»Jetzt begreife ich auch«, rief nun Frau Violet, »warum Sie die schäbige Eleganz unserer Briefe gar so sehr bedauert haben, Dagobert.«
»Sehr mit Recht, Gnädigste, wie Sie sehen. Ja, so bequem hat man es nicht immer! Auf diesem Papier schreiben in Wien zehn- oder zwanzigtausend Leute. Da kann ich nicht die Papierhandlungen ablaufen.«
»Aber Sie werden sich doch Mühe geben, Dagobert?«
»Gewiss, Gnädigste, ich werde mir Mühe geben.«
»Sie versprechen es?«
»Ich verspreche es.«
Dagobert nahm die Briefe mit sich und er bat sich bei Grumbach entschieden aus, dass nun von den etwa noch einlangenden, ja mit Bestimmtheit zu erwartenden, keiner mehr in den Papierkorb geworfen werde. Ungelesen mochten sie immerhin bleiben von Grumbach, auch Frau Violet täte am klügsten, wenn sie sie nicht läse, aber er müsste sie alle in die Hände bekommen. Je mehr Material, desto besser. Der Fall war entschieden schwieriger als der, von dem er erzählt hatte, und es musste nun mit aller Sorgfalt nach Anhaltspunkten geforscht werden. Dazu musste jeder einzelne Brief genau durchstudiert werden. Nicht einer durfte unbeachtet bleiben.
Frau Violet war recht ungeduldig. Sie hätte womöglich auch schon am nächsten Tage das Geheimnis gern enthüllt gesehen. Dagobert wiegelte aber ab und mahnte zur Geduld. Er konnte keine bestimmte Zusage machen, ob es ihm überhaupt gelingen werde, den Schleier zu lüften, unter allen Umständen würden aber darüber Wochen, wenn nicht Monate vergehen. Schließlich, um Ruhe zu haben, verbot er Frau Violet überhaupt, von der Angelegenheit zu sprechen. Er würde schon selber anfangen, wenn es etwas zu berichten gäbe. Früher hätte alles Reden keinen Zweck, und könnte gar nichts nützen.
Frau Violet hielt auch brav Disziplin. Sie fragte nicht mehr, aber es fiel ihr furchtbar schwer. Denn sie war sehr neugierig und wenn sie auch die Vereinbarung getreulich einhaltend, nicht fragte, so richtete sie doch manchen verlangenden Blick auf Dagobert, wenn sie nach Tisch in gewohnter Weise im Rauchzimmer plaudernd beisammensaßen, sie auf ihrem Lieblingsplätzchen beim Marmorkamin. Dagobert ihr gegenüber und Grumbach auf seinem bequemen Lehnsessel mehr in der Mitte des Zimmers.
Nachdem sie so mehrere Tage tapfer ausgehalten hatte, ließ sich Dagobert durch ihre sehnsüchtigen Blicke doch rühren.
»Es geht langsam, Frau Violet«, begann er, »aber es geht doch vorwärts. Einige leichte Spuren hätten wir doch schon.«
»Haben Sie wirklich schon etwas herausgebracht, Dagobert?« fragte sie in höchster Spannung.
