Überreste des Homo floresiensis wurden 2003 auf der indonesischen Insel Flores gefunden. Manche Forscher sehen darin eine Zwergenart; andere schreiben ihre geringe Größe einer Krankheit zu
Homo sapiens war der erste Hominin in Australien. In Teilen Eurasiens indes begegnete er seiner Konkurrenz. Als der moderne Mensch in Europa eintraf, lebten hier bereits seit 250 000 Jahren Neandertaler; sie hatten sich aus Vertretern eines Vorfahren des Menschen, des Homo heidelbergensis , entwickelt und den europäischen Lebensräumen gut angepasst. Weiter im Osten, in der Denisova-Höhle im russischen Altaigebirge, weisen Funde auf eine weitere Spezies hin: den Denisova-Menschen (der über die DNA-Analyse eines Fingerknochens identifiziert wurde). Und auf der indonesischen Insel Flores weisen Fossilien eine kleinwüchsige Spezies auf, den Homo floresiensis , der sich auf die Zeit vor rund 18 000 Jahren datieren lässt (obwohl einige Forscher meinen, die geringe Körpergröße dieses ebenfalls modernen Menschen sei einer Krankheit geschuldet).
Von diesen Spezies überlebte nur der Homo sapiens und fuhr fort, auch die Neue Welt zu bevölkern. Im Zuge der Eiszeit zog sich das Meer aus der Beringstraße zwischen Russland und Alaska zurück und ließ Menschen über die Landbrücke den amerikanischen Kontinent betreten. Eine exakte Datierung scheint indes kaum möglich: Steinwerkzeuge aus der rund 13 000 Jahre alten »Cloviskultur« hielt man lange Zeit für die der ersten Menschen in der Neuen Welt. Heute kennt man noch ältere Fundstätten, doch viele frühere Datierungen, v. a. in Südamerika, sind sehr umstritten.
»Der ›Blitzkrieg‹ des Menschen über Amerika beweist das einzigartige Genie und die unübertroffene Anpassungsfähigkeit des Homo sapiens. «
Yuval Noah Hariri Eine kurze Geschichte der Menschheit (2013)
Vorerst bleibt das Schicksal des Denisova-Menschen und des Homo floresiensis unbekannt; jüngste Forschungen weisen darauf hin, dass der Neandertaler vor rund 40 000 Jahren ausstarb. Viele Forscher glauben, die zahlreichen Ressourcen des Homo sapiens seien verantwortlich für seinen Erfolg in den Heimatgebieten anderer Spezies, v. a. angesichts der Klimaveränderungen in der Zeit der letzten Eiszeit. Man nimmt an, dass Menschen sich auf größere soziale Netzwerke stützen konnten als andere Spezies. Das half in mageren Zeiten sowie bei der Besiedlung unbekannter Lebensräume, in die sie u. a. durch das Folgen der Tierherden kamen. 
Homo sapiens: Der einzige Überlebende der Hominini
Es gibt keine Hinweise auf Gewalt zwischen Menschen und anderen Spezies. Tatsächlich zeigt die DNA des modernen Menschen Genspuren des Neandertalers und des Denisova-Menschen und legt nahe, dass sich Einzelne, wenn auch selten, mit Vertretern anderer Spezies paarten.
Neandertaler waren geschickte Steinwerkzeugmacher und Jäger; Vertreter des Homo sapiens werden sich aber schneller angepasst haben und deshalb mit den klimatischen Veränderungen während der Eiszeit besser zurechtgekommen sein. Sie entwarfen neue Steinwerkzeuge und Techniken zur Nutzung von Knochen und Horn. Auch etablierten sie Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung, bündelten ihre Ressourcen und vergrößerten so ihre Überlebenschancen. Ihre kulturelle Anpassungsfähigkeit wird es den modernen Menschen erlaubt haben, ihre Verwandten im Zugriff auf immer weniger vorhersehbare Nahrungsmittel zunehmend auszustechen.
