„Und wieso meldet der sich jetzt nicht?“ In Beatrix steigerte sich der Ärger. „Dann versuche ich erst mal, Rosa zu erreichen. Die weiß vielleicht noch gar nichts davon.“
Sie hatte den Apparat in der Hand und schien zu zögern.
„Ich mache das von drüben aus, da kann ich mit der gleich noch etwas anderes besprechen!“
„Was denn?“, fragte er hinterher, erhielt aber keine Antwort, da sie bereits das Zimmer verlassen hatte.
Lars wurmte, dass seine Frau ihn ziemlich heftig angegangen und nun zum Telefonieren im Schlafzimmer verschwunden war. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann, von ihr respektlos behandelt zu werden. In diesem Fall meinte er, nicht einmal eine Berechtigung für ihren Unmut zu erkennen. Dass sie sich häufig zurückzog, um ungestört zu telefonieren, verstand er nicht, es verunsicherte ihn nur.
Beatrix erreichte Benno Lindner am Telefon, was sie wohl insgeheim gehofft hatte, auch wenn sie angeblich Rosa hatte sprechen wollen. Und bis sie dann zum Thema ihres Anrufs kam, vergingen einige Minuten. Bei Benno schien das keine Verwunderung hervorzurufen, eher schien der beim Plaudern mit der Freundin aufzublühen, hörte ihn doch seine Frau mehrfach auflachen. Erst als Rosa neben ihm auftauchte, wechselte er in einen mehr sachlichen Ton.
„Was kann ich denn jetzt für dich tun?“, fragte er, da ihm Rosa schon das Telefon aus seiner Hand zu entwenden suchte.
„Beatrix, ich bin’s jetzt. Worum geht es denn?“, mischte sie sich in das Gespräch ein.
Und dann berichtete ihre Freundin von Pauls Neuigkeit, die sie angeblich von ihm selbst erfahren hätte. Sie musste sich gar nicht sonderlich anstrengen, Rosa teilte sofort ihren Ärger. Sie hatte nur Mühe, ihren Mann auf Abstand zu halten, da der versuchte, dicht an ihrem Ohr mitzuhören, was Beatrix berichtete.
„Sag, geht’s bei dem noch? Der kann doch nicht über unsere Köpfe hinweg einfach jemanden dazu einladen. Das sollten wir nicht akzeptieren“, schimpfte Rosa.
Schnell waren sich die beiden Frauen einig, dass sie das nicht hinnehmen wollten, und sie fanden ausreichend Gründe, warum das absolut nicht möglich wäre.
„Wir kennen uns so lange, wir harmonieren wirklich, so- dass wir mit unseren Macken gut zurechtkommen. Das ist doch bei einem völlig neuen Paar gar nicht zu erwarten“, erklärte Beatrix. „Ich kann Paul wirklich nicht verstehen, dass dem das nicht bewusst ist.“
„Sehe ich genauso. Allenfalls wenn wir die vorher mehrmals treffen könnten und wir dann wüssten, wie die drauf sind, hätte diese Einladung eine Chance“, stimmte ihr Rosa zu.
Erst Benno konnte die beiden Freundinnen beruhigen, nachdem er durch mehrfaches Fragen herausbekommen hatte, was das Problem war. Er schlug vor, die ganze Gruppe zu einem Gespräch zusammenzurufen. „Dann erklären wir mal Paul, wie wir das sehen!“ Er bot sich an, einen Termin zu arrangieren, um diese Entscheidung zu diskutieren.
Und dieses Treffen fand wenige Tage später in einem Lokal statt, das sie häufiger schon für ihre Besprechungen und bei etlichen Feiern aufgesucht hatten. Dort gab es einen kleineren Raum, in dem die Gruppe niemand stören würde. Und dieses Mal war das sogar erforderlich, denn die Stimmung zeigte sich aufgeladen, selbst wenn sie alle sich zunächst noch zurückhielten.
Paul sah jeder sein schlechtes Gewissen an. Er äußerte auch sofort sein Bedauern. Er habe das völlig falsch eingeschätzt und nur deshalb so prompt reagiert, weil ihn der Reiseveranstalter wegen der Hotelreservierung unter Druck gesetzt hätte.
„Das Büro des Veranstalters hat mich da regelrecht gedrängt, schnell zu reagieren“, behauptete er kleinlaut, und das verstanden einige in der Gruppe sogar. Nur die Lindners und Schlichters zeigten sich unbeeindruckt.
