„Hoffentlich müssen wir dann nicht bis zu unserem Rastplatz zurückradeln“, brummte Lars schon unterwegs. „Ganz so frisch bin ich nämlich auch nicht mehr, und bis dahin werden es doch zirka fünfzehn Kilometer sein, oder?“
„Vielleicht haben wir ja Glück, und die kommen uns bald entgegengeradelt“, gab Paul zurück.
Etwas Hoffnung hatten sie, dass die Frauen im Taxi schon bald auf die Vermissten treffen könnten. Mehrmals überlegte er, was passiert sein könnte. Er hielt Klaus und Petra für erfahren genug, eine Fahrradpanne schnell und ohne fremde Hilfe zu meistern. Das würde die kaum länger aufgehalten haben. Dahingegen schloss Paul den Gedanken nicht mehr aus, dass einer der Benders schwer gestürzt sein könnte. Das würde ihm deren Verspätung erklären.
Auch wenn sie sich bemühten, zwangen sie die Dunkelheit und die unzureichende Fahrradbeleuchtung, langsamer zu fahren. Der Weg forderte ihre volle Aufmerksamkeit. Es gab immer wieder mit Wasser gefüllte Mulden, größeres Gestein oder Wurzeln, die im Boden steckten. So brauchten sie viel länger als auf der Hinfahrt zum Hotel. Glücklicherweise lugte dann doch der Mond hinter den Wolken hervor.
Es war sicher Müdigkeit und etwas Ärger bei Benno und Lars, dass sich Zweifel am Sinn der Suche bei ihnen verstärkten. Ihre häufiger werdenden Fragen, ob sie nicht besser umkehren sollten, zeigten das Paul deutlich.
Als sie an einer steil abfallenden und tiefen Böschung neben dem Fluss entlangfuhren, reichte es Benno.
„Ich weiß nicht, ob unser Vorgehen Sinn macht. Wenn die hier diese Böschung entlanggefahren sind, könnte es gut sein, dass sie in den Fluss abgerutscht sind. Was dann? Das können wir so gar nicht checken!“
„Ja und? Hast du eine bessere Idee?“, knurrte Paul missmutig, dem Bennos Szenario doch zu weit hergeholt erschien. Vor allem wollte er jetzt keine Diskussion, die, wie er meinte, nicht weiterführte. „Was ist? Habt ihr einen anderen Vorschlag?“
Sie fuhren einfach weiter, weil keinem eine Alternative eingefallen war. Ein paar Meter später hielt Paul unvermittelt an. „Ich telefoniere jetzt mit der Hotelrezeption und dann noch mit meiner Frau.“
„Scheiße!“, rief er gleich darauf und stieß ein irres Lachen aus. „Das kann ja nicht wahr sein!“
Erst als die anderen in ihn drangen, äußerte er sich endlich. „Das glaubt ihr jetzt nicht! Die sind längst da. Allerdings haben die zunächst die Stadt angesteuert, um sich die anzusehen und dort in einem Restaurant essen zu gehen. Angeblich hätten sie beim Empfang Bescheid gesagt.“
Pauls Begleiter stöhnten laut auf. Das Verhalten der Benders empfanden sie nicht nur als unverständlich, sondern auch als einen Affront. Sie hielten sich aber erstaunlicherweise mit herber Kritik zurück. Fast wirkten sie ratlos.
„Ob Klaus irgendeinen Gedanken darauf verschwendet hat, wie so ein Verhalten bei uns ankommt?“, fragte Benno nur kopfschüttelnd.
„Was weiß ich denn? Scheiße, jetzt müssen wir den ganzen Weg zurückfahren!“, entfuhr es Paul wütend.
Benno und Lars schwiegen. Die Verärgerung ihres Freundes verstanden sie zu gut, das ging ihnen ähnlich. Im Gegenteil. Sie hätten den Benders jetzt gern ihre Meinung gesagt, selbst wenn sie nicht unbedingt erwarteten, dass sich deren Verhalten daraufhin ändern könnte.
Die Rückfahrt verlief erstaunlich schnell, da sie jetzt mit der Strecke besser zurechtkamen. Und etwas besserte sich ihre Stimmung, sie machten sogar Witze über die sinnlose Suche.
Im Hotel angekommen, herrschte unter den wartenden Freunden eine erstaunlich gelöste Atmosphäre. Wenn sie erwartet hatten, dass ihre Gruppe missgelaunt oder streitend den beiden Benders gegenübersaßen, dann hatten sie sich geirrt. Klaus und Petra hatten sich bei denen entschuldigt und knapp erklärt, wie es zu dieser Info-Panne hatte kommen können. Jetzt wiederholte Klaus das nochmals für Paul und die beiden anderen. Was die Freunde wirklich dachten, blieb ihr Geheimnis, sie ließen sich zumindest ihren Ärger nicht anmerken. Nur wer die Lindners und Schlichters beobachtete, bemerkte, wie die mehrfach miteinander tuschelten. Die drückten wohl deshalb nicht ihre Verärgerung aus, weil sie sich davon nichts versprachen.
