Mit mehr zeitlichem Abstand, aber theologisch tiefer reflektiert, sind die Darstellungen von Timothy Watson. Watson ist ordinierter anglikanischer Pastor und zugleich CCN-Mitglied. In einem Aufsatz aus dem Jahr 2009 stellt er CCN unter verschiedenen Gesichtspunkten in der englischsprachigen Zeitschrift „One in Christ“ vor, unter anderem kommt er auch auf bestimmte Weichenstellungen in der Entstehungsphase der Gemeinschaft zu sprechen. 12
Neben diesen Informationen aus den Reihen von CCN gibt es einige Beobachter der charismatischen Gemeinschaften in Frankreich, die sich in diesem Zusammenhang auch mit CCN beschäftigt haben. Hier ist die Journalistin und Buchautorin Monique Hébrard zu nennen, die mehrere Bücher über charismatische Gruppen in Frankreich verfasst hat, unter anderem auch mit Abschnitten über CCN. 13In die Kategorie der außenstehenden Beobachter gehören der französische Theologe Oliver Landron 14und der deutsche Theologe Michael Gmelch, der in Würzburg zum Thema „Basiskirchliche Lebensgemeinschaften in Frankreich“ promoviert hat. 15In seiner Arbeit skizziert Gmelch eine Ekklesiologie der „basiskirchlichen Gemeinschaften“, wie er die geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen (GGB) 16tituliert. In diese Arbeit fließt die Feldforschung ein, die er bei vier französischen GGB betrieben hat, eine Gemeinschaft war CCN. Die Aussagen der Quellen sind in den wesentlichen Punkten widerspruchsfrei, sodass sich ein relativ kohärentes, wenn auch nicht sehr detailreiches Bild der Entstehungsgeschichte nachzeichnen lässt.
1.2 Der Zündfunke – die Begegnung mit der pfingstlich-charismatischen Erneuerungsbewegung
1.2.1 Erster Berührungspunkt mit der pfingstkirchlichen Frömmigkeit
CCN entstand, wie Autoren der Kommunität es selbst gern formulieren, an einem Kreuzungspunkt, an dem verschiedene zeitgeschichtliche und religiöse Strömungen zusammenflossen. Laurent Fabre, der nominelle Gründer der Gemeinschaft Chemin Neuf, wurde 1940 in Lyon geboren. Er trat in den Jesuitenorden ein und wurde für den Orden 1973 zum Priester geweiht. Fabre studierte pädagogische Psychologie am „Institut Supérieur de Formation à l’Animation“ (I.S.F.A.L.) und Theologie an der Theologischen Fakultät in Lyon-Fourvière. 17Während seines Studiums und noch vor seiner Priesterweihe im Jahr 1973 traf er in der Fakultät von Fourvière bzw. im Scholastikat der Jesuiten den amerikanischen Jesuiten Mike Cawdrey, 18der in seiner Religiosität durch die nordamerikanische Pfingstbewegung geprägt war. Die Gabe des Sprachengebetes, die Cawdrey praktizierte, zog Fabres besondere Aufmerksamkeit auf sich. 19Fabre schildert seine erste Begegnung mit der charismatischen Erweckungsbewegung, die er durch die Person Cawdreys kennenlernte, wie folgt:
„Im Jahr 1971 war ich Student an der theologischen Fakultät in Lyon-Fourvière. Ich bereitete mich darauf vor, Priester zu werden, und beendete meine Ausbildung als Jesuit (10 Jahre). Eines Tages waren einige von uns in der Kapelle; wir beteten als einer von uns, Mike, ein amerikanischer Jesuit, anfing mit lauter Stimme, auf kuriose Weise und in einer unverständlichen Sprache zu beten. Dieses kurze Erlebnis reichte aus, mich besorgt zu machen, und da ich zu dieser Zeit von meinen psychologischen Studien geprägt war, schloss ich daraus, dass Mike Hilfe benötigte. Einige Zeit später ging ich voll liebender Fürsorge und klopfte an seine Tür und bat ihn um Erläuterungen zu diesen Gebetsgruppen, die sich in den Vereinigten Staaten entwickelt hatten, und zu seiner Art zu beten etc. Ein langer Austausch regte mich an, weiter darüber nachzudenken. Von da an nahm ich mir mit einem anderen Jesuiten, Bertram Lepesant, die Zeit, Informationen über das zu sammeln, was die Presse die ‚charismatische Erneuerung‘ der Vereinigten Staaten nannte.“ 20
