Der Mann führte mich in das kleine Kontor, das sich hinten an seinen Laden schloss.
Ich möchte von Ihnen erfahren, Herr Wiegand, begann ich, ob dieses Papier auch noch in einem anderen Geschäft in Wien verkauft wird.
Ganz bestimmt nicht, erwiderte er selbstbewusst. Die Bezugsquelle ist mein Geheimnis.
Es ist englisches Fabrikat, schaltete ich ein, um ein wenig mit meiner Sachkenntnis zu protzen.
Allerdings, aber es gibt nur eine Fabrik, die es erzeugt. Für die anderen Geschäfte, fügte er geringschätzig hinzu, ist das auch kein Artikel. Es würde ihnen liegen bleiben.
Verkaufen Sie viel davon?
O, sehr viel! Ich bin zufrieden.
Ich sah, dass ich die Geschichte nicht ganz richtig angepackt hatte. Wenn ich den jetzt noch weiter renommieren ließ, dann kam ich von meinem Ziele nur immer mehr ab. Ich nahm also, gewissermaßen um mich zu legitimieren, ein Dutzend Briefe aus der Tasche und zeigte ihm die Aufschriften. Die Wirkung war eine befriedigende; sein Gesicht nahm sofort einen ehrfürchtigen Ausdruck an.
Herr Wiegand, sagte ich, Sie sind Hoflieferant und sicher muss Ihnen daran gelegen sein, sich den Hof zu verpflichten.
Er verbeugte sich sehr devot und legte die Hand aufs Herz, um anzudeuten, dass – für den Hof! – er bereit sei, auch sein Leben zu lassen.
Also, Herr Wiegand, fuhr ich fort, Sie werden sich die höchsten Herrschaften zu Danke verbinden, wenn Sie mir einige Fragen beantworten. Verkaufen Sie wirklich viel von dem Papier?
Herr, ich mache mein Geschäft damit. Es geht mit dem übrigen. Davon allein könnte ich natürlich nicht leben.
Das kann ich mir denken. Sind Sie in der Lage, die hauptsächlichsten Abnehmer für diesen Artikel namhaft zu machen? Merken Sie wohl auf, Herr Wiegand, den Kaiserlichen Hoheiten ist die präzise Beantwortung dieser Frage von besonderer Wichtigkeit!
Der Mann war ganz Bereitwilligkeit und Ergebenheit. Er knickte förmlich zusammen, so oft ich der hohen Herrschaften Erwähnung tat. Er dachte nach und gestand dann, dass er für dieses Papier eigentlich nur drei Kundschaften habe. Er liefere das Papier für den serbischen Hof, dann sei Lady Primrose von der englischen Botschaft Abnehmerin, die stärkste Kundschaft sei aber Gräfin Tildi Leys, die monatlich mindestens einmal erscheine, um eine Kassette zu kaufen. Ich danke Ihnen, Herr Wiegand, ich werde nicht ermangeln, Ihre gütige Bereitwilligkeit hohen Orts entsprechend hervorzuheben.
Dann ging ich. Ich war befriedigt. Denn nun war der Kreis doch schon recht eng gezogen. Also drei Ausgangspunkte und alle drei eigentlich gleichwertig. So musste ich sie einschätzen. Denn ich habe es mir bei meinem Metier zum Grundsatz gemacht, von vornherein gar nichts als unwahrscheinlich anzunehmen, wenn ich nicht gute Gründe für eine solche Annahme hatte.
Anzufangen war hier zweifelsohne mit der Gräfin Leys. Nicht nur weil da die Nachforschung am leichtesten und bequemsten schien, sondern weil da schon eine bestimmte, vielversprechende Angabe vorlag. Der starke Verbrauch war doch auffällig.
Ich sah auf die Uhr: zehn Uhr. Aus den Poststempeln der Briefe hatte ich erkundet, dass sie an verschiedenen Stellen zwar, aber doch fast ausnahmslos zur selben Zeit, so gegen zwölf Uhr mittags aufgegeben worden waren.
