»Weiter, kommen wir zum Schluss!«
»Ich bin schon dabei. Erst wollte ich Ihnen nur noch zweierlei sagen: Erstlich, dass Sie infolge meiner freundlichen Bemühungen schon längst hinter Schloss und Riegel säßen, wenn es nicht das Interesse der A. B. B. erforderte, dass Ihre Gaunerei – Sie haben doch nichts dagegen, dass ich mir in diesem Stadium kein Blatt mehr vor den Mund nehme? – nicht an die große Glocke gehängt werde. Aber ausgeschlossen ist natürlich auch das nicht, wenn unsere Unterhandlungen hier nicht zu dem gewünschten Ziele führen sollten. Und zweitens: man hat allerdings seine Grundsätze, und ich werde tatsächlich nie etwas Ungesetzliches oder auch nur Ungehöriges tun. Es ist aber weder ungesetzlich noch ungehörig, dass der Herr die Sachen eines ungetreuen Dieners durchsucht, mein Herr Generaldirektor! Der Präsident war bei der Durchsuchung zugegen.«
»Vollenden Sie!«
»Viel habe ich nicht gefunden. Dass Sie die Zeugnisse Ihrer unreinlichen galanten Abenteuer lieber in Ihrem Büro aufheben als im Bereiche Ihrer Frau, das begreift sich, das geht uns nicht an. Also nicht viel, aber doch zwei wertvolle Fingerzeige. Erstens die bereits erwähnte Adresse, und zweitens der Nachweis Ihrer Verbindung mit der Nationalbank unter dem Decknamen Ihrer Frau Schwiegermama.«
»Das ist kein Deckname. Das Geld gehört tatsächlich ihr!«
»Es wäre schlimm für uns, wenn es so wäre, aber es ist nicht so. Sehen Sie, Herr Generaldirektor, ohne es zu wollen, haben Sie mir zu einer von mir selbst nicht gewollten Karriere verholfen. Erst musste ich Verwaltungsrat werden, und dann wurde es unbedingt nötig, dass ich Zensor der Nationalbank wurde. Mit der mächtigen Hilfe unseres Präsidenten ging auch das. Ich musste es werden, um ganz genauen Einblick zu gewinnen. Mir können Sie also jetzt keine Romane über Ihre Frau Schwiegermama erzählen. Schließlich werde ich, und zwar heute noch, sogar Generaldirektor werden, aber nur für so lange, bis wir einen geeigneten Ersatz für Sie gefunden haben werden.«
»Sie tun immer, als wenn ich defraudiert hätte. Das werden Sie mir doch erst beweisen müssen!«
»Aber, lieber Generaldirektor – es ist wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich Sie so nennen darf –, begreifen Sie denn Ihre Situation noch immer nicht? Ich kann Ihnen mit wenigen Worten verraten, wie Sie es angestellt haben. Sie kannten Benk von früher her und wussten, dass es die Sehnsucht seines Lebens war, sich in Amerika, in der Atmosphäre der Freiheit, einen Wirkungskreis zu schaffen. Als er seine Bücher abgeschlossen hatte und seinen Urlaub antreten wollte, boten sie ihm sechzigtausend Kronen dafür, dass er spurlos verschwinde. Ein Makel könne auf seinen Namen nicht fallen, da er doch die Kasse in voller Ordnung übergeben und sein Absolutorium in der Tasche habe. Sein Verschwinden werde zwar Bestürzung aber sonst keinerlei Nachteil hervorrufen. Für Sie würde die Bestürzung von unermesslichem Vorteil zur Befestigung Ihrer Stellung sein. Denn Sie seien dann der einzige, der für den weiteren ungestörten Gang der Maschine sorgen könne, und damit sei Ihre Unentbehrlichkeit eklatant dokumentiert. Das sei Ihnen das Opfer wert. Benk ließ sich überreden, umso eher, als Sie ihn schon von der Schule her kannten. Sie duzten sich ja auch, nur freilich auf Ihren Wunsch in der Bank nicht.«