»Es ist sehr wenig, aber immerhin ein Ausgangspunkt, vielleicht der archimedische Punkt.«
»Was für ein Punkt?«
»Der archimedische. Den braucht man nämlich, um die Welt aus den Angeln zu heben. Sie wissen ja, Gnädigste, dass Archimedes –«
»Ja, ich weiß, aber nur jetzt keine Mythologie, Dagobert!«
»Erlauben Sie, Gnädigste, Archimedes gehört doch nicht –«
»Ja doch meinetwegen! Lassen Sie jetzt nur die Archimandriten, oder wie sie heißen, in Ruhe. Ich glaube Ihnen alles unbesehen, aber jetzt erzählen Sie nur, was Sie herausgebracht haben!«
»Einige Kleinigkeiten. Also: der Schreiber – ich bin nämlich nun ziemlich sicher, dass es ein Schreiber und keine Schreiberin ist – ist glattrasiert und raucht Zigaretten. Belieben ein enttäuschtes Gesicht zu machen. Gnädigste? Es ist in der Tat recht wenig, aber man kann weiterbauen darauf.«
»Sie können doch unmöglich alle Leute stellen, Dagobert, die glattrasiert gehen und Zigaretten rauchen!«
»Das wäre allerdings einigermaßen umständlich, wenn auch nicht gar so sehr, wie Sie sich das vorstellen, Frau Violet. Der Briefschreiber – das ist erwiesen – kennt Sie sehr genau. Sie sehen also, dass wir da schon einen Kreis mit ganz bestimmten Grenzen haben. Also gar so umständlich wäre es nicht, mir wäre es nur nicht sicher genug.«
»Also – warum glattrasiert?«
»Es ist nur eine Vermutung und noch keine Gewissheit. Darum möchte ich mich auch darüber jetzt noch nicht äußern. Ich erbitte also noch acht Tage Frist. Da werde ich Ihnen schon mehr, vielleicht alles sagen können.«
»Und warum – Zigarettenraucher?«
»Darüber lässt sich reden. Zigarettenraucher allein, das wäre auch mir als Anhaltspunkt zu wenig. Ich bin in der Lage, in meinen Schlüssen etwas weiter zu gehen. Es ist einer, der die Gewohnheit hat, selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen. Auch damit ist ja noch nicht viel erreicht, aber jeder Umstand ist von Wert, der den Kreis enger zieht.«
»Wie sind Sie darauf gekommen, Dagobert?«
»Bei meinem Geschäft muss man ein Kleinigkeitskrämer sein. In zweien der vielen Briefe fand ich je ein winziges Atom von Tabak, kaum größer als eine Stecknadelspitze, so viel eben an der eintrocknenden Tinte eines Buchstabenteils hängen bleiben kann. In Tabaken – das wissen Sie – bin ich Kenner. Ich nahm die Lupe, um mir zu bestätigen, was ich so schon wusste. Denn ich habe gute Augen. Das waren Partikelchen von Sultan flor .«
»Und mit dieser Wissenschaft ausgerüstet, wollen Sie auf den Räuberfang ausgehen, Dagobert?«
» Sultan flor ist ein lang- und feingeschnittener, lichtgelber türkischer Rauchtabak. Er wird nur zu selbstgerollten Zigaretten verwendet und höchstens noch aus dem Tschibuk geraucht. Darum muss ich mir auch noch vorbehalten, meine ursprüngliche Angabe zu berichtigen. Es könnte also auch ein Tschibukraucher sein, obschon solche bei Weitem nicht so zahlreich sind, wie die Zigarettenraucher. Sultan flor ist ein ganz guter Tabak, und er ist insbesondere den Leuten zu empfehlen, die halbwegs anständig und dabei doch billig rauchen wollen. Man gibt nicht viel aus und hat doch etwas Ordentliches.«
»Sehen Sie, das beruhigt mich ungemein!« entgegnete Frau Violet ein wenig empfindlich über die Dürftigkeit der ihr gewordenen Enthüllungen, aber mehr war an jenem Tage aus Dagobert durchaus nicht herauszukriegen. Und da war eben weiter nichts zu machen.
Wahrend der nächsten acht Tage kam Frau Violet glücklicherweise nicht dazu, sich mit der unleidlichen Briefaffäre viel zu beschäftigen. Sie hatte den Kopf voll mit anderen Dingen, und alle Hände voll zu tun. Zwei große Soireen im Hause Grumbach in einer Woche! Dagobert hatte sie angeordnet und sich dabei hinter Grumbach selbst gesteckt. Frau Violet sollte von seiner Absicht gar nichts erfahren. Er wollte sich einmal den ganzen Grumbachschen Kreis bequem in der Nähe besehen. Es wären zu viel Leute geworden für einen Abend, und so wurden denn zwei veranstaltet. Man nahm eine Teilung vor. Erst kamen seine Freunde dran und dann ihre Leute. Zwei Soireen vorzubereiten und durchzuführen – natürlich hatte Dagobert in dieser Zeit Ruhe vor Frau Violet.
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