Meinen Wagen dirigierte ich in die Reisnerstraße und ließ gegenüber von dem Palais Leys halten, und da blieb ich nun in den Wagen zurückgelehnt als Beobachtungsposten. Bei meinem Geschäft muss man Geduld haben. Ich ließ mich’s nicht verdrießen und hatte ein scharfes Auge darauf, wer aus dem Hause ging. Die Dienerschaft interessierte mich nicht. Denn zweierlei war mir schon klar geworden: erstens dass die Briefe nicht aus dem Kreise der Dienerschaft hervorgegangen waren. Wenn die Gräfin monatlich ungefähr nur eine Kassette verbrauchte – was freilich unter normalen Verhältnissen schon sehr viel war – so war es doch unmöglich, dass ihr unbemerkt so viel von dem Papier gestohlen werden konnte, als für jene massenhaften Briefe nötig war. Und zweitens: Wenn man schon solche Briefe schreibt, dann vertraut man ihre Aufgabe nicht der Dienerschaft an. Derlei besorgt man schon selber und höchst persönlich.
Ungefähr eine Stunde hatte ich gewartet, als aus dem Palasttore ein pompöser Portier heraustrat, um die Ausfahrt einer Equipage 1zu sichern. Ich gab meinem Kutscher einen Wink. Wir fuhren dem Wagen nach.
So lange wir fuhren, blieb ich ruhig sitzen; da konnte nichts geschehen. Als aber nach einer ausgiebigen, etwa halbstündigen Spazierfahrt haltgemacht wurde, sprang ich rasch aus dem Wagen. Wir waren auf dem Schottenring, und der schönste Frühlingssonnenschein beleuchtete die Szenerie.
Ein rascher Blick belehrte mich, dass ein Briefkasten in der Nähe war. Aus der Equipage stieg, unterstützt von einem am Schlag stehenden Bedienten, eine elegante junge Dame von ganz außerordentlicher Schönheit, blond, das reine Madonnengesicht. Sie schritt zum Briefkasten. Ich war rascher dort, öffnete die Klappe und hielt sie, als wolle ich ihr den Vortritt lassen oder gar behilflich sein. Sie dankte mit einer leichten Neigung des Kopfes und einem verbindlichen Lächeln. Als sie dann ihren Brief in den Spalt schieben wollte, entriss ich ihn mit einem raschen Schwung ihren Fingern und brachte ihn in meiner Tasche in Sicherheit.
Entsetzt und wie gelähmt blickte sie auf mich; sie brachte zunächst kein Wort hervor und war dem Umsinken nahe.
Verzeihen Sie, Gräfin, sagte ich, das musste sein!
Nun erst fand sie wieder Worte.
Wer sind Sie? Was wollen Sie? Sie haben da eine Infamie begangen. Geben Sie nur meinen Brief wieder, oder ich nehme die Hilfe der Polizei in Anspruch.
Das wäre das beste, was Sie tun könnten. Gräfin. Ich mache darauf aufmerksam, dass wir gerade vor der Polizeidirektion stehen – wenn es also gefällig ist –! Ich habe hier noch einige Briefe, die wir zur Vergleichung mit heranziehen könnten.
Ich zog ein Päckchen Briefe aus der Tasche und zeigte sie ihr. Sie wurde sehr bleich und war nun nahe daran, ihre ganze Fassung zu verlieren. Der Bediente, der jetzt erst zu bemerken schien, dass da nicht alles ganz in Ordnung sei, rückte nun heran, gleichsam zu ihrem Schutze.
Vor allen Dingen, Gräfin, schaffen Sie uns den Bengel vom Halse. Er braucht nicht zu hören, was wir verhandeln.
Ein Blick von ihr beorderte die Bedientenseele zurück.
Und nun, Gräfin, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Dagobert Trostler, bin, was Sie vielleicht beruhigen wird, keine Amtsperson, bin aber von den Hoheiten beauftragt, dem hässlichen Spuk ein Ende zu machen. Es war der letzte derartige Brief, den Sie geschrieben haben.
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