Sie nickte stumm, und wie sie so völlig vernichtet dastand, begann sie mir leid zu tun. Was wollen Sie? Man hat seine kleinen Schwächen, und vor Frauenschönheit habe ich nie recht standhalten können. Ja doch, sie war eine schwer Schuldige, aber sie war reizend. Wir können da nicht stehenbleiben, redete ich weiter auf sie ein. Wollen Sie mich in Ihrem Wagen mitnehmen, oder ziehen Sie es vor, mit mir zu promenieren und uns unsere Wagen nachfahren zu lassen?
Sie zog das letztere vor, und so marschierten wir denn traulich nebeneinander.
Was werden Sie jetzt tun, Herr Trostler? fragte sie.
Was ich muss, Gräfin. Ich werde meinen hohen Austraggebern Bericht erstatten.
Sie werden meinen Namen nennen?
Ich muss wohl.
Damit werden Sie ein Todesurteil gesprochen haben.
Ein gesellschaftliches Todesurteil – vielleicht. Es wäre kein unverdientes.
Nicht nur gesellschaftlich. Wenn Sie das tun, dann lebe ich heute meinen letzten Tag.
Ich sah sie an. Das war nicht phrasenhaft gesprochen. In ihren Augen flimmerte etwas, was auf einen unerschütterlichen Entschluss deutete. Nun, wissen Sie, Frau Violet, man ist schließlich doch kein Unmensch. Es war ein schmähliches, ein hässliches Verbrechen, das da begangen worden war. Diese ideale Mädchenschönheit hatte Tag für Tag Worte niedergeschrieben, die einen Wachtmeister von den Dragonern hätten zum Erröten bringen müssen, aber ein Selbstmord – das hätte ich doch nicht gern aufs Gewissen genommen!«
»Sie haben sie doch nicht etwa straflos laufen lassen, Herr Dagobert?« rief Frau Violet mit kaum verhohlener Entrüstung.
»Nein; Strafe muss sein. Ich war nur schwankend, ob es gleich die Todesstrafe sein müsste. Ich hatte in meinem Gedächtnis einige Notizen über die gräfliche Familie Leys aufgespeichert. Der Vater der jungen Dame war Alkoholiker gewesen und ist im Delirium gestorben, ein Bruder war Epileptiker. Ohne Zweifel lag da eine erbliche Belastung vor, durch welche allein die perverse Neigung, so schändliche Dinge niederzuschreiben, bei diesem jungen Mädchen zu erklären war.«
»Die erbliche Belastung!« rief Frau Violet unmutig. »Das ist die übliche Ausflucht. Sagen Sie lieber ehrlich, Dagobert, Sie haben die Milderungsgründe gesucht!«
»Nicht die Milderungsgründe, nur die psychologische Erklärung für das scheinbar völlig Ungereimte. Lassen Sie mich’s kurz machen. Nach langem Hin- und Herreden gab ich zwar kein festes Versprechen, aber ich sagte zu, es zu versuchen, ihren Namen, wenn es halbwegs ginge, nicht preiszugeben. Da nahm sie aus ihrem Reticule 2eine zierliche kleine goldene Dose, öffnete sie und zeigte mir ihren Inhalt. Es waren ansehnliche Brocken von Cyankali. Ich kenne das. Das war genug, um ein ganzes Geschlecht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Sie sagte, durchaus nicht pathetisch, aber überzeugend, dass sie sich damit noch an demselben Tage vom Leben befreien werde, wenn ich ihren Namen bekanntgeben würde.
