne unbescheiden zu sein, dass wir uns gegenseitig anregen und gegenseitig voneinander lernen. Ich trug ihm den Fall vor und fragte ihn, ob er behilflich sein wolle, die bedrohte Ehre und den Frieden eines angesehenen Hauses zu schützen. Ich verlangte nicht ein amtliches Eingreifen, erklärte dieses sogar von vornherein für ausgeschlossen. Ich brauchte nur einen sachkundigen und eindrucksvollen Zeugen zu der Verhandlung, die ich vorhatte. Er war sofort mit von der Partie, und wir fuhren zu dem Manne, den wir diesesmal – dessen hatte ich mich schon versichert – zu Hause trafen. Der Schwarze ist heute übrigens wieder ganz vorzüglich, Frau Violet, und was Ihren Kognak betrifft, so wollte ich schon längst einmal fragen –«
»Ach, Dagobert, lassen Sie jetzt doch die Kognakfrage! Erzählen Sie weiter!«
»Nein, wirklich! Für Kognak, müssen Sie wissen, bin ich Kenner, und da –«
»Dagobert!«
»Also wir trafen den Mann zu Hause.«
»So sagen Sie doch endlich um Gottes willen, wer es ist!«
»Er empfing uns großartig. Auch zu Hanse ganz – père noble .«
»Dagobert! Sie wollen doch nicht sagen – –«
»Ich will.«
»Doch nicht Walter –«
»Walter Frankenburg, der große Mime und väterliche Menschenfreund.«
»Das ist entsetzlich!«
Er empfing uns also großartig. Mich wollte er gleich nur umarme, ich winkte aber gelassen ab. Ich machte es kurz und entschieden. Ich stellte den k. k. Polizeioberkommissär Dr. Weinlich vor, den ich gleich mitgebracht habe, da wir einer ganz niederträchtigen Lumperei auf der Spur seien. Dann zog ich zwei Briefe aus der Tasche, den von vorgestern und den heutigen, beide noch uneröffnet.
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