Als die beiden Polizisten von ihrem Zielort hörten, schauten die sich kopfschüttelnd an.
„Da müssten Sie aber auf dieser Straße einen riesigen Umweg fahren, sicher mehr als zehn Kilometer zusätzlich!“, erklärte ihnen der Polizist.
Jetzt schwand in der Gruppe jeder Anflug von Heiterkeit, und keiner fand sofort Worte, um seinem Ärger Luft zu machen.
„Sie meinen wirklich zehn Kilometer mehr?“, fragte Lars ungläubig, der daran dachte, dass man ihm besser gefolgt wäre. „Wie kann das sein, dass die Absperrung genau vor diesem Weg aufgebaut ist?“
„Tja, vermute, dass das irgendein Witzbold gemacht hat, aber sicher keiner von hier. Wir gehen der Sache nach.“
Paul hatte sich bereits damit abgefunden, dass sie die ganze Strecke zurückfahren müssten. Nur um auch seine zweifelnden Freunde davon zu überzeugen, erkundigte er sich bei den Polizisten nach einer anderen Route.
„Es gibt überhaupt nur eine sinnvolle Alternative, und dafür müssen Sie leider umkehren, bis zu diesem Feldweg. Hier jedenfalls kommen Sie nicht weiter.“
„Und wenn wir diesem Graben über das Feld ein Stück folgen?“, fragte Benno nach.
„Wie lange wollen Sie denn da suchen? Leider nein, Sie müssten schon sehr lange ihre Fahrräder über das Feld schieben, bis es einen Steg auf die andere Seite gibt. Vergessen Sie es, das ist keine Alternative.“
Als sie jetzt zurückfuhren, redeten sie wenig miteinander. Unmut und Wut beschäftigte fast alle. Einige zerrissen in Gedanken diesen vermutlichen Witzbold, der sie in die Irre geleitet hatte, und grübelten darüber, wem solch eine blöde Idee eingefallen war. Andere, wie Benno, schienen dabei schon einen konkreten Verdacht zu haben. „Denkst du das Gleiche wie ich?“, fragte er Rosa.
„Sehr wahrscheinlich. Und wir kennen das Arschloch!“ Beatrix, die voran fuhr, hörte das und drehte sich kurz um. „An wen denkt ihr?“, fragte sie.
„Wenn du uns fragst, ist nur einer für diesen miesen Witz verantwortlich“, antwortete Benno.
„Wenn der das war …“, erwiderte Lars, dem ebenfalls dieser Verdacht gekommen war. Komisch erschien ihm, dass Klaus im letzten Ort nicht auf sie gewartet hatte.
„Wenn er es war, dann muss er schon eine ziemliche Wut auf uns haben“, bemerkte er.
„Was heißt Wut?“, zischte Rosa, deutlich unwillig über Lars Worte. „Das ist ein aufgeblasenes und eingebildetes Arschloch!“
„Genau das hat er wohl bei all der Ablehnung ihm und Petra gegenüber empfunden. Was Wunder, wenn er es dann auch zeigt“, gab Lars ungerührt zurück.
Weder den Lindners noch den Schlichters war bewusst, dass ihr lautes Zurufen jemand anderes mithörte, den dieses Reden erschreckte.
***
Keiner hatte auf Petra geachtet. Sie war zunehmend besorgt, aber auch verunsichert den anderen gefolgt, hatte stets nur geschwiegen, wohl darum bemüht, nicht aufzufallen.
Seit sie am Fahrradgeschäft erfahren hatte, dass Klaus dort nicht eingetreten war, fühlte sie sich in der Gruppe noch unwohler als vorher ohnehin schon. Und natürlich hatte sie sich gefragt, wieso ihr Mann einfach weitergefahren war, ohne auf sie zu warten. Und später an der Einsturzstelle der Überquerung konnte sie sich nicht erklären, wie es ihr Mann weitergeschafft haben konnte.
Mit ihrem Handy hatte sie nur dessen Mailbox besprechen können.
„Klaus, wo bist du jetzt? Irgendetwas stimmt mit der Strecke nicht. Unsere Freunde haben den Verdacht, dass jemand die Absperrung manipuliert hat. Warst du das? Melde dich bitte!“
Leider hatte sich Klaus nicht zurückgemeldet, was Petra kaum verstand. Normalerweise kontrollierte er sein Handy häufig. Warum nicht jetzt?, fragte sie sich.
Die Diskussionen über die weitere Fahrstrecke hatte sie wortlos verfolgt. Als dann sogar bei einigen ihrer Begleiter der Verdacht aufkam, dass Klaus die Strecke an der Abzweigung zum Feldweg manipuliert haben könnte, bekam sie das voll mit und versuchte sich fast unsichtbar zu machen. Sollte sie erklären, dass sie ebenfalls ihren Mann verdächtigte?
