Doch er kam nicht mehr zu irgendeiner Aktion. Der Wagen oben fuhr vorbei, nahm Tempo auf und bremste kurz darauf scharf ab. Dann hörte er plötzlich lautes Rufen. Kommandos hallten durch das Tal. „Waffe weg – Sofort! Waffe weg – Waffe weg!“ Die Aufforderung war ultimativ, duldete keinen Widerspruch. Wieder kurze Stille. Dann: „Okay, so ist‘s gut. Und jetzt auf den Boden. Runter auf den Bauch! Runter! Und Handflächen nach oben! … Okay.“
Für Momente war nichts mehr zu hören. Dann schlugen eine Schiebetür und mehrere Wagentüren zu. Mehrere Automotoren sprangen an.
Als Klaiser schließlich die Böschung hoch krabbelte, sah er gerade noch zwei schwarze Mercedes-Limousinen und einen schwarzen Neunsitzer mit verdunkelten Fenstern davon fahren. Am Steuer Männer mit schwarzen Sturmhauben.
‚Das SEK‘, dachte er. ‚Schnell und geräuschlos. Wahnsinn!’
Ute stand mit tränengetränkten Augen in der Tür, als Klaus heimkam. Wortlos fiel sie ihm um den Hals, begann laut zu schluchzen und küsste ihn mit feuchtem Mund ab. Sie wollte gar nicht mehr aufhören. Klaus schloss sie fest in die Arme – und weinte auch.
Sie wusste längst, was an diesem Abend passiert war und in welch brenzliger Lage er sich befunden hatte. Corinna hatte sie sachte eingeweiht. Ihre Busenfreundin und gleichzeitig Kollegin von Klaus. Eigentlich hätte sie gar nichts sagen wollen und auch nicht dürfen. Aber Ute hatte bei Corinna auf der Dienststelle angerufen, um anzukündigen, dass sie später zum geplanten Cocktail- und Quatschabend kommen werde. Klaus sei ganz gegen seine Gewohnheiten noch nicht heim gekommen. Ohne sich zu melden. Und per Handy sei er nicht erreichbar. Nun hatte Ute ein extrem flaues Gefühl im Magen. Weil Radio Siegen von der Entführung eines Industriellen aus Kirchhundem berichtet hatte. Und davon, dass der Wagen des Entführten in Wittgenstein gesehen worden war. Dessen Fahrer, der mutmaßliche Entführer, sei ein geflohener Schwerverbrecher.
Corinna hatte zunächst rumgestammelt. Abstreiten konnte sie den Inhalt der Radiomeldung ja nicht. „Aber damit bin ich überhaupt nicht befasst. Ich hatte heute viel zu viele andere Dinge auf dem Tisch. Gerade eben kam noch ein Tankstellenbetrug dazu.“ Im Übrigen laufe diese Entführungsgeschichte über den Einsatz- und Führungsstab in Siegen. Die Berleburger Wache sei da eher außen vor. Und überhaupt – bei dem Arbeitspensum, das sie im Moment habe, sei das wirklich nichts, was sie sonderlich interessiere.
‚So eine Lügnerin‘, hatte Ute gedacht. Sie kannte ihre Freundin viel zu gut, als dass sie das hätte glauben können. Corinna Lauber, 30-jährige Kommissarin, eigentlich eine grundehrliche Haut, war Polizistin mit Leib und Seele. Und jeder Fall, der über das übliche Tagesgeschäft hinaus ging und mehr war als ein stinknormaler Ladendiebstahl oder ein Trunkenheitsdelikt, interessierte sie brennend. Nein, dieser Frau war eine Entführung mit absoluter Sicherheit nicht egal. Noch dazu eine, die eventuell auch in Wittgenstein stattfand. Ute war sicher, dass da irgend etwas gewaltig brodelte. Und ihr Mann war womöglich mittendrin. Also bohrte sie weiter.
Corinna wusste, dass sie der Freundin jetzt nichts mehr vormachen konnte. Also musste sie die Hosen runterlassen und erzählen, was sich da gerade abspielte. Soweit sie es überhaupt selbst wusste. Tuschelnd gab sie Ute die wichtigsten Infos im Telegrammstil durch‘s Handy. Sie stand gerade in der Nähe des PvD-Pultes. Und die Kollegen dort mussten das nun wirklich nicht mit bekommen. Doch plötzlich brachen die in einen gewaltigen Jubel aus und applaudierten sogar, als per Funk die Meldung über den erfolgreichen SEK-Einsatz kam. Der Gangster war ohne Blutvergießen dingfest gemacht worden war. Und Klaus unverletzt.