„Das Schlimmste, was du riskiert hättest, wäre, dass dieses Ehepaar nicht mitfahren könnte“, zischte Beatrix Paul an. „Na und? Dann hättest du das denen mitgeteilt: Sorry, hab’s versucht.“
Und Benno sprang ihr zur Seite. „Dann hätte sich die Sache von selbst erledigt.“
„Ist das deine Art, mit Kollegen umzugehen?“, fragte Paul, der eine andere Meinung vertrat und die jetzt am liebste gesagt hätte. „Ich wollte doch einfach nur meinem Kollegen einen Gefallen tun. Dachte nicht, dass das ein großes Problem für euch sein würde.“
Jetzt griff Lars ein, der mehr Verständnis für den Gescholtenen empfand und dem die knallharte Kompromisslosigkeit seiner Frau und von Benno nicht gefiel.
„Was Paul gemacht hat, war nicht in Ordnung. Ist aber auch kein Grund, über ihn herzufallen. Immerhin organisiert er zu unser aller Entlastung Jahr für Jahr unsere Radtouren. Das sollten wir nicht vergessen.“
Selbst seine Frau Beatrix erwiderte nichts mehr, kaute auf ihrer Lippe und schaute kurz zu Rosa rüber, die sich scheute, Lars Worten offen zu widersprechen. Paul fasste sich endlich und hatte einen Vorschlag.
„Wir sollten uns mit denen treffen, ich meine mit den Benders“, erklärte er und ließ seinen Blick in der Runde kreisen. „Dann können wir uns ein Bild von denen machen. Und sollten wir dann feststellen, dass es nicht passt, dann müssten wir die bitten, die Tour allein zu fahren oder abzusagen.“
Das klang gut und kam an, obwohl er unerwähnt ließ, ob eine Buchung so einfach gecancelt werden könnte. Fast alle nickten zustimmend und schienen froh, dass sie Paul hatten, der sich dieser Organisationsarbeit seit Jahren angenommen hatte. Jetzt wollten sie aber mehr über die Benders erfahren.
Als sie auseinandergingen, war zumindest Paul überzeugt, dass ihm alle in der Runde seinen Alleingang verziehen und die Mitfahrt seines Kollegen und dessen Frau grundsätzlich akzeptiert hatten. Er war sicher, dass keiner deshalb die gemeinsame Tour platzen lassen wollte. Das sah er zu optimistisch, denn einige seiner Freunde hatte er nicht überzeugt. Auf ihrer Heimfahrt diskutierten die beiden Ehepaare Schlichter und Lindner weiter. Beatrix konnte sich nicht bremsen, ihrer anhaltenden Skepsis und Verärgerung freien Lauf zu lassen.
„Paul hat uns ganz schön eingewickelt, finde ich. Jetzt sollen wir also zusammen mit diesen Benders fahren, obwohl wir die überhaupt nicht kennen. Oder wisst ihr mehr, als dass sie in unserer Stadt wohnen und er ein Kollege von Paul ist?“
„Na ja, etwas mehr wissen wir jetzt schon“, widersprach Lars. „Es scheinen auch interessante Leute zu sein, immerhin hat sich Paul doch sehr positiv über die geäußert. Und Erfahrungen mit Radtouren sollen die auch haben. Ich sehe das entspannter als du.“
„Ja und?“, fragte Benno ironisch. „Was Paul sagt, will ich gern glauben. Nur ist das nicht der Punkt. Das Wichtige ist doch, ob sie zu uns passen. Also ich weiß jedenfalls nicht sehr viel über die, um jetzt sagen zu können: passt schon. Aber die Entscheidung ist gefallen, und wir sollten uns damit anfreunden, meine ich.“
„Manchmal bringst du es einfach auf den Punkt!“, rief Beatrix, die jetzt von ihrem Rücksitz aus die Schultern von Benno umschlang, ungeachtet dessen, dass der sich auf das Lenken konzentrieren musste.
„Kannst du den mal einfach fahren lassen, bevor noch etwas passiert?“, mischte sich Rosa befremdet ein, der diese Geste weniger gefiel.
„Wieso denn? Dein Mann ist doch so knuddelig!“ Jetzt mussten alle lachen, und weder Rosa noch Lars bemerkten, wie sehr in diesem Moment Beatrix Benno knuddelte und der gleichzeitig ihre Hand fasste und die fest drückte.
„Gell, wir jedenfalls gehören zusammen!“, sagte Benno in die Runde und schaute in den Rückspiegel.
***
Benders fuhren voraus, eine beträchtliche Lücke hatte sich zum Feld der restlichen Radgruppe aufgetan, die offensichtlich keine Anstrengungen unternahm, die zu verkleinern. Dabei war es nicht der Tag, an dem man unbedingt gemütlich durch die Landschaft zockelte, weil keine wärmende Sonne und ein wolkenloser Himmel die Stimmung stimulierte. Es regnete zwar nicht, aber sonst gab sich dieser Septembertag grau und kühl.
Читать дальше