Jülicher hat nicht nur die Gleichnisauslegung für die Gefahr allegorisierender Textauslegung sensibilisiert. Sein Beharren darauf, die Bedeutung eines Gleichnisses aus dem Text selbst zu erheben, statt textfremde Kategorien auf ihn zu applizieren, gehört zu seinen bleibenden Verdiensten. Darüber hinaus hat Jülicher der Gleichnisforschung wichtige Impulse und Fragestellungen mit auf den Weg gegeben, was den Zweck der Gleichnisrede, die Klassifikation vergleichender Texte, das Wesen von Metapher und Allegorie, den theologischen Bezugsrahmen (‚Sache‘), das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, den Einfluss antiker Rhetorik oder das Alleinstellungsmerkmal der Gleichnisbotschaft Jesu anbelangt. Das gilt, auch wenn die Forschung im Einzelnen heute zu anderen Ergebnissen kommt. Jülichers Werk bleibt in seiner Nachhaltigkeit und Breitenwirkung bis heute unerreicht.
2.2 Zwischenschritte zur modernen Gleichnisforschung
Die folgende Darstellung beschränkt sich auf wichtige Zwischenschritte der Gleichnisforschung seit Jülicher: Erstens , die Frage nach dem jüdischen Kontext Jesu und der Gleichnisse; zweitens , die Frage nach dem eschatologischen Charakter der Gleichnisbotschaft; drittens , die ‚metaphorische Wende‘; viertens , die kritische Auseinandersetzung mit ihr; fünftens , neuere integrative Ansätze. Der Überblick mündet in die Darstellung der aktuellen gleichnistheoretischen Diskussion.
2.2.1 Gleichnisse als frühjüdische Gattung
Jülichers Rückbezug auf die griechisch-römische Rhetorik zur Bestimmung von Gleichnisform und -zweck wurde schon früh kritisiert. Nicht die antike Rhetorik, sondern die rabbinischen Talmud-Gleichnisse (hebr. meschalím ) seien der adäquate Bezugsrahmen der Gleichnisse Jesu. Gleichnisforscher wie Paul Fiebig (1876-1949), David Flusser (1917-2000) und Peter Dschulnigg (1943-2011) stehen für diese Position. Sie verweisen auf die jüdische Prägung Jesu und auf die große Nähe zwischen rabbinischen und neutestamentlichen Gleichnissen.
Wir verstehen die Gleichnisse Jesu nur dann richtig, wenn wir sie als der rabbinischen Gleichnisgattung zugehörig betrachten. Aus dem Wort Jesu über den Zweck der Gleichnisse [Mk 4,10-12parr.] erfahren wir, dass Jesus die Gleichnisse aus denselben Gründen wie die Rabbinen erzählte.1
Das Argument, die Talmudtexte seien deutlich jünger als die Evangelien, wird unter Verweis auf die lange mündliche Vorgeschichte der relativ konstanten und prägnanten Erzählform der Gleichnisse zurückgewiesen. – Der Vergleich zwischen neutestamentlichen und talmudischen Gleichnissen führt zu einer grundsätzlichen Kritik an Jülichers Postulat eines Gleichnis-Idealtyps : Die frühjüdischen Gleichnisse sind allesamt auslegungsbedürftig und weisen mehr als ein tertium comparationis zwischen Erzähl- und Deutungsebene auf. Ohne nachweisbaren Gleichnis-Idealtyp ist aber auch die Kontrastierung zur Allegorie hinfällig.
2.2.2 Die eschatologische Deutung
Jülicher sieht den theologischen Bezugsrahmen (‚Sache‘) des Gleichnisses in einer sittlich-religiösen, zeitlos gültigen Satzwahrheit. Die darauffolgende Generation erkennt ihn in der Verkündigung der anbrechenden Herrschaft Gottes. Schon Jülichers Altersgenosse Johannes Weiß (1863-1914) wies auf den eschatologischen Charakter der Gleichnisbotschaft Jesu hin.1 Unter dem Eindruck des verlorenen Ersten Weltkriegs, der sämtliche Illusionen über die innergeschichtliche Realisierbarkeit sozialer Zustände im Sinne des Gottesreiches zunichte machte, stellten Charles Harold Dodd (1884-1973) und Joachim Jeremias (1900-1979) die eschatologische Ausrichtung der Gleichnisbotschaft in den Vordergrund.2
Mit der eschatologischen Deutung rückt der Begriff der Krise (gr. krísis – Unterscheidung, Entscheidung, Gericht) ins Zentrum der Gleichnisauslegung. Das nahe Kommen Gottes stelle die Hörerinnen und Hörer der Gleichnisse in die existenzielle Entscheidung für oder gegen Gottes basileía .
