Bei der Abfahrt vor dem Hotel am Morgen hatte Paul den Benders erklärt, dass sie auf der Fahrt gern zusammenbleiben wollten, sich keiner beim Radeln verausgaben sollte.
„Wir fahren eher gemütlich, haben für die Etappe genug Zeit und müssen uns nicht beeilen.“
Das hatte zumindest Klaus vermutlich nicht völlig verstanden. Bereits mehrfach hatte er festgestellt, dass er zu weit vor der Gruppe herfuhr und er dann warten musste. Nur Petra war meist neben ihm geblieben, was ihr gar nicht so leicht fiel. Gegen das eher gemächliche und entspannte Radeln der Gruppe hatte sie selbst nichts einzuwenden, hätte sich gern mehr an den Gesprächen der anderen Radler beteiligt.
„Du hast doch gehört, was Paul heute Morgen gesagt hat“, erinnerte ihn seine Frau. „Die fahren halt ihr übliches Tempo, und das reicht ja auch. Ich jedenfalls möchte auch nicht wesentlich schneller fahren.“
„Bisschen nervend für mich, immer wieder warten zu müssen“, entgegnete Klaus etwas gequält. „Die sind wohl gar nicht so fit, wie es Paul behauptet hat. Zumindest ein Teil von denen.“
„Wen meinst du denn?“, erkundigte sie sich. Ihr war Klaus Beobachtung gar nicht aufgefallen, hatte sie zumindest nicht beachtet.
„Das siehst du doch selber!“, entgegnete ihr Mann und schaute sich abschätzig nach der Gruppe um, die Klaus bissigen Kommentar gar nicht gehört hatte. „Ich hätte da mal eine Frage zur Fitness an Paul!“
„Untersteh dich“, warnte ihn Petra, die fürchtete, dass ihr Mann drauf und dran war, seine latente Unzufriedenheit hinauszuposaunen. „Bring die nicht gegen uns auf mit deinen Kommentaren. Die Tour geht noch über mehrere Tage.“
„Keine Sorge, mach ich schon nicht“, wiegelte er ab. Gleich darauf vermochte er doch nicht, sich mit einer spöttischen Bemerkung über deren Fitness zurückzuhalten. Die hatten inzwischen zu ihnen aufgeschlossen, da sie ihr Tempo verzögert hatten. „Kostet euch Kondition, was?“
„Am ersten Tag tun wir uns vielleicht etwas schwer“, erklärte Paul entschuldigend und klopfte dabei Klaus auf die Schulter. „Wart ab, morgen wird’s schon besser!“
Dann fiel ihm noch etwas ein, wobei er ihn sogar versuchte, näher an sich heranzuziehen.
„Wenn du meine Rede von heute Morgen richtig verstanden hättest, dann müsstest du nicht so oft warten, weil du so weit vorausfährst.“
Petra hatte diesen Hinweis erwartet und nickte zustimmend. Nur hatte der gar nicht ihr gegolten.
Der Radweg verlief parallel zu einer mäßig befahrenen Landstraße. Erst genossen sie einen abschüssigen Streckenabschnitt, dann folgte eine lang gestreckte Linkskurve, wobei die zunehmend steil anstieg. Fast alle in der Gruppe schalteten jetzt in einen niedrigeren Gang runter, sofern sie nicht auf E-Bikes unterwegs waren. Nur Klaus mühte sich weiter die Steigung hinauf, ohne zu schalten. Er erhob sich sogar vom Sattel. Oben auf der Kuppe musste er dann erst mal warten und schaute grinsend seinen Mitfahrern entgegen. Er rudert dabei mit dem Arm, um denen anzuzeigen, dass die sich ins Zeug legen sollten, was er für einen Spaß hielt. Tatsächlich aber hatten da bereits alle Frauen erschöpft aufgegeben und schoben ihre Räder.
„Der kann mich mal!“, stieß Beatrix mit unterdrücktem Ärger aus. „Wir unternehmen hier nichts anderes als eine Radwanderung und keinen Wettbewerb!“
„Die haben es wohl nicht begriffen, was Paul heute Morgen gesagt hat“, erwiderte ihre Freundin Rosa, die ebenfalls genervt war, aber weniger von der anstrengenden Schieberei. Sie sah sich durch den häufig vorausfahrenden Klaus provoziert.
„Macht mal hinne!“, rief jetzt Lars Schlichter, der in den Pedalen stehend an ihnen vorbeizog. „Wollen uns doch nicht abhängen lassen!“
Aber kurz darauf musste er auch absteigen, was er mit einem lauten Fluch quittierte. „Nur verschaltet!“, rief er zur Entschuldigung. Immerhin konnte jetzt die ganze Gruppe zum wartenden Klaus aufschließen.
