Umgang mit Informationen: Die Medienlandschaft schafft mit ihrer Fülle an Informationen über die physische und soziale Umwelt die Möglichkeit von Erfahrungen und des Wissenserwerbs über den sozialen Nahraum hinaus. In diesem Zusammenhang kann das einzelne Kind sowohl als Rezipient als auch als Produzent bedeutsamer Informationen in Erscheinung treten. Allerdings ergibt sich unter Umständen das Problem, dass die Informationsfülle zu kognitiven Überforderungen und zur Abwendung von wichtigen Fragen führt. Zudem machen es interessengeleitete Verlautbarungen, vielfältige Werbung, bewusste Falschmeldungen sowie das umfangreiche Spiel- und Unterhaltungsangebot unter Umständen schwer, irreführende Vorstellungen über die Realität zu vermeiden und Sachverhalte realitätsgerecht einzuschätzen. Außerdem kann die ständige Verfügbarkeit von Informationen zu der Annahme verführen, Wissenszugang könne die Aneignung von Wissen ersetzen (vgl. Vorderer u. Klimmt 2016, S. 33). Eine solche Auffassung hätte auf Dauer negative Folgen für die Motivation, eigenes Wissen zu erwerben, sowie für die Fähigkeit, das Informationspotenzial der Medien angemessen zu nutzen. Diese Fähigkeit setzt eine solide Wissensbasis voraus. Anders gesagt: Kinder, die über ein bestimmtes Wissen verfügen, haben bessere Chancen, in dem jeweiligen Bereich geeignete Informationen zu finden.
Regulierung von Emotionen: Bei der Mediennutzung entstehen – beispielsweise durch beruhigende oder anregende Musik, durch romantische oder dramatische Spielfilme, durch Comedys oder Actionszenen, durch Gewalt- oder Horrordarstellungen, durch positive oder schockierende Nachrichten – mehr oder weniger starke emotionale Eindrücke oder Stimmungen, z. B. Freude, Spaß, Vergnügen, Mitleid, Entsetzen, Furcht, Schrecken, Ekel, Sympathie, Zorn, Wut und Erleichterung. Solche Emotionen können sowohl bei der Rezeption von Medieninhalten als auch beim Interagieren in virtuellen Welten hervorgerufen werden. Demgemäß lassen sich beide Nutzungsformen – gegebenenfalls auch bewusst – zur Sinneserregung und Beseitigung von Langeweile, zur Spannungserzeugung und Entspannung, zum Stress- und Aggressionsabbau nutzen. In der Folge können sie aber auch zu Ängsten oder Machtfantasien sowie zu Sensationslust und Voyeurismus führen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass eine Gewöhnung an die Beobachterperspektive bei erschreckenden Ereignissen geschieht und eine »Flucht in Scheinwelten« im Sinne von Eskapismus begünstigt wird.
Gestaltung von sozialen Beziehungen: Soziale Netzwerke und Instant-Messaging-Dienste sowie E-Mail, Videochat und Telefonie bieten mannigfaltige und einfache Möglichkeiten der Kommunikation. So ist es leicht, mit anderen in Kontakt zu treten oder in Verbindung zu bleiben. Dies kann sich im Austausch zwischen einzelnen Kindern oder in unterschiedlichen Gruppen vollziehen und sowohl familiäre und freundschaftliche als auch lernbezogene Beziehungen erhalten und fördern. Unter Umständen ergibt sich allerdings die Gefahr, dass zunehmend räumliche Nähe durch elektronische Erreichbarkeit, Vertrauen durch Überwachung, Zuverlässigkeit durch Unverbindlichkeit, Gespräche durch kurze Bemerkungen, Freundschaft durch Followers und Wertschätzung durch reaktive Aufmerksamkeit ersetzt werden (vgl. Vorderer u. Klimmt 2016, S. 33). Probleme können zudem entstehen, wenn die Möglichkeiten des Netzes zu überzogenen Selbstdarstellungen, zur Bloßstellung von Anderen bzw. zu Mobbing oder zur Kontaktaufnahme unter falscher »Identität« führen.
Formen des Lernens: Aufgrund des vielfältigen und umfangreichen Inhaltsspektrums in unterschiedlichen Medien – vom Buch über dokumentarische und lernförderliche Bilder und Videos oder Hörbeiträge bis zu informativen Webseiten und Simulationen – eröffnen die Medien zahlreiche Chancen für neue Formen des Lernens, z. B. für ein zeit- und ortsunabhängiges, für ein entdeckendes und kooperatives, für ein selbstgesteuertes und selbstverantwortetes Lernen. Zugleich werden sinnvolle Abstimmungen zwischen individuellen und sozialen Lernphasen möglich. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Bedeutung des direkten personalen Kontakts beim Lernen und die soziale Einbettung von Lernprozessen nicht hinreichend berücksichtigt bzw. insgesamt unterschätzt werden. Außerdem setzt die Wahrnehmung der mannigfaltigen Lernmöglichkeiten die Motivation zum Lernen und die Fähigkeit voraus, sein Lernen – mindestens bis zu einem gewissen Grad – selbst zu organisieren. Solche Voraussetzungen sind bei benachteiligten Gruppen häufig nicht gegeben, sodass sich unter Umständen die Kluft zwischen privilegierten und benachteiligten Bevölkerungssegmenten vergrößert.
