Ringhoff nahm seinen Hut, verneigte sich und verließ die A. B. B., um sie nie wieder zu betreten.
1 französische Redewendung: ›Mach die Frau ausfindig!‹, gemeint ist: ›Da steckt eine Frau dahinter!‹ <<<
Seit einiger Zeit ward Andreas Grumbach, der Präsident des Klubs der Industriellen, durch häufig wiederkehrende anonyme Briefe behelligt, die indessen ihren Zweck nur in recht unvollkommenem Maße erfüllten. Andreas Grumbach zählt, vermöge seines Reichtums, seines Ansehens in geschäftlichen Kreisen und seiner gesellschaftlichen Stellung zu den Großen dieser Welt, und diese lassen sich durch Briefe so leicht nicht ins Bockshorn jagen. Wenn man täglich seine hundert und mehr Briefe empfängt und durchfliegt, so wird man bald doch recht abgestumpft, und mancher Absender würde sehr enttäuscht sein in seinen Erwartungen und etwaigen Hoffnungen, wenn er selber sähe, wie wenig tief die moralische Wirkung geht, die er mit seinem Schreiben zu erzielen gedachte. Da ist keine Spur mehr von jenen Gemütsbewegungen, welchen der beim Anblick eines Briefträgers unterworfen ist, der alle heiligen Zeiten einmal einen Brief erhält.
Andreas Grumbach kannte die Briefe bald. Es war immer dasselbe eigentümliche Papier und sie wiesen immer dieselbe eigentümliche steile Handschrift auf, und er warf sie nun immer uneröffnet in den Papierkorb. Damit wäre die Sache abgetan gewesen. Es kam aber etwas dazu, was den Fall einigermaßen komplizierte. Auch Grumbachs Gemahlin wurde mit derartigen Briefen förmlich überschüttet und sie brachte ihnen gegenüber nicht dieselbe kühle Philosophie auf, wie ihr Mann. Sie war unglücklich, weinte viel, ward nervös und getraute sich gar nicht mehr unter die Leute. Alles Zureden half nichts. Sie kam aus den Erregungen gar nicht mehr heraus, sie hatte keine frohe Stunde mehr und ihr Leben war geradezu zerstört.
Auch Frau Grumbach nahm eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft ein und sie war auf sie ängstlicher bedacht, als es wohl unumgänglich nötig gewesen wäre. Denn niemand dachte daran, sie zu bestreiten oder gar zu untergraben; aber in ihr selbst wirkte noch ein Gefühl der Unsicherheit. Sie war die kleine Schauspielerin Violet Moorlank, als Grumbach sie nahm, und daher noch die Unsicherheit. Nie hatte sich zwar die üble Nachrede an sie herangewagt, aber die heimliche Angst, dass die Gesellschaft sie nicht werde anerkennen und für voll nehmen wollen, war sie doch niemals ganz los geworden. Diese Angst war nun ganz überflüssig; denn ihres Gatten Ansehen war gefestigt und stark genug, um auch ihre Stellung zu einer durchaus unangefochtenen zu machen, aber sie bestand einmal, war nie ganz auszutilgen und ward nun natürlich maßlos gesteigert durch jene infamen Briefe mit ihrem tückischen, hämischen und unsäglich gemeinem Inhalt.
Da entschloss sich denn Andreas Grumbach, doch alles daranzusetzen, um der Sache womöglich ein Ende zu machen. Er hatte ja seinen Freund Dagobert Trostler, den gedienten Lebemann, dessen große Passion es war, sich in der ihm reichlich zugemessenen Zeit der Muße als Amateurdetektiv zu betätigen. Der hatte ihm schon in manchen schwierigen und heiklen Fällen mit seiner Findigkeit und Kunst der Kombination wesentliche Dienste geleistet, er würde sicherlich auch da Rat schaffen können.
Dagobert war Hausfreund bei Grumbachs, und als sie nun wieder einmal zu dritt bei Tische saßen, setzte ihm Grumbach den Fall auseinander, indem er ihm zunächst nur von jenen Briefen sprach, die ihm gesandt worden waren.
