Dagobert prüfte die Adressen mit einer Taschenlupe und dachte dann intensiv nach. Dabei drehte er ganz in sich versunken an seinem Petrusschöpfchen, dass es sich bald in die Höhe reckte fast wie der Schopf eines Clowns.
»Da geht Männliches und Weibliches durcheinander, dass man förmlich verrückt werden könnte«, sagte er vor sich hin. »Das ist entweder ein sehr männliches Frauenzimmer oder ein weibischer Mann. Haben Sie gar keinen Verdacht, Frau Violet?«
»Nicht die leiseste Ahnung!«
»Auf die Grafologie dürfen wir hier also keine besonderen Hoffnungen setzen. Bei verstellter Handschrift – und hier ist sie mit System und Konsequenz verstellt – muss sie versagen. Hier können wir nur annehmen, dass die Hand, die das schrieb, für gewöhnlich eine schräge Schrift schreibt. Das ist alles. Durch die steile, aufrechte Stellung hier ist der Schriftcharakter natürlich völlig verändert, und es ist sehr die Frage, ob die Briefe mir genügende Anhaltspunkte bieten werden, den Originalcharakter zu rekonstruieren.«
»Sie haben also keine Hoffnung, Dagobert, den Schurken zu entlarven?«
»Der Fall interessiert mich, und ich werde mir Mühe geben. Vor allen Dingen muss ich das Material studieren. Es wäre ja auch möglich, dass aus dem Inhalt der Briefe, aus dem Stil, aus einzelnen Wendungen, aus der Orthografie Anhaltspunkte zu gewinnen wären. Im vorhinein lässt sich da gar nichts sagen. Wie vorsichtig gearbeitet wird, das können Sie beispielsweise aus den Poststempeln ersehen. Da sehen Sie, fast jeder Brief trägt einen anderen Stempel. Hier Postamt 66, hier Postamt 125, hier Postamt 13, 47, 59 – die Briefe wurden auf weiten Spaziergängen oder Spazierfahrten aufgegeben. Da geht es freilich nicht an, ein bestimmtes Postamt oder einen bestimmten Briefkasten zu überwachen.«
»Sie haben also wirklich keine Hoffnung?«
»Ich sagte, dass ich mir Mühe geben werde, also habe ich Hoffnung.«
»Das klingt recht zuversichtlich, Dagobert.«
»Schließlich darf man sich ja auch etwas zutrauen!«
»Sie sagten, dass Sie schon einen ähnlichen Fall gehabt hätten, Dagobert. Wie war es damit?« Frau Violet war begreiflicherweise sehr neugierig, darüber Näheres zu erfahren.
»Der Fall war, wie ich schon erwähnte, sehr einfach, aber er hat mir gleichwohl viel Vergnügen gemacht. Eines Tages erscheint der Adjutant des Erzherzogs Othmar bei mir und bescheidet mich in das erzherzogliche Palais. Ich gehe also gleich mit, und in einer Privataudienz macht mir der Erzherzog die schmeichelhafte Eröffnung, dass er mit ganz besonderem Interesse von einigen meiner Leistungen als Amateurdetektiv gehört habe. Auch er hätte nun einen Auftrag, beziehungsweise eine Bitte. Natürlich stellte ich mich sofort zur Verfügung und bemerkte, dass Seine Kaiserliche Hoheit nur zu befehlen hätte.
Der Fall lag wie hier. Es handelte sich um anonyme Briefe, und auch hier war nicht nur der Herr des Hauses, sondern auch seine durchlauchtigste Gemahlin mit ihnen bedacht worden. Der Erzherzog sagte mir, dass ihm viel daran läge, den Schreiber zu ermitteln, dass es ihm aber widerstrebe, sich an die Polizei zu wenden. Nach allem, was er gehört, hätte er in dieser Sache mehr Vertrauen zu mir.
Schön. Ich ließ mir die Briefe geben. Das war erstaunlich; es waren ihrer Hunderte! Ich nahm sie mit.«
»Waren sie auch so gemein?« fragte Frau Violet gespannt.
