Als der Rummel glücklich vorüber war, saßen die drei eines Tages wieder traulich beisammen im Rauchzimmer, und Dagobert machte der Hausfrau Komplimente über ihre beiden schönen Feste.
»Man spricht in der Stadt davon«, sagte er, »und man ist einig in der Bewunderung Ihrer Hausfrauentugenden, Frau Violet.«
»Waren Sie auch zufrieden mit mir, Dagobert?«
»Ich war einfach entzückt.«
»Das freut mich. Denn ich weiß, Sie sind ein strenger Kritiker, Dagobert. Einen Verdacht aber werde ich doch nicht los. Mir ist nämlich nachträglich die Idee gekommen, dass ich diese Soireen eigentlich für Sie machen musste?«
»Für mich?!«
»Jawohl, zu Studienzwecken. Mir ist, als hätten Sie die ganzen Veranstaltungen in irgendeiner Weise mit Ihren Untersuchungen in der Angelegenheit der Briefe in Zusammenhang bringen wollen.«
»Ich beuge mein Haupt, Gnädigste; Sie haben mich durchschaut.«
»Nun – hat es wenigstens etwas genützt?«
»Ich glaube wohl, dass wir um einen Schritt vorwärts gekommen sind. Aus dem Inhalt der Briefe geht hervor, dass ihr Absender zu den Bekannten, vielleicht zu den Intimen des Hauses gehört. Diese wollte ich nun gern einmal beisammen sehen. Ich hätte es auch schon als einen Erfolg angesehen, wenn das Ergebnis ein rein negatives gewesen wäre, und ich die Überzeugung gewonnen hätte, dass der Briefschreiber nicht in Ihrem engeren Kreise zu suchen sei.«
»Es wäre mir sehr lieb, Dagobert, wenn Sie zu dieser Überzeugung gelangt sein sollten, und ich hätte gar nichts dagegen, wenn meine Mühe eine vergebliche gewesen wäre.«
»Dann müsste ich mir Vorwürfe machen, dass ich sie Ihnen verursacht habe.«
»Haben Sie wirklich etwas gefunden, Dagobert?«
»Ich habe mich in einer Meinung bestärkt, und das ist schon etwas. Ich habe meine Spur, und ich glaube, dass sie die richtige ist.«
»Dagobert, das wäre großartig, wenn Sie uns diesen Dienst leisten könnten! Sagen Sie, wen Sie im Verdacht haben.«
»Das geht nicht so schnell, meine Gnädigste. Mit Vermutungen ist uns nicht geholfen. Wir müssen Beweise haben.«
»Quälen Sie mich nicht so, Dagobert! Sie wissen etwas; sagen Sie es!«
»Es tut nicht gut, vorzeitig zu plaudern. Ich setze voraus, Gnädigste, dass selbstverständlich auch Sie mit keinem Menschen über diese hässliche Affäre gesprochen haben.«
»Selbstverständlich nicht, das heißt, einem habe ich doch mein Herz ausgeschüttet, aber das ist so, als wenn ich es niemandem gesagt hätte. Walter Frankenburg –«
»Walter Frankenburg!«
»– ist mein ältester Freund noch von der Bühne her, und er war mir schon damals ein wahrhaft väterlicher Freund. Als ich heiratete, war er mein Beistand vor dem Altar. Das ist ein Mensch, dem ich alles sagen darf.«
»Ich habe Sie beobachtet, Gnädigste, als Sie mit ihm sprachen, und ich hätte vorhin meine Bemerkung nicht gemacht, wenn ich nicht vermutet hätte, dass Sie ihn ins Vertrauen gezogen haben.«
»Daraus können Sie mir keinen Vorwurf machen. Dagobert. Der Mann ist verlässlich.«
»Ich hätte es für besser gehalten, überhaupt nicht zu sprechen. Haben Sie ihm am Ende auch mitgeteilt, dass Sie mich mit den Nachforschungen betraut haben?«
»Sie wurden nicht erwähnt, Dagobert. Ich wiederhole, dass ich für Walter Frankenburg die Hand ins Feuer lege. Er ist ein wahrhaft edler und ehrenhafter Mensch, aber lassen wir das jetzt. Erzählen Sie lieber von Ihren Beobachtungen.«