Was für ein Abend. Alle hatten sie unter Strom gestanden. Bis in die Haarspitzen. Die da draußen und die hier drinnen auf der Wache. Allen voran Dienststellenleiter Bernd Dickel.
Noch Stunden später war er völlig aufgewühlt. Erst dieser total verrückte Einsatz gegen einen Entführer in Berghausen. Dazu die kurzfristige Geiselnahme einer Ärztin, die danach total zusammengeklappt war, einen angeschossenen Beamten und nahezu null Informationen. Und dann noch dieser spektakuläre SEK-Zugriff, der dank Klaus Klaiser überhaupt erst möglich geworden war. Weil er über den Fluchtweg des Gangsters und dessen Unfall Bescheid wusste und informiert hatte.
Wie sich seine Leute da verhalten hatten, das war wirklich Klasse. Keine Frage. ‚Aber das muss man nun wirklich nicht laufend haben‘, dachte der Mann mit den fünf silbernen Sternen auf den Schulterklappen.
Gott sei Dank war die Schusswunde von Markus Schröder vergleichsweise schnell versorgt worden. Noch am frühen Abend wurde das Geschoss raus operiert. Er hatte riesiges Glück. Weder ein Knochen, noch wichtige Gefäße waren verletzt worden.
Und der Jungbulle aus Köln war schon wieder voll der Sprüche. „Es hätt‘ nochmol joot jejange“, hatte er nach der OP den besorgt wartenden Kollegen verkündet und halb lachend mit zusammen gekniffenen Zähnen hinzugefügt:
„So jet erläwwste nit in Kölle. Doför bruchste dringend enne Besoch im Kurbad. Do weeste ääst zom Mann.“
Die junge Notärztin allerdings hatte ein gewaltiges Trauma und einen dröhnenden Schädel davon getragen. Da konnte man nur hoffen, dass ihr gute Psychotherapeuten zur Seite stehen würden. Eine Waffe am Kopf und eine, wenn auch kurze, Geiselnahme … Das steckt niemand so einfach weg.
In irgendeiner stillen Stunde müsste er dringend mal mit Klaiser reden, überlegte Bernd Dickel. Solche Verfolgungen auf eigene Faust und ohne Selbstschutz wie die von Klaus Klaiser gingen überhaupt nicht. Auch wenn er eigentlich nichts falsch gemacht und seine Aktion im Altmühlbachtal zu einem außergewöhnlichen Erfolg geführt hatte. Zu einem Teilerfolg zumindest. Denn der Schwerverbrecher, als Frank Deppe aus Drolshagen identifiziert, schwieg sich über den Verbleib des Industriellen aus. Man hatte ihn nach ärztlicher Versorgung seiner Wunden in Untersuchungshaft nach Siegen gebracht.
Bei Klaisers im Robinienweg roch es ein wenig angebrannt. Ute hatte die Kartoffeln auf dem Herd vergessen, während sie mit Nachbarn an der Haustür sprach. Wie ein Lauffeuer hatte sich Klaus‘ heldenhafter Einsatz bei der Verteidigung des Kranwagenfahrers herumgesprochen. Der stand gerade unter der Dusche und bekam nichts mit von dem, was in Berghausen mittlerweile die Runde machte. Dazu gehörte natürlich auch, dass er derjenige gewesen sei, der dem SEK den Verbrecher direkt vor die Flinte geliefert habe. Einer aus dem Dorf habe den Einsatz sogar selbst beobachtet, wurde berichtet.
Dass das alles ganz anders abgelaufen war, erzählte der Kripomann seiner Frau dann eine halbe Stunde später. Bei Steak mit Pasta, Pfannengemüse und einer Sauce Bernaise. Eine kühne Kombination – aus der Not geboren. Aber gar keine so schlechte. Und die einzig noch machbare heute Abend. Denn die Kartoffeln waren wirklich nicht mehr zu gebrauchen.
„Unglaublich, wie die SEK-Leute arbeiten“, schwärmte er ihr vor. Aber sie wollte das alles gar nicht hören. Sie hatte Todesängste ausgestanden. Und zum ersten Mal hatte sie so einen Anstrich von Verständnis für die Filmpartnerinnen der meisten Fernsehkommissare, die sich serienweise hatten scheiden lassen oder dieses planten. „Die dummen Weiber wussten doch vorher, auf was sie sich einlassen“, hatte sie bisher immer gedacht.
Nicht, dass sie auch an Trennung oder gar Scheidung gedacht hätte. Aber sie wusste seit heute, dass es Gefühle gibt, die man sich selbst in übelsten Träumen nicht ausmalen kann.
Eines wollte sie aber nun doch wissen. „Warum haben die Dich im Altmühlbachtal eigentlich mutterseelenallein gelassen mit diesem Kerl? Die wussten doch, wo du bist.“
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