Es irritierte Paul, dass weder Klaus noch Petra etwas über ihre ermüdende Nachttour sagten, sie sich lediglich allgemein für alle ihre Bemühungen bedankten. Dank zu erhalten, darum ging es Paul gar nicht. Diese scheinbare Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung, die sich breitzumachen suchte, störte ihn derart, dass er unbedingt eine für ihn wesentliche Kritik hinterherschieben wollte.
„Was mich erstaunt und sogar wütend macht, ist eure scheinbare Schwierigkeit, euch in unsere Gruppe einzufügen. Es reicht nicht, dass ihr gern mitfahrt, sondern ihr solltet das auch durch euer Verhalten zeigen.“
Klaus und Petra schauten sich an. Es sah so aus, als hätten sie diese Worte getroffen, allerdings anders, als von Paul beabsichtigt. Jedenfalls antworteten sie ihm nicht, und der wartete auch nur kurz, bis er sich von ihnen abwandte.
Schließlich verabschiedeten sich die einzelnen Paare fast wie auf ein Kommando hin auf ihre Zimmer. Nur ein sichtbar müder Paul verharrte noch am Tisch und hielt Klaus und Petra zurück.
„Ich möchte kurz mit euch reden“, sagte er lapidar. Allein mit denen, erklärte er in recht deutlichen Worten, was ihn an ihrem Verhalten störte.
„Das Ganze wäre nicht passiert, wenn ihr uns nicht wieder davongefahren wäret. Und zumindest hättet ihr nochmals bei der Rezeption oder bei uns zurückrufen sollen, um sicherzugehen, dass eure Nachricht auch angekommen ist. Warum seid ihr nicht der geplanten Strecke gefolgt? Benno hatte sie dir erklärt.“
„Wieso das jetzt? Die Strecke wurde angeblich von euch abgeändert, so jedenfalls glaube ich Benno verstanden zu haben“, entgegnete Klaus irritiert.
„Immerhin erinnerst du dich, mit Benno gesprochen zu haben! Keiner hat die Strecke geändert!“, behauptete Paul wahrheitsgemäß, was Klaus erst recht verblüffte. Kurz tauschte er mit Petra einen Blick, dann suchte er sich nochmals zu erklären. „Es war Benno, der mir von einer Änderung erzählte.“
„Das ist seltsam. Von einer Streckenänderung war nie die Rede gewesen“, gab sich Paul überzeugt, dass Klaus etwas falsch verstanden haben musste. „Vielleicht klärst du das morgen früh noch mal vor der Abfahrt.“
„Na gut, ich spreche Benno darauf an. Als wir uns entschlossen haben, direkt in die Stadt weiterzufahren, haben wir die Hotelrezeption verständigt, mit der Bitte, euch sofort zu benachrichtigen. Nach der Stadtbesichtigung sind wir am Marktplatz auch noch eingekehrt. Das hat gedauert, weshalb wir leider erst verspätet ins Hotel zurückgekehrt sind.“
„Und mal zu überlegen, ob ihr uns nicht direkt informieren könntet, darauf seid ihr nicht gekommen. Ganz abgesehen davon, dass es dafür Handys gibt!“
„Paul, jetzt komm doch mal runter!“, suchte Klaus seinen Kollegen zu beruhigen, wobei er eine leicht spöttische Miene zeigte. „Es ist doch überhaupt nichts passiert. Wir sind doch keine kleinen Kinder, auf die man aufpassen muss, oder?“
Darauf konnte Paul nichts erwidern. Der Verdacht von Klaus, einfach nicht verstanden worden zu sein, wirkte ernüchternd. Er drehte sich abrupt um und lief stracks zur Treppe, er wollte nur noch in sein Zimmer.
„Wir hätten die tatsächlich nicht mitnehmen sollen!“, sagte er leise zu sich, als er schon oben war. Einer weiteren Radtour mit den Benders würde er in diesem Moment nicht noch einmal zustimmen, war er sich sicher.
Wie diese Auseinandersetzung bei Klaus gewirkt hatte, erfuhr Petra in ihrem Zimmer. Dort brach seine ganze Wut und Enttäuschung aus ihm heraus, auch weil sein Kollege ihm unterstellte, Benno nicht korrekt verstanden zu haben. Plötzlich redete er nur noch von falschen Freunden, über die er sich auf das Heftigste beklagte.
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