»O, meine Gnädigste, was man Ihnen auch geschrieben haben mag, es ist unmöglich, dass die Unflätigkeit und Gemeinheit, die dort aufgestapelt ward, erreicht, geschweige denn überboten worden ist.«
»Und Sie haben diese Schufterei enthüllt?!«
»Ich hatte Glück. Die Sache war in vierundzwanzig Stunden erledigt.«
»Erzählen Sie, Dagobert!«
»Als ich die Briefe an mich nahm, war auch dort meine erste Frage natürlich, ob die Hoheiten etwa schon einen Verdacht oder einen Anhaltspunkt hätten. Die Frage wurde verneint. Ich nahm also die Briefe mit nach Hause, las sie aufmerksam durch und überlegte dann reichlich zwei Stunden, ohne jedoch zu irgendeinem nennenswerten Resultat zu kommen. Der erste halbe Tag verging, ohne dass mir eine halbwegs vernünftige Idee eingefallen wäre. Erst in der Nacht, förmlich im Schlafe kam mir die Erleuchtung. Ich hatte mich zu Bett begeben, und nach langen fruchtlosen Bemühungen einzuschlafen, war endlich der erste Schlummer über mich gekommen, aus dem ich aber bald wie im Schrecken auffuhr. Nun war mit einem Male die Idee da, auf der sich weiter bauen ließ. Die Briefe lagen auf meinem Nachtkästchen. Ein feiner Chypreduft war von ihnen aus mir in die Nase gefahren. Chypre ist ein vornehmes Parfüm. Ich machte Licht, so viel Licht, als überhaupt möglich war und nahm die Briefe wieder vor. Da wurde mir sofort eines klar: das ganze intensive Studium der Schrift und des Inhalts der Briefe war vorderhand vollkommen überflüssig und nutzlos gewesen. Ich musste mich da nur an Äußerlichkeiten halten und konnte nur von diesen ausgehen. Bei aller Niedrigkeit des Inhalts umgab doch eine gewisse vornehme Atmosphäre die Briefe. Gewiss, auch da konnte bewusste, auf Täuschung und Irreführung gerichtete Absichtlichkeit mitspielen, aber immerhin – sie wies auf ein vornehmes Haus, wenn schon nicht auf vornehme Provenienz überhaupt. Es konnte ja ein tückischer Lakai oder eine boshafte Zofe die Hand im Spiele haben. Sie konnten das parfümierte Papier der Herrschaft entwendet haben. Von dem Parfüm erhoffte ich allerdings keine Aufklärung, aber – das Papier! Ich bin Kenner in Papiersorten. Es war das köstlichste und, ich kann sagen, das kostbarste Luxuspapier, das mir je in die Hände geraten war. Es war also ein ziemlich kostspieliger Luxus, solche Briefe massenhaft in die Welt zu senden, und wenn der Absender das Papier nicht stahl, dann musste er wohl in der Lage sein, sich diesen Luxus zu gönnen.
In aller Frühe setzte ich mich in meinen Unnummerierten und fuhr bei einigen besseren Papierhandlungen vor. Ich legte ein abgerissenes, unbeschriebenes Blatt eines Briefes vor und verlangte jene Sorte. Auf die Auskunft, die ich erhielt, war ich von vornherein gefasst gewesen. Diese Sorte führten sie nicht: sie sei zu teuer und fände wohl keinen Absatz. Die Auskunft freute mich. Damit war der Kreis für meine Nachforschungen schon bedeutend enger gezogen.
Nun betrat ich mit einiger Spannung den Laden ›L. Wiegand, k. k. Hoflieferant‹ am Graben. Ich wusste, dass dieses Geschäft zweifellos die vornehmste Kundschaft der Stadt habe. Ich zeigte das Muster, und der Chef, der mich persönlich bediente, legte mir sofort die gewünschte hochelegante Kassette mit hundert Bogen und den dazu gehörigen Umschlägen vor. ›Sechzig Kronen!‹ Ich kaufte, erbat aber eine Unterredung unter vier Augen.
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