»Also das ist es, Frau Violet!« entgegnete Dagobert, sich an die Hausfrau wendend. »Wissen Sie, Gnädigste, dass ich schon ernstlich böse war auf Sie! Sie haben einen Kummer und halten ihn geheim vor mir, sagen mir kein Sterbenswörtchen. Gehört sich das?«
»Wer spricht denn von mir?«
»Wir sprechen nur von Ihnen. Ihr Mann ist ein – Mann und ein Mann setzt sich leicht über gewisse Bübereien hinweg. Ich müsste mich aber schlecht verstehen auf die Psychologie jener anonymen Bestien, wenn ich annähme, dass sie sich damit begnügten, nur den Mann zu quälen, wo sich ihnen eine so schöne Gelegenheit darbietet, auch die Frau zu malträtieren. Das ist ja immer noch das dankbarere und sicherere Unternehmen.«
»Dagobert, vor Ihnen kann man wirklich nichts geheimhalten!« entgegnete Frau Violet. »Nun denn – ja; ich werde malträtiert mit diesen fürchterlichen Briefen, und sie werden mich noch zur Verzweiflung treiben.«
»Es war mir nach den Andeutungen Ihres Mannes nicht schwer, Ihrem Kummer auf den Grund zu kommen. Dass ein Kummer bestand, wusste ich und habe ich Ihnen längst angesehen. Da Sie aber fortgesetzt schwiegen, durfte ich nicht fragen. Wollen Sie mir die Briefe zeigen?«
»Nicht um die Welt!«
»Ich begreife; sie sind zu unflätig, aber schließlich – es wird doch nötig sein, wenn wir versuchen wollen, den Täter oder – die Täterin zu entdecken.«
»Die Täterin? So schreibt keine Frau!«
»Hüten wir uns vor vorgefassten Meinungen! Sie kennen meine Anschauungen, Frau Violet. In allem Guten und Großen stelle ich die Frau höher als den Mann; in allem Bösen, oder sagen wir lieber in aller Bosheit stelle ich sie tiefer. Jedenfalls geben Sie mir die Briefe und zwar alle, die Sie haben. Grumbach hat die seinigen weggeworfen. Das war übereilt und ist sehr schade. Je mehr Material ich habe, desto eher kann ich hoffen, eine Spur zu entdecken.«
Frau Violet brachte die Briefe, einen ganzen Stoß, wohl an sechzig oder achtzig Stück.
»Sie dürfen sie aber nicht in meiner Gegenwart lesen«, verwahrte sich Frau Violet, »ich müsste vor Scham in die Erde sinken.«
»Ich werde sie zu Hause studieren«, beruhigte sie Dagobert. »Untersuchen wir also hier zunächst nur einige Äußerlichkeiten. Die Briefe sind alle vollkommen gleichförmig. Resedagrünes Papier mit der Ambition elegant zu sein, und dabei doch nur eine billige und schlechte Imitation des gediegenen geschöpften holländischen Büttenpapieres – leider!«
»Warum – ›leider‹, Dagobert?«
»Weil ich schon im Stillen gewisse Hoffnungen gehegt hatte. Ich hatte nämlich schon einmal einen Fall mit anonymen Briefen. Der war aber kinderleicht. Der vorliegende scheint weitaus schwieriger zu sein.« »Was war das für ein Fall? Das müssen Sie erzählen, Dagobert!«
»Mit Vergnügen, meine Gnädigste, aber vorläufig wollen wir bei der Sache bleiben. Alles deutet darauf hin, dass der Absender oder die Absenderin mit großer Vorsicht arbeitet. Die Schrift nämlich lässt einen Schluss auf das Geschlecht nicht zu. Ich darf das sagen; denn was in Sachen der Grafologie durch Studium und Beobachtung zu erlernen ist, das habe ich zu lernen mich redlich bemüht.«
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