Fast auf Zehenspitzen pirschte er zum Rettungswagen, wo sie gerade den Porschefahrer auf die Trage legen wollten. Der stand mit dem Rücken zur Tür am Heck. Hinter ihm aber der kleinere Polizist, der mit dem Schlüssel an den Handschellen herumfingerte. Und dahinter der Rettungssanitäter. An der offenen Seitentür innen die Notärztin, außen der Hauptkommissar.
„Hörens“, flüsterte der Kölner Klaus Klaiser ins Ohr, „dä Typ da is‘ extrem jefährlisch. Dä hät nit nua dat Auto jeklout. Dä hät wahrscheijnlisch och dänn Besitzer entführt. Enne Industrielle ous‘em Souerland. Loss dä Kääl bloß anjekettet.“
Aber dazu war es schon zu spät. Mit einem wuchtigen Stoß seines inzwischen nicht mehr gefesselten rechten Arms katapultierte der Bodybuilder die Notärztin aus dem Wagen – direkt in Klaisers Arme und in die des daneben stehenden Kollegen. Die beiden konnten sich kaum auf den Beinen halten. Dann schoss der Koloss förmlich herum, packte den geschockten Polizisten hinter ihm am offenen Kragen der Einsatzkombi und knallte ihn gegen die Brust des Rettungssanitäters, der jetzt das Gleichgewicht verlor und rückwärts aus dem Wagen stürzte.
Sekundenbruchteile später hatte der Gangster die Dienstwaffe des Beamten in der Hand, die dieser offen an der Hüfte getragen hatte. Rausgerissen aus dem Holster.
„Weg hier, fonft mach‘ ich euch alle platt“, nuschelte er und verspritzte dabei eine Menge Blut aus seiner gespalteten Lippe.
Noch ehe Klaiser zur Waffe unter dem Sakko greifen konnte, war er ihnen aus dem Krankenwagen entgegen gesprungen. Doch dabei hatte er sein lädiertes linkes Bein vergessen und beim Aufkommen laut aufgeschrieen.
Der große Kölner erkannte darin seine Chance und machte einen Satz nach vorne, um dem Gestrauchelten die Pistole zu entringen. Aber der schoss sofort.
„Buff“. Der Knall entwickelte sich gar nicht richtig. Der Schuss war aufgesetzt und hatte ein qualmendes kreisrundes Loch in den linken Oberschenkel von Polizeihauptmeister Markus Schröder gebohrt. Fassungslos stierte der auf seine Verletzung und kippte seitlich um. Schmerzen schien er noch nicht zu haben. Aber einen Schock.
Instinktiv umarmte Klaus Klaiser die hysterisch aufschreiende Ärztin und hoffte, sie aus der Schusslinie ziehen zu können. Vergeblich. Der Riese war schon wieder auf den Beinen, stand auf der rechten Hand des am Boden liegenden Verletzten und setzte der Frau die Pistole an den Kopf.
„Her mit Euren Kanonen! Fofort! Handief auch! Und die Flüffel für alle Autof hier! Aber dalli!
Als er den Hahn der Neunmillimeter knackend spannte, gab es keinen Verhandlungsspielraum mehr.
Mit links nestelte Schröder seine Waffe aus dem Schulterholster und warf sie samt Smartphone auf den Boden vor sich. Klaiser tat es ihm gleich. Gleichzeit warf er ihm die Porscheschlüssel hin und seine Fahrzeugschlüssel ebenfalls. Polizeiobermeister Philipp Schmitz, so hieß der kleinere Polizist, musste alles einsammeln, samt aller Schlüssel und Telefone aus dem Streifenwagen und dem Rettungsfahrzeug. Dessen übrige Besatzung war wie schockgefroren.
Markus Schröder wälzte sich nun stöhnend am Boden. Blut quoll aus der Wunde am Bein.
„Du kommft mit“, beschied der Gangster und wollte die Ärztin am Arm wegzerren. Doch Klaiser hielt sie fest und sagte: „Siehst Du nicht, dass die Frau fast stirbt vor Angst. Lass‘ sie hier und nimm mich mit.“
„Halt die Freffe, Bulle! Oder willft Du auch ’ne Kugel?“ Klaus hatte zwar gelegentlich mal probiert, wie es sich anfühlt, wenn man sich eine Pistole an den Kopf hält. Doch Gefühle verändern sich schlagartig, wenn das ein anderer tut. Mit geladener und entsicherter Waffe.
Klaisers Knie wurden weich. Die Ärztin entglitt seinen Armen und wurde mitgeschleift. Kein Laut kam mehr über ihre Lippen. Sie hatte sich wohl oder übel in ihr Schicksal gefügt.
