Die germanistische Sprachwissenschaft sieht keine andere Möglichkeit als an der schon im 19. Jh. richtig vorgetragenen lautgesetzlichen Etymologie des Baiernnamens als (ur)germ. Sg. * Baiowarjaz / Pl. * Baiowarjōz (lat. Baiovarius / Baiovarii ), zu Beginn des 6. Jhs. westgerm. * Baiawari / * Baiawarja festzuhalten, wenn das Bestimmungswort Bai- dieses gereihten Kompositums teilweise auch anders zu interpretieren versucht wurde als vom größeren Teil der Linguisten und Historiker in Verbindung mit dem auf die Boier zurückgehenden Namen Böhmens als lat. Boi(o)haemum / germ. * Baihaim / bair.-ahd. und mhd. Pēheim . Davon leitet sich die „Böhmentheorie“ der Herkunft der Baiern aus Böhmen – freilich nicht im Sinn der Grenzen des ehemaligen Königreiches Böhmen bzw. des heutigen Tschechiens – ab.
Unter Beibehaltung der germanistischen Herleitung des Baiernnamens von Böhmen wird seitens der Geschichtswissenschaft nun zur Erklärung der Herkunft der Baiern die zu beobachtende teilweise Bezeichnung von Bayern und damit der einstigen Raetia secunda als Noricum vom 8.–12. Jh. eingebracht. Daraus wird gefolgert, dass die Ethnogenese der Baiern in Ufernoricum, dem heutigen Nieder- und Oberösterreich, erfolgt ist, indem eine elbgermanische, von den südostwärts ziehenden Langobarden abzweigende Gruppe angesichts der Zughörigkeit von Noricum zur oströmisch-byzantinischen Reichshälfte nach der Auflösung Westroms 476 vom oströmischen Kaiser unter Vertrag genommen wurde, um die Westflanke seines Reiches als Wehrmänner gegen die ständigen Germaneneinfälle abzusichern. Diese Wehrmänner wurden mit dem Namen ihres Herkunftsgebietes als germ. * Baiowarjōz / lat. Baiovarii bezeichnet. Mit der Bildung des bairischen Herzogtums und der Einsetzung von Herzog Garibald nach 535 von Westen her durch die Franken war es seine Aufgabe, beide Gebietsteile zu vereinigen, und damit dehnte sich der Baiernname und mit ihm die Gebietsbezeichnung Noricum nach Westen in die ehemalige Raetia secunda aus.
Bezüglich der Herkunft des Baiernnamens und der Identitätsbildung der Baiern stehen sich die „Böhmen-“, die „Romanen-“ und die „Norikertheorie“ gegenüber, die in allen drei beteiligten Disziplinen, der Sprachwissenschaft, der Archäologie und der Geschichtswissenschaft, jeweils Vertreter haben.
Angesichts der heutigen Hervorhebung, ja Überbetonung des zweifellos über das Ende des Römerreiches 476 hinaus gebietsweise unterschiedlich langen Weiterlebens von Romanen im Alpenvorland der Raetia secunda und im westlichen Noricum vom oberbayerischen Lech bis zur oberösterreichischen Enns als des Entstehungsraumes der Baiern und ihres frühmittelalterlichen Herzogtums halten wir es für angebracht, die als Beweis für die Kontinuität herangezogenen Gewässer- und Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft systematisch zusammenzustellen und ebenso auf Stichhaltigkeit zu überprüfen wie die deutsch gebildeten Mischnamen mit einem als romanisch angesehenen Personennamen. Wann der Großteil dieser Gewässer- und Siedlungsnamen antik-romanischer Herkunft und Etymologie spätestens ins Bairisch-Althochdeutsche oder sogar erst ins Mittelhochdeutsche integriert wurde, lässt sich größtenteils mit Hilfe der Chronologie der zeitlich unterschiedlich eingetretenen und verschieden lange wirksamen germanischen, bairisch-alt- und mittelhochdeutschen Lautwandlungen und Lautsubstitutionen von den ersten Jahrhunderten n.Chr. bis ins 12. Jh. datieren. Spätestens ab dem Beginn eines einschlägigen Lautwandels muss ein davon betroffener Name integriert worden sein. Auf diese Weise wird sich ein annäherndes Bild ergeben, wann in welchen Kleinräumen die Baiern auftraten und die antik-romanischen Namen in ihre Sprache aufnahmen und sie sich dann in dieser fortentwickelten. Um nicht den Eindruck zu erwecken, die germanistische Sprachwissenschaft arbeite quasi mit Zaubermitteln, die vor allem Fachfremde meist nicht nachzuvollziehen vermögen, werden die angewandten sprachhistorischen Kriterien und die ungefähren Datierungen wenigstens in Umrissen einführend dargelegt. Obwohl es bis jetzt zwar derartige gebietsweise Untersuchungen gibt, behandeln wir zum ersten Mal den gesamten anstehenden Raum systematisch und zusammenhängend, wodurch wir ein geschlossenes Raumbild vermitteln, das wir auch auf entsprechenden Karten mit der Angabe der Datierungskriterien visualisieren.
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