d) Gegen die Dominanz der Autorintention : Die einseitige Fokussierung auf die Autorintention wird abgelehnt; das Verständnis der Texte als deutungsbedürftige Rätselworte mit inhärenter Deutungsvielfalt lenkt das Augenmerk auf die Sinn schaffende Eigenleistung der Rezipienten. Gleichnisse seien ‚deutungsaktiv‘; ihre Mehrdeutigkeit sei ein Appell, in das Erzählte einzusteigen und in ihm konkrete Lebenswahrheiten zu entdecken.8 Intentionale Verstehensrichtung und individuelle Aneignung entscheiden gemeinsam über den Textsinn. Die Koppelung beider Perspektiven richtet sich gegen eine vorschnelle Vereinnahmung der Gleichnisse.9
e) Konsequente Kontextualisierung : Gegen das Konzept ‚autonomer Kunstwerke‘ (→ 2.2.6g) verweist Zimmermann auf den historischen, sozialen und literarischen Kontext der Gleichnisse als notwendigen Deutungsrahmen. Sprachlich-narrative Analyse und historische Betrachtung werden miteinander verschränkt.10 Dies entspricht der Koppelung intentionaler Verstehensrichtung mit individueller Aneignung und verhindert die Beliebigkeit des Verstehens bzw. einen Verstehensverzicht; Offenheit und Verbindlichkeit bilden ein dynamisches Gegenüber.11
f) Die Rätselhaftigkeit als hermeneutischer Hebel : Die Rätselhaftigkeit der Gleichnisse wird hermeneutisch fruchtbar gemacht: Gerade das ‚primäre Unverständnis‘ stelle die Rezipienten vor die Aufgabe, genauer hinzuhören und in einen Prozess des Fragens, Staunens und Suchens einzusteigen. Die Verwendung deutungsbedürftiger Rede sei geradezu eine ‚spezielle hermeneutische Strategie‘, um zu einem vertieften Verständnis zu führen.12
g) Absage an die Unterteilung der Gleichnisstoffe : Die formkritische Klassifikation der Gleichnisstoffe wird zurückgewiesen.13 Jülichers Unterscheidungskriterien seien weder durch die antike Rhetorik abgedeckt noch in der Praxis anwendbar.14 Mischformen sind die formkritische Regel, so Zimmermann in Anlehnung an Fiebig (→ 2.2.1). Zimmermann verweist darauf, dass das Griechische in Hinblick auf vergleichende Texte fast durchweg von parabolaí spricht, anstatt zu differenzieren. In der Konsequenz fordert Zimmermann den Verzicht auf eine Klassifikation: „Parabeln – sonst nichts!“ lautet sein programmatisches Statement.15
Das ‚Gleichniskompendium‘ versteht sich als integratives Modell historisch-diachroner, literarisch-literaturwissenschaftlicher und hermeneutisch-leserorientierter Zugänge.16 So verbinden sich die Fragen nach der Entstehungssituation und nach der sozialen Wirklichkeit der intendierten Adressaten sowie die (narrativ-sprachliche) Betrachtung des Texts an sich, religionsgeschichtliche Einbettung, Textpragmatik und Rezeptionsästhetik zu einem breit angelegten Gesamtentwurf.
2.4 Auswertung: Leitende Fragestellungen und Alternativen
Der obige Überblick über die Gleichnisforschung wird im Folgenden anhand der die Diskussion leitenden Alternativen systematisch ausgewertet.
2.4.1 Ein einziger vs. mehrere Vergleichspunkte
Jülicher sieht im Gleichnis das rhetorische Beweismittel für eine sittlich-religiöse ‚Satzwahrheit‘, die den Vergleichspunkt zwischen ‚Bildhälfte‘ und ‚Sachhälfte‘ darstellt. Die ‚Satzwahrheit‘ herauszufinden, sei das Ziel der Gleichnisexegese.1 Methodisch entsprechen dem die Rückgewinnung des Entstehungskontextes und die Rekonstruktion des Gleichnisses in seiner mündlichen Urgestalt. ‚Allegorische‘ Elemente (besser: Transfersignale) führt Jülicher auf das Missverständnis der Evangelisten zurück; die Auslegung solcher Elemente führe in die Irre.
Mit der Rehabilitation metaphorischer, das heißt bedeutungsoffener und deutungsbedürftiger, Redeweise erscheint Jülichers Auffassung überholt (→ 2.2.3). Methodisch leitend ist nunmehr die Rekonstruktion der ursprünglichen Verstehensbedingungen für Bildfelder, Metaphern, zeitgeschichtliche Anspielungen etc. sowie redaktionskritische Überlegungen zu Semantik und Sprachgebrauch des Autors (→ 2.2.6b-d). Die Deutungsoffenheit der Metaphern entspricht nach neuer Sichtweise der Deutungsoffenheit des Gleichnisses und der Annahme potenziell mehrerer Vergleichspunkte zwischen Bild- und Deutungsebene. Um der Gefahr allegorischer Auslegung zu entgehen, gilt die Pointe des Gleichnisses als kritisches Korrektiv (→ 2.5.5cd; 3.1).
