„Brauchst du das für dein Selbstbewusstsein?“, hakte sie nach und feixte dabei zu ihm rüber, was Klaus nicht entging.
Der hatte endlich verstanden und reagierte jetzt spürbar gereizt. „Für mein Selbstbewusstsein gibt es ausreichend Gelegenheiten! Allerdings frage ich mich, ob du nicht dein Selbstbewusstsein durch solche Unhöflichkeiten aufpolieren musst? Hast du noch mehr drauf?“
„Mit deiner Erzählung kann ich nichts anfangen. Höre nur immer heraus, dass du ein ganz toller Radfahrer bist, was du augenscheinlich auch bei unserer Tour unter Beweis stellen willst.“
Klaus atmete tief durch, bevor er darauf antwortete. „Muss ich das verstehen? Jeder fährt gern in seinem Rhythmus. Und ich liebe es, auch mal Tempo zu machen. Kann ja sein, dass dich das stört, fehlt es dir vielleicht an Kondition?“
Rosa schüttelte unwillig den Kopf. „Meine Kondition reicht völlig! Aber gerade habe ich überhaupt keine Lust, mich mit dir zu unterhalten“, entgegnete sie säuerlich und verzögerte so unvermittelt ihre Fahrt, dass der folgende Radfahrer ebenfalls heftig bremsen musste und laut protestierte. „Mensch Rosa, was soll das denn?“
Und Klaus sah sich auf einmal an der Spitze allein fahren. Auch ihm reichte es jetzt, einen weiteren Versuch, an Rosa heranzukommen, hatte er zumindest heute nicht vor. Etwas missgelaunt schaute er sich nach Petra um, die das sah und versuchte, zu ihm aufzuschließen.
„Sagte ich nicht, du sollst die in Ruhe lassen? Musstest du dir erst eine Abfuhr abholen, bis du das begreifst? Wir gehören für sie einfach noch nicht dazu, das müssen wir erst mal akzeptieren.“
„Ob ich das akzeptieren werde – schau’n wir mal“, knurrte er.
Der Regen ließ doch noch nach, etwas zeigte sich tief am Horizont sogar die Sonne. Dem stets zurückhaltenden Roman Schlichter gefiel es so gut, dass er zu singen anfing, was die anderen eher amüsierte.
Von hinten hörten sie Rosa laut rufen. „Könnten wir doch noch mal anhalten?“, rief sie, und den meisten war klar, warum sie so kurz vor ihrem Etappenziel die Fahrt unterbrechen wollte.
„Hier ist es aber schwierig“, erklärte Beatrix zu ihrer Freundin und sah sich prüfend um. „Ich muss auch, aber hier ist nichts, wo wir uns etwas verbergen könnten.“
„Ich gehe das Stück zurück zu dem Graben, den wir gerade überquert haben“, antwortet Rosa. „Kommst du mit?“
Und gleich darauf verschwanden sie beide im Graben, wo nur noch gelegentlich etwas von ihren Köpfen über den Rand lugte.
Und dann ertönte ein schriller Schreckensschrei. Zwei andere Frauen stürmten zurück, um Hilfe zu leisten, doch da tauchten Rosa und Beatrix schon wieder auf und rannten zu ihren Rädern. Sie ruderten heftig mit ihren Armen durch die Luft, so, als wollten sie irgendwelche Insekten verscheuchen, die sie verfolgten.
„Was war denn los?“, frage Paul besorgt, als sie bereits wieder zusammenstanden.
„Uns haben im Graben Wespen angegriffen, die nisten dort augenscheinlich in einem Erdloch, was wir nicht bemerkt haben“, erklärte Beatrix. Sie war gestochen worden, denn sie zeigte wütend auf die Innenseite ihres Oberschenkels.
Auch Rosa hatte es erwischt, bei ihr musste der Stich ihren Rücken getroffen haben, denn sie ließ jetzt die Stelle von Carmen untersuchen.
„Und das mitten beim Pipimachen“, feixte Klaus unpassend, der sich nichts bei seinem Spaß gedacht hatte. Wie empfindlich die beiden Frauen waren, erfuhr er postwendend.
„Geht’s noch bei dir?“, geriet Rosa fast außer sich und blitzte Klaus wütend an. „Nicht nur, dass die Stiche richtig schmerzhaft sind, wenn eine dieser Wespen in unseren Po gestochen hätte, was meinst du, wie wir dann hätten weiterfahren können?“
Die Gruppe schwieg betreten, selbst wenn nicht alle Rosas Wut nachvollziehen konnten. Zumindest unangebracht erschien Klaus Witz den anderen. Der gab sich immer noch ahnungslos über die Empfindlichkeit der beiden Frauen. Immerhin unterdrückte er eine weitere Bemerkung, als ihn Petra heftig anstieß.