Erst mal sprach keiner ein Wort, deutlich schien sie alle dieser Anstieg gefordert zu haben. Selbst der ehrgeizige Klaus hielt sich zurück, wenn auch seiner leicht spöttischen Miene zu entnehmen war, was er insgeheim über seine Mitfahrer dachte.
Er wollte gerade doch etwas sagen, da fuhr ihn Rosa harsch an. „Besser du hältst jetzt den Mund!“, schnauzte sie ihn an. „Wir fahren in der Gruppe, um die Tour zu genießen! Der Weg ist unser Ziel, hast du wohl noch nicht verstanden!“
Alle schauten etwas unsicher abwechselnd zu Rosa und dann zu Klaus, der grinsend den Kopf schüttelte und es nicht dabei bewenden lassen wollte.
„Sorry, aber gut, dass du es mir nochmals erklärt hast!“
„Lasst uns mal weiterfahren, bevor die Stimmung leidet“, grätschte Paul dazwischen, dem das Verhalten der beiden absolut nicht gefiel. „Noch zwei oder drei Kilometer, dann erreichen wir eine Ortschaft. Dort im Ort oder dahinter finden wir sicher am Ufer einen Platz, wo wir Rast machen können.“
Paul zeigte in diesem Moment wieder einmal, warum er im Freundeskreis wegen seines Gespürs für aufkommende Misstöne und seiner Besonnenheit eine Führungsrolle einnahm. In Gruppen findet sich oft jemand, der eine Missstimmung früh genug heraufziehen sieht, um darauf rechtzeitig reagieren zu können. Wenn es galt, einen ernsthaften Streit zu schlichten, dann griff Paul ein und suchte meist mit Erfolg die Situation zu retten. Zweifelsohne trug er so zum Gelingen ihrer Unternehmungen bei, weil er allen die Sicherheit vermittelte, ein Scheitern abwenden zu können. Unterstützt wurde er dabei von seiner Frau, die sich zwar selten in den Vordergrund schob, aber ein ähnliches Geschick aufwies.
Sie beide studierten wie kein anderer der Freunde lange vor Beginn der Radtour intensiv die Tourenbeschreibung des Veranstalters und informierten sich über die Region, durch die die Tour führte. So halfen sie häufig mit Tipps, wo ein Abstecher zu einer Sehenswürdigkeit lohnte oder wo sie eine Pause einlegen sollten. Kein Wunder, dass Paul von den Freunden als Seele einer Radtour empfunden wurde. Ob die Benders genauso empfanden, war nicht sicher, Petra zumindest schien das eher bewusst zu sein, wohingegen das bei Klaus nicht so klar war.
„Dann reihen wir uns halt jetzt hinten ein“, bemerkte Klaus leicht verstimmt nur für seine Frau, die dicht neben ihm stand. Es war die erste Etappe, laut Tourenbeschreibung zirka fünfzig Kilometer lang. Sie bot ihnen ausreichend Gelegenheit, sich entspannt zu unterhalten, da keiner von der Strecke übermäßig gefordert wurde.
***
Erst wenige Tage davor hatte Paul einen Grillabend in seinem Garten organisiert, um Klaus und Petra allen Teilnehmern vorzustellen. Er hoffte, dass die Benders hierdurch schneller Kontakt zur Gruppe finden würden. Das Glück hatte ihnen einen warmen und trockenen Tag im beginnenden September geboten. Neugier war auf beiden Seiten vorhanden, und der Ärger über Pauls einsame Entscheidung schien vergessen zu sein, als sich alle in der Gruppe den Benders kurz vorstellten.
Vielleicht wäre dieses Zusammentreffen noch besser verlaufen, wenn Klaus nicht eine für ihn typische und langatmige Rede gehalten hätte. Ausführlich erzählte er von seiner wichtigen Arbeit, und dann fehlte auch nicht, was er bei einer seiner Radtouren im Norden von Skandinavien meinte vollbracht zu haben. Das hörte sich für die anderen beeindruckend an, fand nur wenig Sympathie, langweilte eher, und einige hielten es schlicht für zu dick aufgetragen.
„Es gab dabei Steigungen von bis zu 15 %, und das noch über zweihundert bis dreihundert Metern Länge. Hinzu kam auch der oft heftige und böige Wind“, schwärmte Klaus. „Das hat uns alle bis zur Belastungsgrenze gefordert.“
„Wer ist wir? Warst du dabei, Petra?“, wagte Beatrix eine Frage.
„Nein, wir Männer waren unter uns. Nur meine Tennispartner!“, schoss Klaus sofort dazwischen, noch bevor seine Frau antworten konnte. „Ich glaube, Petra, das hätte dir auch kaum gefallen.“
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