2.4.2 Gleichnis vs. Allegorie
Jülichers Gleichnistheorie basiert auf der Entgegensetzung von Gleichnis/Vergleich (‚eigentlicher Rede‘) vs. Allegorie/Metapher (‚uneigentlicher Rede‘), von rhetorischem vs. po(i)etischem Zweck, von mündlicher Urform vs. verschriftlichter Gleichnisform, von einem einzigen vs. mehreren Vergleichspunkten sowie von methodischem Deutungspurismus vs. Auslegungsbedarf. Das dahinter stehende Jesusbild korrespondiert mit der Missverständnis- bzw. Verfälschungstheorie und dem Postulat eines Gleichnis-Idealtyps (→ 2.1.1f.; 2.5.5b). Die Beobachtung von Mischformen als Regelfall frühjüdischer meschalím , die ‚metaphorische Wende‘ und die Revision des Allegoriebegriffs1 erweisen den Gegensatz von Gleichnis und Allegorie als Scheinalternative (→ 2.2.1; 2.2.3; 2.2.5; 2.5.2a).
Allegorisierung wird heute weithin als historische und hermeneutische conditio sine qua non einer gelingenden Neukontextualisierung und Aktualisierung des ursprünglichen Textes verstanden.2 Die Allegorie gilt heute einerseits als Stilmittel auch im nicht-literarischen Bereich, andererseits als Gattungsbegriff, der auf Texte mit hermetischer Grundtendenz einzugrenzen ist (→ 2.2.5b; 2.5.2a).
2.4.3 Rhetorischer vs. po(i)etischer Zweck
Jülicher verstand Gleichnisse als rhetorische Argumentations- und Beweismittel, die durch die Rekonstruktion des tertium comparationis im Sinne einer sittlich-religiösen Satzwahrheit in nicht-vergleichende Rede zu überführen sei. Die ‚metaphorische Wende‘ führte zum Neuverständnis der Texte als poetischer, ja poietischer Gattung, deren Sinnpotenzial sich nicht in einer Satzwahrheit erschöpfe, sondern in die Neubeschreibung bzw. Neukonstituierung der Wirklichkeit münde (→ 2.2.3b; 2.5.4b). Gleichnisse gelten als erweiterte Metaphern und als hermeneutisch adäquate Form, von Gottes Wirklichkeit zu sprechen (→ 2.2.3c; 2.5.4c). Hieraus ergibt sich die Auffassung, Gleichnisse seien ein Offenbarungsmedium sui generis und die Realisierung des Reiches Gottes ein Sprachereignis (→ 2.2.3d; 2.5.4d).
Die Gleichnis form gilt in der Folge aufgrund ihrer Fiktionalität und Narrativität als unersetzbar, da nur sie einen ‚metaphorischen Prozess‘ in Gang setzen könne, der zur Entdeckung der Wirklichkeit Gottes führt. Dies gilt, so Harnisch, nur für die mündlichen Gleichnisse; die Verschriftlichung führe zu einem ‚Sprachverlust‘.1 – Die jüngste Gleichnisforschung betont das Wechselspiel zwischen rhetorisch-argumentativer und poetischer Gleichnisfunktion (→ 2.3c). Vergleichende Rede setze nicht-vergleichende Argumentation mit anderen Mitteln fort. Der Rückgriff auf vergleichende Sprache biete den Vorteil, dass das argumentative Lernziel nicht nur kognitiv, sondern auch affektiv-praktisch vermittelt wird. Gleichnisse seien Jesu Kampf um die Herzen der Menschen (vgl. → 2.2.6b).2
2.4.4 Kontextualität / Autorintention vs. ästhetische Autonomie / Leserzentriertheit
Für Vertreter der Kontextgebundenheit der Gleichnisse ist die Bedeutungs richtung eines Gleichnisses durch seinen historischen bzw. literarischen Kontext und durch die Intention des Autors vorgegeben. Der Kontext gilt als die maßgebliche Instanz, die über den Textsinn entscheidet. Dem entspricht das Verständnis vom Gleichnis als einem rhetorischen Argumentationsmittel. Vertreter der po(i)etischen Sichtweise betonen hingegen die prinzipielle Deutungsoffenheit des Gleichnisses im Sinne ästhetischer Autonomie (→ 2.2.6g). Damit erscheint der Textsinn abgelöst von kontextuellen Faktoren; das Gleichnis entwickle als poetisches Kunstwerk eine Eigendynamik, was den Textsinn anbelangt. Die Sinnkonstitution ergebe sich im individuellen Rezeptionsvorgang jeweils neu und vielgestaltig.1 Diese Auffassung korreliert mit der vom Sprachereignis , das je und je in der Begegnung mit der Gleichnisbotschaft stattfinde. Die historische Analyse zur Erschließung des ursprünglichen Textsinns wird hier als inadäquat abgelehnt.2 Das, worum es im Gleichnis geht, sei überzeitlich und betreffe die Menschen aller Zeiten und Kulturen gleichermaßen. Die narrativ-poetische Gleichnisform sorge dafür, dass sich der theologische Bezugsrahmen je und je neu und unmittelbar, ohne Rekurs auf historische Gegebenheiten, ergibt (→ 2.2.3; 2.5.3a; 2.5.4d).3
Читать дальше