»Wir hatten also zwei Gruppen von Gästen, die Gruppe Grumbach und die Gruppe Frau Violet. Auf die erstere hatte ich von Haus aus wenig Hoffnung gesetzt. All die Großindustriellen und Finanzbarone – die haben doch gemeiniglich andere Sorgen, als sich Tag für Tag hinzusetzen und anonyme Briefe zu schmieren. Sie haben auch nicht die Zeit dazu oder sie nehmen sich sie nicht. Mehr Aussicht bot schon die zweite Gruppe, das Künstlervölkchen.«
»Ich danke im Namen der Künstler für das Kompliment!«
»Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen, Frau Violet. Wenn Sie darauf bestehen, will ich Ihnen sogar bestätigen, dass Neid und Missgunst und Gehässigkeit Untugenden sind, die in der Schauspielerwelt gar niemals vorkommen. So bin ich!«
»Ich bestehe nicht darauf.«
»Schön. Ich habe Ihnen schon neulich erwähnt, dass die Briefe wahrscheinlich von einem glattrasierten Manne geschrieben worden seien. Ich wollte damit nicht die Meinung erwecken, dass ich imstande sei, das aus der Schrift zu entdecken. Die Wahrheit ist, dass ich die Briefe sehr genau auch auf ihre stilistische Ausdrucksweise hin durchstudiert habe. Da waren mir gewisse wiederkehrende Wendungen und Ausdrücke aufgefallen. Es ist – um einige Beispiele anzuführen – es ist zum Schreien – ich freue mich diebisch – eine Bombenrolle – die talentlose Bestie – die Reklametrompete – die Beispiele ließen sich noch häufen. Nun, Frau Violet, finden Sie darin nicht doch einen Fingerzeig?«
»Allerdings, Dagobert, wenn man einmal aufmerksam gemacht wird!«
»Ich durfte also vermuten, dass ein glattrasierter Herr der Verfasser ist.«
»Warum gerade ein Herr?«
»Ich erinnere Sie an den Sultan flor .«
»Es gibt auch rauchende Damen!«
»Allerdings, aber sie rauchen nicht Tschibuk und gewöhnlich rollen sie sich auch die Zigaretten nicht selber. Ich habe mir also die Leutchen bei Ihnen gut angesehen und beim allgemeinen Aufbruch schloss ich mich einer Gruppe an, die mir einige Aussichten zu bieten schien.«
»Ich habe es wohl bemerkt, Dagobert. Auch Walter Frankenburg schloss sich Ihnen an.«
»Er kam auch mit, und ich bestätige Ihnen gern, dass er in seinen Kreisen ein hohes Ansehen genießt. Er ist auch außerhalb der Bühne ganz père noble 5Wir gingen nach gewohnter Sitte noch in ein Kaffeehaus. Natürlich wurde Ihr Abend besprochen und gründlich rezensiert, Frau Violet.«
»Bin ich sehr stark ausgerichtet worden?«
»Nicht im mindesten, ich versichere. Im Gegenteil. Einen Augenblick allerdings fühlte ich mich versucht, mit dem Ausrichten zu beginnen, um die anderen zur Fortsetzung zu animieren.«
»Ein schöner Freund!«
»Ich habe es nicht getan, ob schon ich mir wohl einen Erfolg davon versprechen konnte. In dem Briefschreiber muss sich doch ein starker Bodensatz von Gehässigkeit angesammelt haben, und davon musste, wenn er sich in der Gesellschaft befand, in der Arglosigkeit etwas zum Vorschein kommen. Seien Sie ruhig, Frau Violet; ich habe es nicht getan. Man hat seine Grundsätze, und als Agent provocateur würde ich selbst im alleräußersten Notfall nicht auftreten.«
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