Auch die Erzherzogin dankte bewegt und fragte: Wer also ist der Absender?
Eine Dame.
Eine Dame? Das ist unglaublich!
Es ist so, Hoheit – eine Dame der Gesellschaft.
Die Herrschaften mussten sich erst fassen, um daran glauben zu können. Dann forschten sie natürlich sehr eifrig nach dem Namen.
Ich erstattete zunächst Bericht über die Einzelheiten meiner Untersuchung, soweit ich es im gegebenen Falle für rätlich und zulässig hielt, und man kargte dabei nicht mit Lobsprüchen. Schließlich – man kann ja sagen, dass ich nicht frei bin von Eitelkeit, aber ich bin einmal nicht der Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellt.
Was nun den Namen betrifft, schloss ich meinen Bericht, so möchte ich die Entscheidung, ob ich ihn wirklich nennen soll oder nicht, der Weisheit und der Gnade Eurer Kaiserlichen Hoheiten selbst überlassen.
Ich schilderte die Dinge, wie sie lagen, und verschwieg nicht, dass die Preisgebung des Namens meinerseits aller Wahrscheinlichkeit nach eine Katastrophe zur Folge haben würde.
Der Erzherzog runzelte die Brauen. Hier sei doch wahrhaftig kein Anlass, besondere Gnade walten zu lassen.«
»Das glaube ich auch!« fiel hier Frau Violet dem Erzähler ins Wort. Sie war in sehr grausamer Stimmung gegen die feigen Absender von anonymen Briefen, und sie hatte ja guten Grund dazu.
»Ich plädiere dennoch für Milde, fuhr ich fort, und entwickelte auch meine Gründe dafür. Ich war überzeugt, dass die Androhung des Selbstmordes keine leere Redensart gewesen war. Ich wies zur Bekräftigung meiner Auffassung die goldene Dose mit den Cyankalistücken vor und fügte hinzu, dass ich versprochen hätte, sie heute noch zurückzustellen.
Das dürfen Sie nicht, Herr Dagobert! rief der Erzherzog.
Ich habe es versprochen. Kaiserliche Hoheit. Und dann – wenn einmal ein solcher Entschluss feststeht, dann weiß man sich auch ohne eine solche Dose zu behelfen. Ich werde den Namen nennen, wenn Ihre Hoheiten darauf bestehen, allein ich möchte zuvor einen Umstand der gnädigen Erwägung anheimgeben. Hoheiten haben gewünscht, dass die Angelegenheit in aller Stille und ohne Aussehen erledigt werde. Bei einem Selbstmord kann man nie wissen, ob nicht ein Brief zurückgelassen wird, der dann zu aufsehenerregenden und unerfreulichen Weiterungen führen könnte. Ich habe, Ihre gütige Zustimmung vorausgesetzt, der Verbrecherin die Strafe der fünfjährigen Verbannung von Wien auferlegt.
Der Erzherzog stimmte sofort zu, und seine rasche Sinnesänderung überraschte mich einigermaßen.
Übrigens glaube ich, sagte er mit einem Blick auf seine Gemahlin, dass wir hier das Urteil der Erzherzogin zu überlassen haben.
Die Erzherzogin hatte sinnend das tödliche Gift in der Dose betrachtet, die sie mir aus der Hand genommen hatte. Nun blickte sie auf und sagte: Es kommt mir nicht zu, ein Todesurteil zu sprechen.
Dann gab sie mir die Dose zurück, dankte noch einmal mit vieler Wärme und reichte mir die Hand zum Kusse. Während sie sich zurückzog, tippte mich der Erzherzog heimlich auf die Schulter. Ich nahm das als ein Zeichen, dass ich noch verweilen solle, um eine vertrauliche Mitteilung entgegenzunehmen, und hatte mich nicht getäuscht.
