Die ‚metaphorische Wende‘ führt zur Wiederentdeckung der po(i)etisch-ästhetischen Sprachkraft und der Unersetzbarkeit von Metapher und Gleichnis. Form und Inhalt, narratio und theologischer Bezugsrahmen bilden eine unauflösliche Einheit. Jesus als Gleichniserzähler etablierte eine unvergleichliche, dem Inhalt und dem Bilderverbot adäquate Form der Rede von Gott. Indem er die anbrechende Gottesherrschaft verkündigte, ließ er sie bei den Menschen Wirklichkeit werden. So gelten die Gleichnisse als Offenbarungsmedium sui generis und als einzigartiges, performatives Sprachereignis. Das in → 1.5.11 zitierte Diktum Jüngels bringt den Kern der ‚metaphorischen Wende‘ auf den Punkt. Inhaltlicher Kern der Gottesherrschaft ist demzufolge die Liebe als den Menschen neu geschenkte Existenzmöglichkeit ( existenziale Interpretation ). Die Suche nach einem Vergleichspunkt und einer Deutungsebene jenseits des Erzählten ist in diesem Ansatz obsolet.
2.2.4 Kritik an der ‚metaphorischen Wende‘
Die Gleichnisforschung seit den 1970er Jahren findet weiterhin in Auseinandersetzung mit Jülichers Ansatz und zusätzlich mit dem Konzept der ‚metaphorischen Wende‘ statt. Gegen Letztere wurden folgende drei Punkte kritisch eingebracht1:
Erstens , eine Gleichsetzung der Metapher als Satzphänomen der Lyrik und des Gleichnisses als narratio sei nicht zulässig:
Wird das Metaphernphänomen der Lyrik auf Gleichnisse übertragen, muss dies fast notwendig zu Verkürzungen im Gleichnisverständnis führen, da hier gleich zwei Grenzen überspielt werden: die Grenze vom Satz zur Erzählung und diejenige von der Gattung Gedicht zur Gattung Gleichnis.2
Ein wichtiger Unterschied zwischen Metapher und Gleichnis bestehe darin, dass die Metapher lediglich Analogien, ein Gleichnis aber auch Differenzen zwischen zwei Wirklichkeitsbereichen sichtbar machen könne.3 Diese Beobachtungen sprechen gegen die Definition des Gleichnisses als einer ‚erweiterten Metapher‘. Ein Gleichnis sei vielmehr eine fiktionale Erzählung, die einzelne Merkmale mit der Metapher gemeinsam hat (Konterdetermination, bleibender Sinnüberschuss, mehrere mögliche Vergleichspunkte und Deutungsbedarf).
Zweitens , das Gesagte gilt auch für die Rede von der po(i)etischen Sprachkraft der Metapher: Die Ansicht, Metapher und Gleichnis hätten eine besondere Sprachkraft und ein Gleichnis sei ein performatives Sprachereignis , wird als unangemessen und apologetisch gewertet.
It would be difficult to document cases of people who in reading a parable or having it read to them experienced in that moment their lives being ‚torn apart‘.4
Die Sprachkraft von Metapher und Gleichnis beschränke sich auf ihre Fähigkeit, bereits vorhandene Analogien sichtbar zu machen.5 Von einem ‚Sprachverlust‘ bei der Verschriftlichung der Gleichnisse zu sprechen (Harnisch 1985), sei daher unsachgemäß, auch weil die Annahme eines kontextfreien, mündlich vorgetragenen Gleichnisses eine Fiktion ist – im Gegenteil: Auch für die Gleichnisse im Munde Jesu seien Kontextmarker ([Vor-]Wissen der Hörerschaft um Jesu Vollmacht, Jesu Taten als situativer Kontext der Gleichnisse u. a.) vorauszusetzen, die das Verstehen der Gleichnisrede vorprägen. Die Gleichnisse seien von Jesus nicht in einem luftleeren Raum, sondern im Kontext seines sonstigen Wirkens gesprochen worden. Absolute Unvoreingenommenheit der Hörerschaft als Voraussetzung dafür, dass das mündlich vorgetragene Gleichnis eine performativ-po(i)etische Wirkung entfalten könne, sei Fiktion.6 Diese Erkenntnis führt in der Folge zur Fokussierung auf die schriftliche Endgestalt der Texte und ihres Kontextes.7