Entwicklung des Denkens: Medien bieten nicht nur vielfältige Informationen, sondern auch unterschiedliche Denkanstöße zu bedeutsamen und gegebenenfalls strittigen Fragen von Alltag und Freizeit, von Wissenschaft und Kunst, von Wirtschaft und Gesellschaft. Solche Fragen können grundsätzlich aus lokaler, regionaler oder globaler, aus ökologischer, ökonomischer oder sozialer Perspektive bearbeitet werden. Eigene Medienbeiträge lassen sich mit persönlichen Akzentuierungen einbringen und verbreiten. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Sichtweisen bei der Rezeption und eigenen Gestaltung von Medienbeiträgen kann ein mehrdimensionales Denken sowie eine offene Atmosphäre und Toleranz fördern. Allerdings ist auch mit der Gefahr zu rechnen, dass die Vielfalt von Sichtweisen eine für Kinder zu hohe Komplexität erzeugt, sodass möglicherweise eine Verfestigung einfacher Denkmuster erfolgt. Solche Vereinfachungen werden dann unter Umständen noch durch gezielte Manipulation stabilisiert. Außerdem kann die inhaltliche Vielfalt an Informationen bei Recherchen von vornherein durch algorithmische Verfahren auf der Basis einer Analyse der bisherigen Nutzung von Medienbeiträgen maschinell begrenzt werden (filter bubble), so dass gegebenenfalls eine mehrperspektivische Auseinandersetzung erschwert wird.
Erwerb von Verhaltens- und Wertorientierungen: Für viele Situationen des Alltagslebens präsentieren Medien mannigfaltige Verhaltensmuster und Wertorientierungen, z. B. für das Leben in Familien oder Freundesgruppen, für das Ernährungs- und Umweltverhalten, für die Gestaltung der Freizeit, für das Verhalten in Konfliktfällen, für das Vorgehen bei Problemlösungen oder für den Umgang mit Behinderungen oder Benachteiligungen. Die präsentierten Verhaltensmuster und Wertorientierungen können z. B. durch Egozentrismus oder Rücksichtnahme, durch Achtsamkeit oder Ignoranz, durch Respekt oder Missachtung, durch Verständigungsorientierung oder Machtausübung, durch friedvolles Miteinander oder aggressives Vorgehen, durch Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit, durch verantwortungsloses oder verantwortungsbewusstes Handeln gekennzeichnet sein. Welche solcher Verhaltensorientierungen von Kindern gegebenenfalls erprobt und übernommen werden, hängt zum einen mit ihren Bedürfnissen, ihren sonstigen Erfahrungen und ihren kognitiven Voraussetzungen und zum anderen mit den rezipierten Medieninhalten und Mediengestaltungen sowie mit dem sozialen Umfeld zusammen. Dabei wird es zunehmend wichtig, dass Kinder zwischen dem Agieren in normfreien virtuellen Räumen und dem Handeln in der sozialen Realität zu unterscheiden lernen. Insgesamt können sich – je nach gegebenen Voraussetzungen und Bedingungen – pädagogisch wünschenswerte oder unerwünschte Wertorientierungen bzw. förderliche oder problematische Verhaltensmuster entwickeln.
1.5 Bedeutung für Erziehung und grundlegende Bildung
Die aufgezeigten Chancen und Risiken der Mediennutzung stellen für Kinder eine Hilfe oder eine Behinderung bei der Bewältigung ihrer Entwicklungsaufgaben dar. Zu solchen Entwicklungsaufgaben gehören z. B. die Aneignung der kognitiven und psychomotorischen Voraussetzungen für die Ausführung alltäglich anfallender Tätigkeiten, der Aufbau einer positiven Einstellung zum körperlichen Wachstum, der Erwerb von Fähigkeiten zur Regulierung von spontanen Bedürfnissen, die Entwicklung eines angemessenen Verhaltens in Familie und Gleichaltrigengruppe, der Aufbau von Freundschaften, die Entwicklung von Motivationen und Fähigkeiten sowie Fertigkeiten zur Bewältigung schulischer Anforderungen, erste Auseinandersetzungen mit Rollenerwartungen an Mädchen und Jungen und das Erlernen eines angemessenen Umgangs mit der Geschlechterrolle sowie die Entwicklung von Wertvorstellungen.
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