Da ist etwas, neun Klafter unter uns.
Severn klettert in das Zwei-Personen-U-Boot, das an Deck aufbewahrt wird. Nolan, klein und drahtig, klettert mit einer großen Kamera nach ihm hinein. Offenbar ist er nicht nur der dritte Maat, sondern dokumentiert die Expedition auch.
Der Kran lässt die zwei ins Wasser hinab und sie tauchen unter. Hier oben ist es plötzlich sehr still. Glattes, glattes Wasser. Einige Leute lehnen sich über die Reling und schauen hinab. Andere rauchen und starren auf den Horizont oder die Vögel, die uns gefunden haben, sogar hier, mitten im Ozean. Vielleicht verwirrt sie die versunkene Insel genau wie uns. Die Stimmung so düster wie die Wolken.
Chisolm und ihr Otter tauchen neben mir auf.
Ich habe gehört, du warst diejenige , sagt Chisolm, die wusste, dass die Insel unter uns ist .
Ich nicke. Mir fällt auf, dass sich ihre Augen verändert zu haben scheinen, größer geworden sind, weicher, weich genug, um mein Starren abzuschwächen, ja sogar zu absorbieren.
Wer bist du? , fragt sie und auch ihre Stimme hat sich verändert, sie ist nicht länger distanziert, sondern jetzt warm und neugierig, fast mütterlich. Ihr Otter, den sie Lutra nennt, ringelt sich um ihre Schultern wie ein großer fluffiger Schal, seine schwarze Nase ruht neben ihrem Ohrläppchen. Meine Finger jucken, wollen sein Fell streicheln. Vielleicht liegt Rook falsch, was sie betrifft. Und vielleicht ist ihre Macht über Severn ein Zauber der Güte und des Verständnisses, keine kalte Berechnung.
Ich weiß nicht, wer ich bin , sage ich. Ich weiß nur, ich muss auf diese Insel gelangen .
Chisolm will etwas sagen, aber genau in diesem Moment taucht das U-Boot wieder auf. Severn und Nolan klettern an Bord und berichten, dass die Insel sehr wohl hier ist – im Scheinwerferlicht des U-Bootes sahen sie fliegende Fische über den Docks schwärmen und Haie an den steinernen Eingängen riechen. Kein Zeichen von den Einwohnern.
Was nun? , sagt jemand. Es herrscht lange Stille.
Es gibt eine Zeile in der prophetischen Überlieferung , sagt Chisolm, in der erklärt wird, dass sich die Insel der Toten zu einem Feuer im Himmel erhebt .
Von der Crew kommt zustimmendes Gemurmel, aber Severn scheint ungerührt.
Worauf bezieht sich das? , fragt er. Auf die Sonne? Offensichtlich nicht. Welches andere Feuer könnte es meinen?
Kometen , sagt Rook.
Na gut , sagt Severn sauer, hauen wir ab und kommen dann wieder zurück, wenn ein riesiger Stein aus dem All wie vorgesehen auftaucht, in hundert Jahren oder so. Oder noch später. Es könnten tausend Jahre vergehen, bevor diese Insel wieder auftaucht, um Luft zu schnappen .
Dann sprechen alle gleichzeitig und ich fühle, wie ich mich auflöse, verliere, was noch zu verlieren ist. Meine Bilder flitzen an mir vorüber:
Warteraum
Brot
Regenbogen
Brennholz
Vogel
Schatz
Pistole
Geist
krank
Duell
Buch
Mädchen
Eines fehlt noch. Ich krame danach in meinem Kopf, aber das Gebrabbel der Crew macht denken unmöglich. Ich stehle mich davon. Ich muss Stadtfinden, bevor ich mich auflöse.
Ich muss jetzt etwas tun.
Nahe dem Heck des Bootes hockt das einmotorige Wasserflugzeug der Expedition auf seinen Kufen. Ich finde die Bremskeile und entferne sie, dann öffne ich die Cockpithaube und klettere hinein. Woher weiß ich, was ich tue? Meine Finger bewegen sich aus eigenem Antrieb, geleitet von irgendeiner obskuren Kraft oder allein durch Muskelgedächtnis. Aber Gedächtnis woran? Wann bin ich zuvor in einem Flugzeug gewesen? Keine Zeit für Zweifel oder Nachdenken. Ich schnalle mich an, starte den Motor und sehe zu, wie vor mir der Propeller verschwimmt. Dann rolle ich die Schienen entlang und in die Luft.
Ich kann spüren, wie sich die Luft unter den Flügeln des Flugzeugs und in meinen Lungen zusammenpresst, uns hochhebt, hoch, hoch. Auch mein Herz hebt sich. Ich fliege !