„Es ist ja Gott sei Dank nichts passiert“, suchte Paul wieder einmal die aufgezogenen finsteren Wolken zu verscheuchen.
Jetzt mischte sich aber Benno ein, den Klaus Verhalten an diesem Tag schon einmal sauer aufgestoßen war.
„Paul, wenn du glaubst, hier den Psychodoktor spielen zu müssen, dann liegst du falsch. Du solltest ihm noch mal klarmachen“, er zeigte dabei mit seinem Finger auf Klaus, „wie wir hier miteinander umgehen. Ansonsten ziehen wir, Rosa und ich, es vor, allein weiterzu- radeln.“
„Jetzt schießt du deutlich übers Ziel hinaus“, mischte sich Carmen zur Unterstützung ihres Mannes ein. „Klaus hat einen Spaß gemacht, der wollte niemandem von euch zu nahe treten. Es reicht jetzt, oder wollt ihr, dass unsere Radtour hier im Streit scheitert?“
Carmen schien sich selbst über ihre entschiedene Rede zu wundern, erntete aber einen dankbaren Blick von Paul.
„Ich wollte wirklich niemanden beleidigen“, beteuerte Klaus und schaute sich hilfesuchend um. Beatrix und Rosa schien das nicht zu beeindrucken, ihre Mienen verrieten nach wie vor Verärgerung.
„Okay, stecken wir es weg!“, erklärte Lars. „Carmen hat recht. Jedenfalls möchte ich diese Radtour bis zur letzten Etappe zu Ende fahren, und meine Frau sicher auch.“
Was immer Rosa und Beatrix im Moment durch den Kopf ging, sie sprachen es nicht aus. Erst als sie nebeneinander außer Hörweite der Benders radelten, wurden sie deutlich.
„Denkst du dasselbe wie ich?“, fragte Rosa. „Ich meine, dass er vor allem für mich fast ein rotes Tuch ist, er ist aufgeblasen und offensichtlich empathielos.“
„Er schon, seine Frau aber nicht! Was sollen wir machen?“, fragte ihre Freundin.
„Das weiß ich jetzt auch nicht. Aber ich werde ihm aus dem Weg gehen“, erwiderte Rosa.
Wie sehr Klaus lockerer Spruch nach dem Wespenangriff ihre latent vorhandene Abneigung gegen ihn weiter verstärkt hatte, war den Freundinnen in diesem Moment nicht bewusst. Die hatte sich aber richtig verfestigt.
Und die anderen? Die mochten vielleicht erstmals daran zweifeln, ob ihre Tour dieses Mal ebenso harmonisch verlaufen würde, wie sie es gewohnt waren. Aber auch ihnen war das nicht sofort bewusst.
Am Abend beim Essen schien die Missstimmung in der Gruppe vergessen. Die Gespräche liefen so locker wie bei früheren Radtouren. Es wurden Witze gemacht und gelacht, und besonders Paul und Carmen schien die Atmosphäre zu beruhigen.
***
Der folgende Morgen zeigte sich mit dem wolkenlosen Himmel so freundlich, wie sie es sich wünschten. Zwar war es jetzt um diese Zeit noch kühl, aber alle hofften darauf, dass die Sonne das schnell ändern würde.
Bevor sie losfuhren, gab es die übliche Diskussion zwischen den Männern über die Fahrstrecke. Das lag sicher auch an den Navigationssystemen, die inzwischen fast alle mit sich führten. Die Routenbeschreibung im Informationsheft des Veranstalters spielte da kaum eine Rolle. Aber das war ein Ritual, auf das vor allem die Männer nicht verzichten wollten.
Nur die Benders hielten sich bei der Diskussion raus und hatten ein ganz anderes Problem.
„Gestern Abend war das Vorderrad noch in Ordnung!“, knurrte er und drehte das Rad auf Lenker und Sattel um. „Weiß nicht, was da passiert ist. Immerhin sind Schlauch und Mantel ganz neu, ein sogenannter unplattbarer Reifen.“
Petra stand bedauernd neben ihm, weil sie nicht helfen konnte. Den Platten würde ihr Mann allein reparieren. Prüfend fuhr er mit seinem Daumen über die Innenfläche des extra verstärkten Mantels.
„Verstehe ich nicht! Da ist nichts Spitzes, kein Dorn, kein Nagel, nichts dergleichen. Der Mantel scheint völlig unversehrt“, erklärte er und legte dann einen neuen Schlauch ein. „Muss mir bei nächster Gelegenheit unbedingt noch einen Ersatzschlauch besorgen, falls das noch mal passiert.“
Читать дальше