Die Gemeinschaft begann mit der Renovierung des Hauses in Eigenleistung. 75Als Erstes wurde der Gebetsraum fertiggestellt, 76ein nicht unerhebliches Detail, das darauf verweist, wie sehr das Gemeinschaftsleben auf einer religiösen Basis gründete. Allmählich kristallisierten sich Gemeinschaftsstrukturen heraus. Anfangs versuchte man alle Entscheidungen einvernehmlich zu treffen. Mit fortschreitender Zeit und den wachsenden Erfahrungen im Miteinander, empfand es die Gruppe als ratsam, einen Hausverantwortlichen zu bestimmen. 77Auch finanzielle Regelungen erwuchsen aus praktischen Alltagserfahrungen. Die erste gemeinsame Kasse war ein Schuhkarton, der auf dem Kühlschrank stand und in den jeder Geld für die alltäglichen Besorgungen und Ausgaben legte. 78In einer nachträglichen Reflexion über diese Gründungsphase meint der CCN-Autor Timothy Watson, einige Grundlinien erkennen zu können, die in der größer werdenden Gemeinschaft beibehalten wurden: Flexibilität, einfache Strukturen, Vorsicht gegenüber einer übermäßigen Institutionalisierung und eine charismatische Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes. 79
1.4.2 Der Beitritt von Ehepaaren und Familien
Die CCN-Kommunität bot in Lyon katechetische Glaubensunterweisung an. Auf diese Weise wurde das erste Ehepaar auf die Gemeinschaft aufmerksam und bat um Aufnahme. Die ehelos lebenden CCN-Mitglieder empfanden die Aufnahme eines Ehepaares als ungeplant und ungewöhnlich, aber letztlich doch als unproblematisch. „Wir sahen uns herausgefordert, unser Gemeinschaftsleben in doppelter Weise zu öffnen: Nicht nur Männern und Frauen, sondern auch geweihten Ehelosen und Ehepaaren. […] Gott behandelte uns, wie ein Schulmeister seine Kinder behandelt.“ 80Mit diesen Worten beschreibt Jacqueline Coutellier die neue Situation. Ganz neu war die Situation gleichwohl nicht, denn in dem charismatischen Gebetskreis, aus dessen Wurzeln die Gemeinschaft erwuchs und dem die Gruppe weiterhin nahestand, war das Miteinander der verschiedenen Geschlechter, Generationen und sozialer Gruppen das Übliche. Die Gemeinschaft am Montée du Chemin Neuf betrachtete sich darüber hinaus nicht als eine traditionelle religiöse Gemeinschaft, gebunden an Vorgaben aus dem Bereich des geweihten Lebens, in dem Geschlechtertrennung und zölibatäre Lebensweise das Maß sind. Vielmehr sah sich die Gemeinschaft, wie bereits angedeutet, eher in der Tradition der 1968er-Kommunen, die offen waren für alle, die einen alternativen Lebensstil suchten. 81Zu welchem Zeitpunkt sich das erste Ehepaar Pierre und Yvette Briaudet 82der Gemeinschaft anschloss, kann nur indirekt erschlossen werden. Das Ehepaar lernte die Gemeinschaft bei einem CCN-Ausbildungszyklus kennen. Die Unterrichtszyklen begannen im Oktober 1975. 83Die Quellen machen keine weiteren Angaben zur familiären Situation des Ehepaars Briaudet, zu ihrer Lebensgeschichte oder den Motiven ihres Beitritts. Namentlich und zeitlich ist die Aufnahme der Ehepaare Daronnat und Guitton belegt, die im Jahre 1975 in die Kommunität eintraten. 84Unter den Mitgliedern der CCN-Lebensgemeinschaft waren auch zwei Seminaristen der Diözese Lyon, Pierre Laslandes und Jacques Monfort. Ihr Zugehörigkeitsgefühl zu CCN war so ausgeprägt, dass sie erwogen, das diözesane Priesterseminar zu verlassen. Eine nicht näher beschriebene Vereinbarung zwischen dem Lyoner Erzbischof und CCN führte zu einer Regelung, die es ihnen erlaubte, in der Diözese Lyon als Weltkleriker inkardiniert zu werden und gleichzeitig im engen Kontakt mit CCN zu bleiben. 85
1.5 Die Etappen des Wachstums
1.5.1 Neue Niederlassungen in Frankreich