Einen Augenblick noch, Herr Dagobert; sagte er dann, als seine Gemahlin das Zimmer verlassen hatte, ich möchte Ihnen noch etwas sagen. Ich kenne die Täterin. Denn ich habe mit einem Blicke bemerkt, was sowohl Sie als meine Frau übersehen hatten. In den verschlungenen Ornamenten auf dem Deckel der Dose ist in winziger Ausführung und förmlich versteckt ein Wappen angebracht, das ich kenne.
Ich überzeugte mich und schämte mich. Das hatte ich wirklich übersehen!
Und doch waren Sie viel klüger als ich, Herr Dagobert. Es ist eigentlich eine sehr traurige Geschichte. Ich habe diese Dame geliebt, und ich darf annehmen, dass auch sie für mich gefühlt hat. Es ist wohl möglich, dass es die Liebe war, die hier in ihr hässlichstes Zerrbild umschlug, und es wird ganz gut sein, wenn der Dame nun einige Jahre Muße gegönnt werden, auf ihren Schlössern oder meinetwegen in London oder Paris über ihre schmähliche Verirrung nachzudenken. – – –
Das, Frau Violet, ist die Geschichte meines ersten Falles mit anonymen Briefen.«
»Sie haben doch die Gräfin wiedergesehen, Dagobert?«
»Natürlich; noch an demselben Tage; wie ich es versprochen hatte.«
»Nun – und?«
»Sie war gefasst, auf alles gefasst. Sie bereute und nahm die Strafe auf sich.«
»Eine schöne Strafe – auf den Schlössern oder in Paris!«
»Immerhin eine Strafe, Gnädigste, die Einkehr und Umkehr, vielleicht völlige Besserung möglich erscheinen ließ, während –!«
»Sie würden nicht so von Humanität triefen, lieber Freund, wenn sie vielleicht weniger hübsch gewesen wäre!«
»Wohl möglich; man soll nichts verschwören«, erwiderte Dagobert, indem er wieder an seinem Petrusschöpfchen drehte. »Jedenfalls war und bin ich auch mit mir in dieser Sache vollkommen zufrieden. Die Gräfin bat mich, die kleine Dose zum Andenken an sie und als Pfand ihrer Umwandlung zu behalten. Auch ich solle an sie denken, da sie in unauslöschlicher Dankbarkeit immer meiner gedenken werde. Ich behielt das Kleinod und habe es meiner Sammlung einverleibt.«
»Es fällt mir nur auf, Dagobert, dass ich in meinem Leben noch nichts von einem gräflichen Geschlecht der Leys gehört habe!.«
»Ja, haben Sie denn wirklich vorausgesetzt, meine Gnädigste, dass ich irgendeinem Menschen auf der Welt den wahren Namen verraten würde? Der Name war natürlich erfunden.«
»Aber die Person lebt?«
»Sie lebt, und sie hat ihr Versprechen bisher gehalten. Es ist auch wenig Aussicht vorhanden, dass sie bald oder überhaupt jemals wiederkehren sollte. Sie ist jetzt die Gattin eines Pairs im Auslande und soll dort eine große Rolle spielen.«
»Mich interessiert vornehmlich«, nahm nun Herr Grumbach, der bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, »wie eine feingebildete, hochstehende junge Dame zu einer so entsetzlichen und entehrenden Verirrung kommen kann.«
»Da sind wir ja wieder beim Ausgangspunkt«, entgegnete Dagobert. »Ich habe die ganze Geschichte nur erzählt, um darzutun, dass wir uns vor vorgefassten Meinungen zu hüten haben. ›So schreibt keine Frau!‹ hat Frau Violet in kategorischer und fast jeden Widerspruch ausschließender Weise ausgerufen. Ich habe gezeigt, dass allerdings eine Frau und sogar ein zartes Mädchen so schreiben kann und noch ärger. Damit will ich ja nicht sagen, dass auch diese Briefe von einer weiblichen Hand herrühren müssten, ich wollte nur zur Vorsicht mahnen und vor vorschnellem Urteil warnen.«
Читать дальше