Ich nahm ihr das Döschen aus der Hand, um die wundervoll zarte Arbeit besser bewundern zu können. Es war ein Meisterwerk der Kleinkunst im Barockstil. Natürlich gab ich es ihr nicht zurück. Ich schloss einen Pakt mit ihr. Ich würde heute noch ganz bestimmt bei ihr vorsprechen und dann auch ihr die Dose samt Inhalt zurückgeben. Sie verspricht dagegen, bis dahin keinerlei Unbesonnenheit zu begehen und die Selbstmordidee definitiv aufzugeben, wenn es mir gelingen sollte, die ganze Angelegenheit zum Abschluss zu bringen, ohne ihren Namen zu verraten.«
»Haben Sie ihr nicht auch noch eine besondere Belohnung für ihre schöne Leistung versprochen?« fragte Frau Violet recht unmutig.
»Im Gegenteil, ich habe ihr eine Strafe diktiert. Unser Pakt war sehr klar. Ich liebe die Klarheit bei allen Abmachungen. Gelang es nur nicht, sie durch Geheimhaltung ihres Namens zu decken, dann – vogue la galère , 3dann war sie frei, zu tun, was sie für gut hielt. Sollte es mir aber gelingen, ihr den Dienst zu erweisen, dann hatte sie eine Buße auf sich zu nehmen.«
»Welche Buße?« forschte Frau Violet.
»Ich glaube streng genug gewesen zu sein. Das feierliche Versprechen, nie wieder so etwas zu tun, rechne ich natürlich nicht zur Buße. Das war selbstverständlich. Ich verlangte also entweder zwei Jahre Kloster oder fünfjährige, sofort anzutretende Verbannung aus Wien – widrigenfalls!! Sie entschied sich für das letztere. Wir schieden mit einem recht freundschaftlichen shake hands .
Ich fuhr nun ins erzherzogliche Palais und wurde sofort vorgelassen, obschon die hohen Herrschaften gerade beim Dejeuner 4saßen und ich durchaus nicht vollkommen etikettemäßig angezogen war. Das erzherzogliche Paar frühstückte allein. Auf einen Wink der hohen Hausfrau wurde auch für mich ein Gedeck aufgelegt, und ich hielt tapfer mit. Denn meine Expedition hatte mir Appetit gemacht.
So lange die aufwartende Dienerschaft ab und zu ging, wurde der Angelegenheit, die mich hergeführt hatte, keine Erwähnung getan. Erst als abgeräumt und die Luft rein war, kam Se. Kaiserliche Hoheit auf unsere Sache zu sprechen.
Nun, lieber Herr Dagobert, begann der Erzherzog lächelnd – beachten Sie wohl, meine Gnädigste, er sagte Dagobert, weil er gehört haben mochte, dass ich im Freundeskreis nur so genannt werde. Er wollte mir also damit einen Beweis seiner Huld geben. Sie kommen ohne Zweifel, um sich weitere Informationen zu erbitten. Leider können wir Ihnen aber mit solchen nicht dienen.
Ich komme zunächst nur als Briefbote, erwiderte ich, nahm den abgefangenen Brief aus der Tasche und überreichte ihn ehrfurchtsvoll der Frau Erzherzogin, an die er adressiert war.
Sie können sich denken, dass sie kein sehr gnädiges Gesicht dazu machte. Von solchen Briefen hatte sie nun schon gerade genug.
Ich bitte Ihre Kaiserliche Hoheit, fuhr ich fort, höchstihre Aufmerksamkeit auf einen Umstand zu lenken: der Brief trägt keinen Poststempel!
Es war der Erzherzog, dem zuerst ein Licht aufging.
Ja, aber dann – Herr Dagobert – schon wieder! dann müssten Sie ja eigentlich den Täter schon kennen! Oder was soll es sonst heißen?!
Es soll heißen, Kaiserliche Hoheit, dass ich der trüben Quelle auf den Grund gekommen bin und sie verstopft habe. Das war der letzte dieser Briefe und es wird kein weiterer folgen. Auch für diesen konnte schon die Vermittlung der Postanstalt umgangen werden. Ich verbürge mich dafür, dass keine Fortsetzung folgen wird.
Vielen, vielen Dank, Herr Dagobert!
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