Während ich eindrehe, sehe ich die schwach beleuchtete Crew der Lizzy Madgechaotisch und aufgeregt auf dem Deck herumlaufen. Ich kann ihre Schreie nicht hören, aber ich weiß, sie müssen schreien. Ich wende mich von ihnen ab, um mich auf die Flugbahn zu konzentrieren. Ich weiß, was ich tun muss. Indem ich den Steuerknüppel zurückziehe, zwinge ich das Flugzeug in den Steilflug. Ich klettere höher zu den Sternbildern, höher in die Dunkelheit. Die Nacht ist schwarz und silbern und still, abgesehen von dem Brummen des Motors, den ich an seine Grenzen bringe. Die Temperaturanzeige zementiert sich in der roten Gefahrenzone ein, trotzdem steige ich weiter in die dünne, kalte Luft. Ich finde einen Gurt und binde den Steuerknüppel in seiner Position fest, dann schnalle ich mich ab, mache den Fallschirm ausfindig und lege ihn an. Unter meinem Sitz ertaste ich das Leuchtpistolen-Kit. Ich lege eine Patrone ein und stecke den Rest in die Taschen, klemme die Pistole in meinen Hosenbund. Dann öffne ich die Klappe.
Sowie sie entriegelt ist, reißt sie der Wind weg und ich werde beinahe von der Kraft der bitterkalten, harten Luft aus dem Cockpit geblasen. Mein Gesicht und meine Finger werden fast unverzüglich taub, aber irgendwie ziehe ich mich aus dem Cockpit und, indem ich mich an jeden Griff, den ich finden kann, anklammere, krabble ich hinab zum linken Schwimmkörper und stelle mich darauf. Der Wind schreit mir in die Ohren, in die Augen. Ich sollte voller Angst sein, stattdessen bin ich aber voll wilder Freude. Dies ist der Weg, der einzige Weg vorwärts, und ich habe überhaupt nichts zu verlieren.
Mich mit einer Hand festhaltend, ziehe ich die Leuchtpistole heraus, ziele auf den Treibstofftank und feuere. Einen Augenblick lang kann ich nicht sagen, ob ich ihn getroffen habe oder nicht, dann aber leuchtet das Signal in hundert Fuß Entfernung auf. Ich lasse mich nieder, um mich auf den Schwimmkörper zu setzen, und umklammere ihn mit meinen Beinen, während ich die Pistole nachlade und gegen den Wind und die Taubheit in meinen Fingern ankämpfe. Nun ist das Leuchtsignal geladen, aber eine plötzliche Böe wirft mich kopfüber um. Ich habe nicht die Kraft, mich in dem schrecklichen Wind aufzurichten. Von der Unterseite des Schwimmkörpers hängend, den ich nur mit Mühe mit meinen Beinen festhalten kann, benütze ich beide Hände, um auf den Treibstofftank zu zielen und zu feuern. Ich glaube, ein kleines Loch im Metall zu sehen, aber bevor ich mich vergewissern kann, reißt mich ein weiterer Stoß los, der Wind reißt mich weg, und ich falle.
Im freien Fall auf dem Rücken liegend, öffnet sich mir plötzlich die Nacht und all die Sterne stürzen herein, als ob ich aufwärtsfiele, als ob ich flöge, vom Wind ins Weltall geschleudert. Etwas streicht über mein Gesicht – Federn? Weit über mir steigt das Flugzeug immer noch empor, empor, explodiert.
Ich bin weit genug darunter, um zu sehen, wie sich der Feuerball in purpurnen und gelben Flammenwellen nach außen bauscht, mehrere Sekunden bevor ich den Knall der Explosion höre.
Das Flugzeug schneidet einen brennenden Abwärtsbogen in den Himmel, schlitzt die Schwärze auf. Wird es funktionieren? Es muss funktionieren.
Ich drehe mich herum und sehe der Peitsche aus eiskalter Luft ins Auge, und der gigantischen Leere des dunklen Ozeans, der sich drohend unter mir auftut. Ich ziehe die Leine und spüre einen großen Ruck, als sich der Wind legt und ich am Ende eines driftenden Fallschirms baumle.
Weit unter mir schlägt das Flugzeug ohne ein Geräusch auf das Wasser auf. Flammen schießen über die Wellen, dann verschwinden sie langsam mit dem brennenden Wrack und der Ozean ist wieder schwarz, abgesehen vom Deck und den Mastleuchten der Lizzy Madge,Winzigkeiten in der Dunkelheit. Ich lade ein weiteres Signallicht und feuere. Wie zornig sie sein müssen. Sie werden mich für verrückt erklären, für gefährlich. Sie werden mich hierlassen wollen, damit ich ersaufe. Aber Chisolm wird sie nicht lassen. Sie versteht nun, dass ich sie dorthin führen werde, wo sie hinwollen, weil ich verzweifelt genug bin, zu tun, was niemand von ihnen zu tun wagt. Als die kalten Wellen höher werden, um mich zu kriegen, schließe ich meine Augen und sammle meine Bilder:
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