ALLES WAR SO WUNDERSCHÖN, SO FRISCH
HÖHLENMALEREIEN IN ALTAMIRA (VOR 40 000 JAHREN)
IM KONTEXT
FOKUS
Paläolithische Kulturen
FRÜHER
vor 45 000 JahrenDer moderne Mensch taucht in Europa auf
vor 40 000 JahrenDie frühesten derzeit bekannten Kunstwerke in Europa entstehen – z. B. die Skulptur des Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel (Baden-Württemberg)
SPÄTER
vor 26 000 JahrenIn Dolní Věstonice (Tschechien) entsteht das Dreifachgrab von drei jungen Menschen
vor 23 500 JahrenDer ligurische »Prinz« der Arene Candide (Italien) wird, reich mit Dentalium-Muscheln geschmückt, beerdigt
vor 18 000 JahrenDie letzte Eiszeit erreicht ihren Höhepunkt (Letzteiszeitliches Maximum)
Der Höhlenkomplex von Altamira in der Nähe der nordspanischen Küstenstadt Santander besteht aus einer Reihe Kammern und Gänge von rund 300 m und zeigt einige der beeindruckendsten Beispiele steinzeitlicher Kunst, die bisher gefunden wurden. Als die Höhle 1880 entdeckt wurde, hielt man die Malereien zunächst für Fälschungen – erst knapp 20 Jahre später wurden sie als Werke der Jäger- und Sammlerkultur anerkannt. Einige der frühesten prähistorischen Schaffensperioden datieren aus der Zeit vor rund 35 000 Jahren, auch wenn die meisten der berühmten Höhlengemälde wohl erst viel später, vor rund 22 000 Jahren, geschaffen wurden – z. B. die Bilder der berühmten Bisonkammer: Die niedrige Decke ist übersät mit Tierbildern, darunter farbenprächtige, lebendige Bisondarstellungen, die sich so perfekt in die natürlichen sanften Wölbungen der Felswände einfügen, dass beinahe ein dreidimensionaler Eindruck entsteht.
Weitere atemberaubende Höhlenmalereien finden sich in Südwestfrankreich sowie in Nordspanien – darunter nicht nur äußerst detailreiche Tierbilder, sondern auch in den Fels eingravierte Zeichen und Symbole sowie Handabdrücke. Über die Bedeutung und Funktion dieser Kunst rätseln Archäologen noch. Manche meinen, die Steinzeitmenschen hätten, nicht anders als ihre Nachfahren heute, die ästhetische Qualität der Kunst einfach geschätzt. Andere glauben, in den detailreichen Bildern, die etwa das Geschlecht eines Tieres zeigen oder die Jahreszeit, in der es beobachtet wurde, ließen wichtige Informationen zum Überleben erkennen, z. B. wann und wo die Tiere gejagt werden konnten.
Aber auch Glaubens- und Weltanschauungen der Menschen im Paläolithikum können die Höhlenkunstwerke zum Ausdruck gebracht haben. Bis heute folgen Gemeinschaften, die vorwiegend vom Jagen und Sammeln leben, animistischen Glaubensvorstellungen, d. h., sie schreiben Tieren, Pflanzen und Teilen der Landschaft Geister zu, mit denen der Mensch im alltäglichen Leben interagiert. Viele Religionsexperten dieser Gesellschaften – Schamanen – glauben, mit diesen Geistern kommunizieren zu können, um Kranken oder Verletzten zu helfen. Im Lauf der Geschichte haben Schamanen häufig während einer Trance (einem veränderten Bewusstseinszustand) solche Felsmalereien als Mittel der Kommunikation mit diesen Geistern eingesetzt. Einige Forscher glauben daher, dass die Gesellschaften der Altsteinzeit ähnlichen Glaubensvorstellungen anhingen. Schamanen sagte man vielfach auch nach, sie könnten sich selbst in Tiere verwandeln, um diese dazu zu bringen, sich den Jägern zu ergeben; das könnte eine Reihe von Bildern erklären, die menschliche und tierische Merkmale kombiniert zeigen, z. B. den Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel in Baden-Württemberg oder den Zauberer in der Grotte des Trois-Frères in Frankreich: eine menschliche Figur mit Geweih.
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