Alle Gleichnisse Jesu zwingen den Hörer, zu Seiner Person und Seiner Sendung Stellung zu nehmen.3
Jeremias sieht den Kern der Gleichnisbotschaft in der Proklamation des anbrechenden Heils, in Gottes Vergebungsbereitschaft, im Ruf zur sofortigen Buße (gr. metánoia ), in der Aussicht auf die nahe Erlösung und in der Warnung vor dem kommenden Gericht. Diese Inhalte provozierten konkrete Verhaltensänderung.
Jülichers rhetorische Zweckbestimmung der Gleichnisse, ihre Entgegensetzung zur Allegorie und die Missverständnistheorie bleiben indes unangetastet.4 Jeremias sieht sich besonders in einem Punkt als Vollender der Jülicherschen Gleichnistheorie: in der konsequenten Rekonstruktion des mündlichen Gleichnis-Idealtyps. Dessen Merkmale übernimmt Jeremias von Jülicher (Einfachheit, Anschaulichkeit, Realistik des Erzählten). Zusätzlich entwickelt Jeremias insgesamt zehn Umformungsgesetze, die bei der Verschriftlichung (und zugleich Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische) leitend gewesen seien.5 Die Rückgewinnung der ipsissima vox Jesu ist Jeremias’ Erkenntnis leitendes Hauptinteresse. Der O-Ton Jesu samt seinem situativen Entstehungskontext (Auseinandersetzung Jesu mit seinen Gegnern) ist für ihn der Verstehenscode der Gleichnisse.
2.2.3 Die ‚metaphorische Wende‘
Die nachhaltigste Zäsur in der Geschichte der Gleichnisforschung ist die ‚metaphorische Wende‘ seit den 1960er Jahren. Kern der Wende ist die Neubestimmung der Metapher als po(i)etischer Sprachform im eigentlichen Sinne.
a) ‚Eigentliche‘ statt ‚uneigentliche‘ Rede
Während die ältere Gleichnisforschung die Metapher als ‚uneigentliche‘, für argumentativ-rhetorische Zwecke letztlich unbrauchbare Sprachform wertet, die im Deutungsprozess durch ‚Klartext‘ zu ersetzen sei ( Substitutionsmodell ), sieht die neuere Forschung in der Metapher eine ‚eigentliche‘ Sprachform, die im Unterschied zu unmetaphorischen Sprachformen Wirklichkeit konstituiere. Ein weiterer Vorzug metaphorischer Sprache sei ihre emotional-affektive Ausrichtung: Metaphern und Gleichnisse sprechen auch das Herz an, nicht nur den Verstand. In diesem Sinne sei die Metapher eine poetische bzw. poietische Sprachform (gr. poieín – machen, erschaffen).1 Metapher gilt nicht mehr als einzelner Begriff, als semantischer Fremdkörper, der zu ersetzen sei, sondern als Satzphänomen, das von der kontextuellen Spannung lebt ( Interaktionsmodell , Metapher als Phänomen der Prädikation), deutungsoffen ist und einen bleibenden Sinnüberschuss in sich trägt. Daher und wegen ihrer poietischen Sprachkraft sei die Metapher unersetzbar.
b) Metaphorische Sprache als Grundmodus der Erschließung von Wirklichkeit
Die Federführung bei dieser Neubewertung lag bei der Sprach- und Literaturwissenschaft.1 Protagonisten waren Max Black (1962), Robert Funk (1966), Ivor A. Richards (1967) und Harald Weinrich (1976). Sie erkannten in der Metapher den Grundbaustein von Sprache, mit dessen Hilfe Wirklichkeit erfasst und verstanden werde, und zwar durch analogische Verknüpfung von Bekanntem mit Unbekanntem.2 Die Metapher ist Gerhard Sellin zufolge
der deutlichste Ausdruck des analogischen Charakters der Sprache überhaupt, der menschlichen Fähigkeit, Beziehungen zu sehen, zu verbinden, zu interpretieren, Sinn zu erfassen.3
Während Jülicher und seine Nachfolger Sprache als Mittel präziser Informationsübermittlung verstanden, wird Sprache jetzt als schöpferischer (poietischer) Akt bewertet, der Wirklichkeit allererst hervorbringe und neuen Sinn konstituiere.4
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