Im September 1978, also fünf Jahre nach Beginn des gemeinsamen Lebens am Montée du Chemin Neuf, zählte die Gemeinschaft bereits 50 Mitglieder. 86Sie besaß drei Häuser, zwei in Lyon und ein Haus auf dem Anwesen „Les Pothières“ bei der Ortschaft Anse, rund 25 km nördlich von Lyon. 87In diesen drei Häusern wohnten ca. 20 CCN-Mitglieder in sogenannten Hausfraternitäten, das sind Kommunitäten, in denen die CCN-Mitglieder eine Lebensgemeinschaft führen. 88Die anderen 30 Mitglieder pflegten die Gemeinschaftsform der Stadtviertelfraternitäten, in der die Personen oder Familien ihren eigenen Hausstand beibehielten. 89Die Ausbreitung erfolgte nicht nach einer geplanten Strategie. Die rückblickenden Erzählungen von CCN-Mitgliedern betonen vielmehr, man habe sich der Fügung Gottes überlassen. Laurent Fabre verdeutlicht das mit einer Anekdote von einer Autopanne. Er sei mit seinem Wagen auf der Landstraße liegengeblieben. Das Benzin war ausgegangen. Die Tankwarte streikten. Ein Mann aus einer der umliegenden Ortschaften half ihm mit Kraftstoff aus. Fabre schildert, wie er mit dem Helfer ins Gespräch kam und ihm den Grund seiner Reise mitgeteilt habe. Er sei Priester und suche ein Haus. Der Helfer, mit den Lokalitäten vertraut, machte ihn auf ein leer stehendes Gebäude in der Umgebung aufmerksam. Bei der Besichtigung stellte es sich als vortrefflich geeignet für die Bedürfnisse von CCN heraus. Es konnte 120 Personen aufnehmen, war umgeben von einem angenehmen Park und war überdies nur eine halbe Fahrstunde von Lyon entfernt. Die Gemeinschaft verfügte jedoch nicht über das nötige Geld, um Haus und Grundstück zu erwerben. In dieser Situation kam ihnen eine weitere glückliche Fügung zu Hilfe. Eine nicht näher genannte Frau trug sich mit der Absicht, einen Teil ihres Vermögens der Kirche zu vermachen, und kaufte das Anwesen für CCN. Diese glückliche Verkettung von Umständen oder die Fügung Gottes, wie es Fabre betont, hätten den Weg gewiesen, nicht ein bestimmtes von der Gruppe erarbeitetes Konzept. 90Anfang der 80er Jahre wurden neue Häuser erworben oder der Gemeinschaft zur Nutzung überlassen, in Tigery und in Paris wurde ihnen die Leitung kirchlicher Studentenwohnheime übertragen. 91
1.5.2 Weichenstellung in Richtung Multinationalität und Interkonfessionalität
Anfang der 80er Jahre wurden die ersten nicht-französischen Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen, unter ihnen Polen und Deutsche. 92Die Kommunität knüpfte Kontakt in die Republik Kongo, wo 1984 eine Niederlassung gegründet wurde. 93Dreizehn Jahre nach der Gründung zählte die Kommunität 250 Erwachsene und ebenso viele Kinder, die durch die Mitgliedschaft ihrer Eltern im Umfeld oder in den Hausfraternitäten von CCN aufwuchsen. 94
Eine weitere Weichenstellung fiel in das Jahr 1986. Am Osterfest jenes Jahres gaben drei protestantische Christen im Beisein von Albert Kardinal Decourtray 95und einem Vertreter der reformierten Kirche Frankreichs, Pastor Jean-Marc Viollet, das Versprechen, sich auf Lebenszeit an CCN zu binden. 96Die Gemeinschaft wurde in den folgenden Jahren immer internationaler. Sie gründete Niederlassungen in der Schweiz und in Israel. 97Auf dem afrikanischen Kontintent gründete man zunächst eine Niederlassung in der Republik Kongo (Kongo-Brazzaville). Im Jahr 1988 ging die Kommunität auch in die Demokratischen Republik Kongo (Kongo-Kinshasa, damals Zaïre). 98Im Jahr 1993 zählte die Gemeinschaft 500 Mitglieder, 991997 waren es bereits 700. 100
Die aktuellen Veröffentlichungen von CCN sprechen von 2.000 Mitgliedern, 101die in 30 verschiedenen Ländern 102Niederlassungen gebildet haben. Zur Gemeinschaft gehören rund 150 Priester und Seminaristen und etwa 150 ehelos lebende Frauen. 103Die große Mehrheit besteht aus verheirateten Paaren. Bei der Mitgliederzahl muss im Blick behalten werden, dass CCN unterschiedliche Grade von Zugehörigkeit kennt. Die Zahl von 2.000 Mitgliedern bezieht sich auf die Mitgliedschaft im inneren Kreis. Die Zahl von Personen, die in Untergruppen eingebunden sind oder für eine begrenzte Zeit mitwirken, ist wegen des unscharfen Mitgliedschaftsbegriffs schwer zu fassen. Sie wird mit etwa 12.000 Personen weltweit angegeben. 104Eine soziologische Studie der Mitgliederstruktur, die in Frankreich durchgeführt wurde, zeigt auf, dass CCN im überdurchschnittlichen Maß Akademiker und Intellektuelle anspricht. Viele CCN-Mitglieder und Sympathisanten der Kommunität stammen aus der gesellschaftlichen Mitte bzw. dem gehobenen Bürgertum. 105
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