Die Jungs hatten Figürchen wie Zehnkämpfer. Breite Schultern, schlanke Hüften und ein massives Fahrgestell. In ihren Einsatzkombis und mit Springerstiefeln machten sie echt was her. Selbst der Gefesselte schien ein wenig ins Grübeln zu geraten, als er sie sah. Richtig topfitte Jungbullen.
In kurzen Zügen erklärte Klaiser ihnen, dass es sich bei dem Mann um einen Verkehrsrowdy und üblen Schläger mit reichlichen Drohgebärden handele. Dann überließ er den Kraftprotz ihrer Obhut, um endlich die Straße frei zu machen. Das Hupkonzert hatte ein wenig nachgelassen. Den Autofahrern war das Auftauchen der Uniformierten wohl zu mulmig. Außerdem war klar, dass sich bald an der Situation etwas ändern würde.
Der Porsche-Schlüssel lag zum Glück auf der Mittelkonsole, als Klaus sich in den Sportsitz gleiten ließ. ‚Was für ein Auto. Und dazu noch ziemlich neu‘, dachte er, als er startete. Mit unbändiger Kraft zog der Bolide schon im Standgas an wie ein wilder Hengst. Aber der Beamte machte mit dem Traumfahrzeug lediglich eine Kehrtwende und stellte es neben seinem Quattro auf dem Hof vor dem ehemaligen Union-Stübchen ab. Eine legendäre Kneipe. Sein Nachbar hatte dort der Erzählung nach so manche Nacht Doppelkopf gespielt und geknobelt. Und dabei reichlich dem Dortmunder Bier zugesprochen. „Lang ist´s her“, hatte Werner sinniert. Der Zapfhahn war schon seit Jahrzehnten nach oben gedreht.
Klaus machte sich auf die Suche nach Personal- und Fahrzeugpapieren im Wagen. Das jedoch verlief mehr als enttäuschend. Der Panamera war innen so gut wie leer. Seltsam. Lediglich eine Sportjacke ohne Taschen auf dem schmalen Rücksitz. Und die Betriebsanleitung vom Hersteller im Handschuhfach. Die Tankanzeige stand auf etwas über „halbvoll“ und der Tacho auf 12.371 Kilometer. Das Navi war eingeschaltet.
Immerhin war die Straße jetzt wieder frei. Der Stau löste sich langsam auf. Aber als er ausstieg, waren er und das Auto umringt von Schaulustigen, die jede Menge anerkennende Schulterklopfer für den Mutigen übrig hatten. „Das war ja der Hammer, wie Sie den zusammen gefaltet haben“, meinte ein Junge, vielleicht gerade mal 15 Jahre alt.
‚Wenn die wüssten, wie mir zumute war‘, dachte er nur, als er zum Ort des Geschehens zurückging. Aber die Anerkennung tat ihm gut. Klaiser grinste zufrieden in sich hinein.
„Samma, dämm hässe awwa ordentlisch die Fresse poliert. Wie jing dat dann?“, wollte der Größere von den beiden Kollegen in breitestem Kölsch wissen. Während der andere gerade dabei war, per Funk einen Rettungssanitäter heranzuholen. Den mittlerweile verstummten, aber immer noch blutenden Gestrauchelten hatten sie derweil im Inneren des VW-Busses an einem Haltegriff angekettet.
Klaus´ Erklärung zu den wirklichen Umständen wollte der Kölner gar nicht so richtig glauben und grinste breit „Dä häddet sischer verdient“, meinte er nur. „Oder jloubst du, dat dämm Kaventsmann dat jeile Auto jehört? Dat iss doch vill zo kleijn füa dänn. Un zo düa. Dat hät dä doch jarantiert irjendwo jeklout.“
Kurz darauf klemmte er sich an den Funk und fragte die Autonummer in der Zentrale ab.
„Die hann im Moment zo vell zo donn“, kam er kurz darauf wieder zurück. „Do is irjendwo ’n Riesensouereij im Jang. Da is de Kacke rischdisch am Dampfen.“
„Kann ja wohl nicht an uns liegen“, lachte Klaus und freute sich auf seine Frau und ein ordentliches Abendessen. So langsam hing ihm nämlich der Magen zwischen den Knien. Und Ute, Physiotherapeutin in einer der Berleburger Kliniken, dürfte längst zu Hause sein und schon mal alles vorbereitet haben. Am Mittag hatten sie noch telefoniert und sich für fünf Uhr verabredet. Das würde zwar knapp, aber käme immer noch hin. Bis nach Hause bräuchte er von hier aus im Wagen gerade mal zwei, drei Minuten.
Die beiden hatten sich nach Klaisers Versetzung zur Polizei in Berleburg ein schmuckes Häuschen hier im Ort gemietet. 130 Quadratmeter, so gut wie neu, direkt am Ortsrand. Nicht weit weg von der Straße zur Krimmelsdell. Ein herrliches Eckchen mit hoher Feierqualität. Das war wichtig in Berghausen.