Sie ließ sich immer mehr zurückfallen, was aber keinem auffiel. Der Abstand zu den anderen wuchs so stetig, und jetzt in der Dunkelheit und dem anhaltenden Regen wäre es sogar schwer für ihre Mitradler gewesen, das zu bemerken.
Warum fiel sie überhaupt immer weiter zurück, setzte sogar gelegentlich das Treten in die Pedalen aus? Bereits vor Erreichen der Straßensperre hatte sie sich körperlich unwohl gefühlt, versuchte, sich das zunächst mit Müdigkeit und mit der negativen Stimmung gegen Klaus und sie zu erklären. Merkwürdig empfand sie jetzt auf der Rückfahrt die kurzen Aussetzer beim Sehen, die sie kaum den unzureichenden Sichtbedingungen zuschreiben konnte. Ohne diese fühlbare Ablehnung in der Gruppe hätte sie sich wohl den anderen anvertraut, so aber wagte sie das gar nicht erst.
Als dann endlich alle die Abzweigung zum Feldweg erreichten und ohne Halt dort einbogen, sah sie sich weit hinten und auf der Straße völlig allein. Der Abstand zu den Freunden war derart angewachsen, dass sie schon sehr laut hätte schreien müssen, um von den anderen gehört zu werden. Aber dazu schien sie gar nicht in der Lage zu sein.
Dass sie stattdessen immer weniger, fast stockend in die Pedalen trat, hatte seinen Grund nicht unbedingt in ihrer körperlichen Schwäche. Plötzlich wurde ihr regelrecht übel, sie empfand ein Kribbeln, erst im rechten Arm und dann in der Hand. Sie ließ einseitig kurz den Lenker los, um diesen Arm frei in der Luft hin und her zu schütteln, was das Taubheitsgefühl kaum änderte. Sie geriet dabei aber in einen Schlingerkurs und dadurch fatal dicht an das regennasse Gras am Rand. Den Straßenrand erkannte sie wegen der unzureichenden Beleuchtung an ihrem Rad ohnehin nur undeutlich, sah den daneben verlaufenden und Wasser führenden Graben ebenso wenig. Als hätte sie das Bewusstsein verloren, glitt sie seitlich vom Rad, rutschte die kurze Böschung hinunter, gefolgt von ihrem ebenfalls abgleitenden Fahrrad. Sie vermochte vielleicht nicht einmal das kalte Wasser unten im Graben zu spüren. Keinen Laut oder Hilferuf stieß sie aus, nichts dergleichen. Das hätte niemand aus ihrer Gruppe gehört, denn zu weit waren die ihr inzwischen davongefahren. Ihre linke Hand hatte einen Moment nur wirkungslos nach den Grasbüscheln der Böschung zu greifen versucht, ohne jedoch den Fall abbremsen zu können. Jetzt hinderte sie auch ihr Rad, sich frei bewegen zu können, und es fehlte ihr möglicherweise die Kraft dazu, sich von dem energisch zu befreien. Ob sie überhaupt den Sturz und ihre missliche Lage bewusst erlebt hatte, war nicht sicher, als sie mehrfach versuchte, zumindest ihren Oberkörper aus dem Wassergraben zu stemmen.
***
Der Regen hatte sich in ein feines Nieseln verwandelt, was trotzdem lästig war. Durchnässt waren sie inzwischen alle. Die Müdigkeit in den Beinen würden selbst die Fitteren unter ihnen nicht mehr leugnen wollen. Die Lichter des nahenden Zielorts hatten die Stimmung der Radler wahrnehmbar aufgehellt, was die wieder munter werdenden Gespräche zeigten. Es wurden selbst Witze gerissen und laut gelacht. Dabei fühlten sich einige von ihnen tatsächlich sichtlich erschöpft, diese Etappe hatte die übliche Länge und Dauer überschritten. Einer von den Freunden verkündete, dass es gegenüber der geplanten Strecke fast zwanzig Kilometer mehr gewesen seien. Und statt wie sonst normal, am späten Nachmittag, am Zielort einzutreffen, erreichten sie heute ihr Hotel erst in der Dunkelheit.
Und wie sahen sie jetzt aus? Durchnässt durch den Regen waren sie alle, und das Durchfahren der vielen Pfützen auf dem Feldweg, die sie nicht hatten richtig erkennen können, hatte ihren Kleidern und Schuhen zugesetzt.
Niemand in der Gruppe vermisste kurz vor dem Ziel Petra. Als sei sie nie mitgefahren, schien sie schlicht vergessen zu sein.
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