Drittens , die Fokussierung der Metapherntheorie auf poetische Anteile wird als Engführung eingestuft, vergleichbar der rhetorisch-argumentativen Engführung bei Jülicher. Schon Quintilian ordne Metaphern und Gleichnisse dem rhetorischen und dem poetischen Bereich zu.8 Metaphern eigneten sich demnach sowohl zur sachlichen Beschreibung von Sachverhalten als auch zur emotionalen Steuerung der Hörerschaft. Gemeinsam mit der Beobachtung des grundsätzlichen Kontextbezugs ergebe sich daraus methodisch die Aufgabe, Metaphern und Gleichnisse aus ihrem Kontext heraus zu deuten. Die Sprachformen ließen sich durch Interpretation zwar nicht substituieren , aber im Sinne der Autorintention interpretieren . Wesentlich für den Interpretationsrahmen seien der literarische Kontext und der Verstehenskontext der Erstadressaten; deren theologische und zeitgeschichtliche Assoziationen beim Hören von Metaphern und Gleichnissen seien zu rekonstruieren. – Die Rückbesinnung auf die argumentativ-rhetorische Funktion von Gleichnis und Metapher führt im weiteren Verlauf zu einer verstärkt redaktionskritischen bzw. kommunikationstheoretischen Betrachtungsweise.9
2.2.5 Revision des Allegorie-Begriffs
Jülichers anti-allegorischer Affekt geriet in der Folgezeit zunehmend in die Kritik. Die Beobachtung von Mischformen (Gleichnisse mit allegorischen Anteilen) und die Neubewertung der Metapher (→ 2.2.3) schlagen sich in einer Neubestimmung der Allegorie und im Verzicht auf ihre Kontrastierung mit Gleichnissen nieder.
a) Beobachtung von Mischformen
Es gibt keine scharfe Grenze zwischen eindeutigen und deutungsbedürftigen Texten. Jedes Gleichnis hat klar verständliche und deutungsbedürftige Elemente. Deutungsbedürftige Elemente sind z. B. andeutende und verschleiernde Transfersignale . Sie durchbrechen die Realistik und die Konterdetermination der narratio und weisen auf eine theologische Deutungsebene hin (→ 1.5.9).1
Beispiel : Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) gilt als Mustergleichnis Jesu. Seine Botschaft der unbedingten Liebe des Vaters zu seinen Söhnen leuchtet unmittelbar ein. Gleichwohl enthält es deutungsbedürftige Elemente: Was besagt der Hinweis auf die Schweine, die der jüngere Sohn zu hüten hat? Was bedeutet der Ring, den der Vater dem Heimgekehrten ansteckt? Was meint die Rede von ‚tot‘ und ‚lebendig‘ (V.24.32)? Ausgehend von der Kohärenz und Integrität des Gleichnisses, müsste man es, Jülichers Logik folgend, Jesus gänzlich absprechen oder aber die besagten Elemente der nachträglichen, verfälschenden Interpretation durch Lukas zuordnen.
Jülichers Entgegensetzung zwischen eindeutigen Gleichnissen und uneindeutigen Allegorien sowie sein Postulat eines idealtypischen, eindeutigen Gleichnisses wirken konstruiert.2
Wirkliche Gleichnisse bewegen sich gerne im Raum zwischen diesen beiden Extremen.3
Das Statement von Peter Dschulnigg bringt das Problem auf den Punkt.4
b) Präzisierung der Begrifflichkeit
Hans-Josef Klauck (1978) brachte eine nachhaltige Begriffsdifferenzierung in die Diskussion ein. Er unterscheidet zwischen Allegorie, Allegorese und Allegorisierung. Das Kernanliegen Jülichers erscheint in der Folge als Affekt gegen die Allegorese als Auslegungsmethode. Die nachträgliche allegorische Anreicherung bzw. Allegorisierung von Gleichnissen ist laut Klauck ein positiv zu bewertender Aktualisierungsprozess. Außerdem hinterfragt Klauck die formkritische Definition von Allegorie als literarischer Gattung kritisch (→ 1.4.3; 2.1.3g; 2.5.2a).
Die Allegorese ist ein antikes, bis in die Neuzeit verbreitetes Auslegungsverfahren, das zwischen dem wörtlichen Sinn eines Textes und einem weiteren, tieferen bzw. allegorischen Sinn unterscheidet. Diese Unterscheidung ermöglicht es, auch schwer verständlichen Bibeltexten einen (aktuellen) Sinn abzugewinnen. Texte gelten dabei generell als mehrschichtig und damit als bewusste Herausforderung, den eigentlichen Sinn, die geistliche Tiefendimension, zu entdecken. In diesem Sinne betrieb bereits Philo von Alexandrien (ca. 15 v. – ca. 50 n. Chr.) systematisch Allegorese. Auf diese Weise erschloss er philosophisch gebildeten Nichtjuden in Alexandria den (philosophischen) Sinn biblischer Texte.
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