Ute war schon zwei Jahre vor ihm in die Kurstadt gekommen, in deren Namen die Einheimischen das „Bad“ gerne wegließen. Aus purer Gewohnheit. Berleburg war zwar schon eine halbe Ewigkeit für Kneippkuren bekannt. Den Titel „Bad“ hatte die Kleinstadt aber erst 1971 bekommen.
Doch das Kuren nach Pfarrer Kneipp hatte die Zeit nicht überdauert. Die meisten Kliniken hatten sich mittlerweile auf Rehabilitationstherapien spezialisiert. Auf die Heilung von Schlaganfallpatienten oder solchen mit schweren Traumata oder massiven Hörschäden, zum Beispiel. Blitzgüsse und Heusäcke hatten Therapien in Neurologie, Psychologie oder Psychosomatik Platz gemacht.
Und genau dort hatte die damals frisch gebackene Physiotherapeutin und Schwimm- und Bademeisterin Ute angeheuert. In einer gerade umfunktionierten Doppelklinik.
Zum Leidwesen von Klaus, damals noch Polizeikommissar bei der Münsteraner Schutzpolizei.
Zwei Jahre lang war der aufstrebende Schutzmann an freien Wochenenden ins Wittgensteiner Land gefahren, um seine bildhübsche Freundin zu besuchen. Die musste in der Klinik häufiger auch an Samstagen Dienst schieben. Da war sein Besuch hier schon praktischer.
Und zwischendrin feilte er an seiner Karriere, wechselte nach Lehrgängen zur Kripo und wurde befördert.
2013 schließlich hatte er die Chance, als Hauptkommissar bei der Kripo in Berleburg einzusteigen. Das passte prima zu den Heiratsplänen des Paares, das sich hier auf dem Land mit seinen etwas knorrigen, aber unheimlich herzlichen Menschen sauwohl fühlte. Er griff zu.
Den Klaisers gefiel Bad Berleburg und seine Umgebung. 23 Ortsteile mit insgesamt nur knapp 20.000 Einwohnern. Das war so richtig nach dem Geschmack der beiden, die bei Telgte im Münsterland groß geworden waren. „Unheimlich viel schöne Gegend hier“, hatte Ute mal gesagt.
Beide liebten das Leben auf dem Land, waren begeisterte Wanderer und Skifahrer und vor allem keine Schönwetter-Anbeter. Das war wichtig in einem Landstrich mit gefühlten 250 Regen- und Schneetagen pro Jahr.
Heute war es übrigens trocken und warm. Ein Septembertag, wie man ihn gerne hatte. Und es versprach ein schöner Abend zu werden, als der Rettungswagen heranrollte. Endlich. Ein Rettungsassistent und eine Notärztin kletterten aus dem Fahrzeug. Der Fahrer wendete und stellte den Wagen neben dem Polizei-Bulli ab. Zwischenzeitlich hatten sich auch die Gaffer am Straßenrand verkrümelt.
Klaus Klaiser und der Kleinere von den beiden Kölner Kollegen kümmerten sich um den Chaoten. Losschließen vom Haltegriff und Hände auf den Rücken. Damit er keine Dummheiten macht.
Nebenbei erklärte der Hauptkommissar den Rettern in kurzen Zügen, was passiert war und wie es zu den Verletzungen des Gefesselten gekommen war. Dann ging es an dessen grobe Untersuchung.
„Das an der Stirn werden wir klammern müssen. Und das hier an der Lippe auch“, erklärte die Ärztin, als sie sich das Gesicht näher angeschaut hatte. „Haben Sie schlimme Schmerzen?“
Der Fleischkloß schwieg.
„Wir nehmen ihn am besten gleich mit ins Krankenhaus nach Bad Berleburg. Da kann er sofort in der chirurgischen Ambulanz behandelt werden“, beschied die junge Medizinerin. Ohne eine Reaktion der Polizisten abzuwarten bat sie darum: „Am besten machen Sie ihm die Handschellen ab. Damit er auf dem Rücken liegend transportiert werden kann. Der Mann hat bei dem Sturz auf die Fahrbahn mit ziemlicher Sicherheit eine Gehirnerschütterung abbekommen. Einer von Ihnen kann uns ja im Rettungswagen begleiten.“
Nebenan im VW-Bus knarzte der Funk. Der große Kölner wurde gerufen und gebeten, sich per Handy zu melden. Was dieser auch sofort tat. Dann wurde er still. Sekunden hörte er gebannt zu, um dann die Augen weit aufzureißen. „Ach du dicke Scheijße!“, rief er, „dat hat uns jerade noch jefehlt. … Juut … Okay, isch meld‘ misch jleisch wieder.“
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