Es sah total bescheuert aus, wie sie im Halbkreis um den nun schmerzgepeinigten Hauptmeister herum standen und in aller Fassungslosigkeit zusahen, wie der Gewaltverbrecher die junge Medizinerin in Richtung Porsche vor sich hertrieb. Die Hosentaschen voll gestopft mit Waffen, Schlüsseln und Handys.
Als sie den Wagen erreicht hatten und die Fahrertür offen war, knallte der Vollidiot der jungen Frau seine flache rechte Hand so heftig ins Gesicht, dass man es laut klatschen hörte. Die Getroffene schrie auf, drehte sich um die eigene Achse und stürzte zu Boden.
Kurz darauf röhrte der Porsche auf und verschwand mit durchdrehenden Rädern in Richtung Bad Berleburg.
Eilig rannten die beiden Retter zu ihrer Kollegin, halfen ihr auf die Füße und brachten die laut Weinende zurück zum Rettungswagen.
Polizist Schmitz kümmerte sich um seinen Kollegen und begann, dessen Oberschenkel mit Trassenband aus dem Streifenwagen abzubinden, das er zu einer Kordel verdrallt hatte. Klaiser rief über Funk Verstärkung und ließ Straßensperren veranlassen.
In Berleburg waren sie aber bereits informiert. Klammheimlich, vom Fahrer des Rettungswagens. Über dessen Notfrequenz. Er hatte die ganze Zeit unbeobachtet am Steuer gesessen.
Der Hauptkommissar war aufgewühlt. Noch nie im Leben hatte Klaiser eine solche Ohnmacht verspürt wie gegenüber diesem Wahnsinnigen. Wer weiß, was der mit dem Industriellen angestellt hatte. Hatte er nur dessen Wagen gewollt und ihn womöglich längst umgebracht? Oder wollte er Lösegeld erpressen?
Dem war alles zuzutrauen. Am Ende war der Unternehmer irgendwo in der Umgebung versteckt oder gar vergraben. Klar. Warum sonst hatte sich der Gangster hier aufgehalten?
Gedankenverloren stemmte Klaiser die Hände in beide Sakkotaschen. Und auf einmal bekamen seine Augen ein seltsames Leuchten. Denn da fühlte er den Werkstattschlüssel seines Dienstwagens in der Hand. Einen zweiten Schlüssel, den Klaus wegen der Inspektion dabei gehabt und ganz vergessen hatte. Super. Plötzlich war er wieder mobil.
Nachdem er sicher war, dass sich die Sanitäter nun auch um seinen angeschossenen Kollegen kümmerten und klar war, dass sowohl ein zweiter Rettungswagen als auch weitere Polizeibeamte kommen würden, rannte der Kripobeamte zu seinem Fahrzeug, um die Verfolgung aufzunehmen.
Er war noch nicht richtig eingestiegen, da raste plötzlich der Porsche wieder vorbei. Diesmal in Richtung Aue. Von weit her hörte man Martinshörner, die sich aber seltsamerweise entfernten. Der Flüchtige musste irgendwo vor einer Polizeisperre kehrt gemacht haben. Und die Kollegen hatten daraufhin die Verfolgung aufgenommen. Scheinbar aber in die falsche Richtung. Hatte er sie genarrt? Klaus hängte sich dran. Schon allein aus dem Willen heraus, sich diesem Gangster auf keinen Fall geschlagen zu geben. Der Quattro A5 nahm Fahrt auf.
Über Funk erfuhr Klaiser, dass das SEK unterwegs sei. Sein Adrenalinspiegel begann wieder zu steigen.
Aber außer hinterherfahren und eventuell sogar den Standort ausfindig machen konnte er ja nichts tun. Das Arschloch hatte ihm ja die Waffe abgenommen und sein Handy. Letzteres wäre unter Umständen noch verzichtbar gewesen. Aber eine Pistole hätte ihm schon einiges mehr an Sicherheit gegeben.
Auf der Strecke unter‘m Willstein konnte man herüber bis ins Altmühlbachtal schauen. Und da sah er den Porsche, wie er gerade am Schäferhans-Hof vorbei fuhr. Der Typ hatte die Eder überquert und donnerte in Richtung Rinthe. ‚Nicht einholbar dieser Vorsprung‘, dachte Klaiser. Aber immerhin konnte er die Kollegen informieren. Vielleicht war ja gerade eine Streife in entgegengesetzter Richtung unterwegs.
Kurz darauf bog er ebenfalls links ab über die Ederbrücke. In rasender Fahrt jagte er bald über den Bahnübergang hinweg und an der Alten Mühle vorbei. Auf der Straße gab es ein paar heikle Stellen. Die kannte er längst. Der Porschefahrer aber wohl kaum. Doch bei der Straßenlage dieses Autos war eher nicht damit zu rechnen, dass es aus irgendeiner Kurve fliegen würde.
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