Fabre ließ sich zusammen mit seinem Mitbruder aus dem Jesuitenorden, Bertrand Lepesant, auf einen unverbindlichen Besuch und später auf die Teilnahme an einem charismatischen Gebetskreis ein, der im Haus der Lyoner Familie Pelletier stattfand. 21Pierre und Maryse Pelletier werden als Vorreiter der charismatischen Erneuerung in Lyon beschrieben. 22Cawdrey war an der Gestaltung dieses Gebetskreises maßgeblich beteiligt. Das zeigt sich darin, dass von „Cawdreys Gebetskreis“ die Rede ist und ihm die Patenrolle für drei charismatische Gebetskreise zugeschrieben wird. Cawdrey wirkte in der Zeit von Oktober 1971 bis Juni 1972 in Lyon. Die Teilnehmerzahl der charismatischen Gebetskreise wuchs in der Zeit auf 95 Personen an. Im Gebetskreis, der sich im Haus der Familie Pelletier traf, kam Fabre intensiver mit der charismatischen Glaubenspraxis in Berührung. Er bemerkt, er habe sich nur langsam und anfangs skeptisch auf diese Frömmigkeitsform einlassen können. Es sei ihm zu „amerikanisch“ gewesen. 23Außerdem war Fabre mehr durch die Ideen des politischen Katholizismus geprägt. Sein sozialkritisches Engagement in der katholischen Jugendbewegung „Jeunesse ouvrière chrétienne“ (J.O.C.) 24und seine politische Tätigkeit in der „Parti socialiste unifié (P.S.U.)“ 25stehen für seine ursprüngliche Orientierung innerhalb des Spektrums der katholischen Kirche. 26
1.2.2 Das Gebetswochenende und die Taufe im Heiligen Geist
Mike Cawdrey schlug seinem Jesuiten-Mitbruder Fabre vor, an einem Gebetswochenende teilzunehmen, das er in einem Haus außerhalb von Lyon abhalten wollte. Fabre bemerkt, ihm sei die Zusage nicht leicht gefallen, weil seine Skepsis zu dem Zeitpunkt noch überwog. Kurz vor der Abreise nach Hyères in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur stießen zwei weitere Amerikaner dazu. Fabre erinnert sich, dass sie überraschend an der Tür des Jesuitenscholastikats in Lyon klingelten. Die Gäste kamen aus Taizé und trampten nach Jerusalem, beide Besucher waren Mitglieder der Episkopalkirche Amerikas, 27einer hatte jüdische Wurzeln. Beide wurden spontan eingeladen, an dem Gebetswochenende teilzunehmen. 28In der konfessionell gemischten und von der pfingstkirchlichen Glaubenspraxis geprägten Gruppe, die nach Hyères zum Gebetswochenende aufbrach, sieht Fabre die spätere CCN-Kommunität, an die zu dieser Stunde noch nicht zu denken war, im Kern vorgebildet.
An diesem Wochenende widerfuhr Laurent Fabre ein religiöses Schlüsselerlebnis – die Taufe im Heiligen Geist. Die kleine Gemeinschaft betete unter Handauflegung für ihn. Die Taufe im Heiligen Geist wird von Charismatikern als Initiationserlebnis betrachtet. 29Dieses Erlebnis änderte Fabres Ansichten bezüglich der charismatischen Spiritualität und stellte für ihn ein individuelles Bekehrungs- bzw. Erweckungserlebnis dar, eine Erfahrung, die sein Leben in neue Bahnen lenken sollte. 30
Laurent Fabre schildert, er habe danach den Wunsch verspürt, die Pfingstgemeinden in ihrem Ursprungsland kennenzulernen. Deshalb trat er zusammen mit seinem Mitbruder Lepesant im Sommer 1973 eine Reise durch die USA an. 31Entlang der Westküste der USA besuchten sie Gebetsgruppen, pfingstkirchlich orientierte Pfarreien und charismatische Lebensgemeinschaften. Fabre fiel auf, welche Chancen die charismatische Erneuerung bot, ohne zu spezifizieren, worin er diese im Einzelnen sah. 32Nach der Rückkehr aus den USA organisierten Fabre und Lepesant ein Wochenende, bei dem sie über ihre Erfahrungen der USA-Reise berichteten. 33Fabre stellte bei der Gelegenheit seine Idee vor, eine Lebensgemeinschaft zu gründen. 34
1.3 Weitere religiöse und zeitgeschichtliche Einflüsse
1.3.1 Die Einflüsse der 1968er-Bewegung
Die Begegnung mit der charismatischen Erneuerungsbewegung ist der Zündfunke, der den Impuls zur Gründung einer Lebensgemeinschaft gab. Mehrmals wird in Veröffentlichungen der Gedanke vorgebracht, die Kommunität sei an einem Kreuzungspunkt entstanden, an dem mehrere glückliche Fügungen zusammentrafen. 35Der Kontakt mit der nordamerikanisch-pfingstkirchlichen Erneuerung ereignete sich zu einer Zeit, als Frankreich und Europa durch die 1968er-Bewegung in Unruhe versetzt worden waren und die katholische Kirche mit der Rezeption des II. Vatikanischen Konzils eine Phase der Neuorientierung durchlief. Die 1968er-Bewegung und das Konzil werden von Laurent Fabre selbst als ein glücklicher Kairos bezeichnet, als der Punkt, an dem sich „Himmel und Erde berührten“. 36Beide Zeitströmungen wirkten mindestens als Katalysatoren, zum Teil auch als prägendes Moment bei der Geburt der Kommunität und der Ausformung ihres Charakters mit.
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