»Es ging einfach nicht – der anderen Beamten wegen.«
»Ich begreife. Nun konnte also der große Coup von Ihnen gewagt werden. Sie fühlten sich sicher. Der Verdacht würde doch auf den verschwundenen Kassier fallen. Sie konnten wissen oder doch mit gutem Grund annehmen, dass man aus Scheu vor dem öffentlichen Skandal von der gerichtlichen Anzeige absehen werde. Übrigens hatten Sie auch für diesen Fall Ihre Maßnahmen getroffen. Soll ich Sie Ihnen rekapitulieren?«
»Ich danke, ich verzichte.«
»Gut, so will ich nur andeuten, dass ich unter anderen auch bei der H. A. P. A. G. – das ist die Hamburg-amerikanische Paketboot-Aktiengesellschaft – einiges erhoben habe. Ich habe mir die Nummer der Kajüte notiert, die Sie auf der ›Kolumbia‹ gemietet hatten. Die Urlaubsverhältnisse hätten Ihnen hinlänglich Zeit zu dem wünschenswerten Vorsprung gewährt.«
»Was wollen Sie nun von mir?«
»Eine Kleinigkeit, Ihre Unterschrift. Sie haben das durch Vollmacht ausgewiesene Verfügungsrecht über das Depot Ihrer ›Schwiegermama‹ bei der Nationalbank. Das Depot reicht gerade aus, um den Schaden der A. B. B. zu decken. Diese Vollmacht werden Sie auf mich übertragen. Hier ist das vollständig adjustierte Schriftstück, Sie brauchen nur Ihren werten Namen darunter zu setzen.«
»Das werde ich nicht tun!«
»Wie Sie glauben, – genötigt wird nicht. Ich wollte Ihr Bestes, und nur wenn Sie sich selbst davon überzeugt haben, sollen Sie unterschreiben, sonst nicht. Die Verhältnisse haben sich nämlich zu Ihren Ungunsten verschoben, geehrter Herr. Alle Vorkehrungen zur Sicherung jenes Depots sind getroffen, falls Sie sich wirklich weigern sollten. Sie müssten sich nämlich klar machen, dass die A. B. B. jetzt keine Ursache mehr hat, die gerichtliche Anzeige zu scheuen. Der etwaige üble Eindruck der Nachricht von dem großen Unterschleif würde durch die Tatsache paralysiert werden, dass man nicht nur deren Urheber prompt erwischt, sondern auch für die sofortige Schadensgutmachung prompt gesorgt hat. Nun – was meinen Sie?«
Der Generaldirektor unterschrieb. Dagobert fertigte einen im Vorzimmer des Auftrages harrenden Vertrauensmann mit dem Schriftstück ab.
»Nur noch zwei Minuten«, nahm er dann wieder das Wort. »Die Nationalbank ist ja gleich daneben. Inzwischen kann ich Ihnen ja sagen, dass es eine sinnige Überraschung für unseren Herrn Präsidenten sein wird, eine unschuldige Freude, die er nicht erwartet hat. Denn ich habe weder ihm, noch sonst jemandem von dem Fortgange meiner Bemühungen berichtet. Ich liebe es, mit fertigen Tatsachen zu kommen. Man hat so seine Eigenheiten!«
Nach wenigen Minuten ertönte wirklich ein Signal vom Telefonapparat am Schreibtisch her. Der Generaldirektor legte die Hörmuschel ans Ohr.
»Die Nationalbank«, meldete er, »ich verstehe aber nicht –, der Mohr kann gehen – Schluss!«
»Ganz richtig!« rief Dagobert. »Das ist das Schlagwort, das ich mir bestellt habe zur Bestätigung, dass alles in Ordnung sei. Und jetzt, Herr Ringhoff, sind Sie Generaldirektor – gewesen! Erlauben Sie nur, dass ich die Türen öffne. Damit ist die Überwachung aufgehoben.«
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