Im 19. Jh. wurde Geschichte immer bedeutsamer und bald als Schicksal betrachtet. Die europäische Zivilisation sah sich selbst als Ziel aller geschichtlichen Entwicklungen und schuf entsprechende Narrative. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) beschrieb die Geschichte als logische Entwicklung, die schließlich im preußischen Staat kulminierte. Karl Marx (1818–1883) übernahm Hegels Konzept in seine Theorie vom Historischen Materialismus, nach der der ökonomische Fortschritt den Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Klassen erzeuge und am Ende unweigerlich dazu führen würde, dass das Proletariat die Macht übernehmen und das kapitalistische System an seinen inneren Widersprüchen zerbrechen werde.
»Geschichte ist nicht viel mehr als eine Aufzählung der Verbrechen, Narrheiten und Unglücksfälle der Menschheit. «
Edward Gibbon Verfall und Untergang des Römischen Reiches (1776)
Wie andere Wissensgebiete wurde auch die Geschichtswissenschaft im 19. Jh. professioneller und schließlich zur akademischen Disziplin, deren erklärtes Ziel die Sammlung von »Fakten« wurde. Die Kluft zwischen einer »ernsten« Geschichtswissenschaft und literarischen Werken populärer Historiker wie die eines Jules Michelet (1798–1874) und eines Thomas Macaulay (1800–1859) wurde immer größer.
Aufstieg der Sozialgeschichte
Im 20. Jh. wurde die Thematik der Geschichtswissenschaft, die bis dato vor allem Könige und Königinnen, Premierminister, Präsidenten und Generäle betrachtete, erweitert. Auch die breite Bevölkerung und ihre Lebensumstände wurden nun zunehmend erforscht. Einige Historiker ließen (zunächst in Frankreich) die »Ereignisgeschichte« vollkommen außer Acht und wandten sich stattdessen der Erforschung gesellschaftlicher Strukturen und Alltagsmodelle, der Glaubens- und Denkmuster der gewöhnlichen Menschen in den verschiedenen Epochen zu.
Bis Mitte des 20. Jh. wurde Weltgeschichte, grob gesagt, als Triumphgeschichte der westlichen Zivilisation geschrieben. Dieser Blickwinkel bestimmte die marxistische Geschichtsschreibung ebenso wie die, die den Fortschritt der Technologie, der Unternehmen und der liberalen Demokratie priesen. Er war nicht immer optimistisch, und es gab zahlreiche Untergangspropheten. Doch er ging stets davon aus, dass Geschichte von Europäern (und ihren Nachkommen) geschrieben wurde. So wurde es unwidersprochen akzeptiert, wenn europäische Historiker davon sprachen, Schwarzafrika habe keinerlei bedeutende Geschichte hervorgebracht und nichts zum Fortschritt der Menschheit beigetragen.
Der postkoloniale Revisionismus
Im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jh. fiel der Begriff einer einzigen, zielgerichteten historischen »großen Erzählung« in sich zusammen – und mit ihm der Eurozentrismus. Die postkoloniale, postmoderne Welt forderte eine Vielzahl von Geschichten, die aus dem Blickwinkel verschiedener gesellschaftlicher Identitäten erzählt wurden. Viele wandten sich der Erforschung der schwarzen Geschichte, der Frauengeschichte, der Homosexuellengeschichte zu – genauso wie den Geschichten, die aus asiatischer, afrikanischer oder der Perspektive der amerikanischen Ureinwohner erzählt wurden. Marginalisierte und Unterdrückte einer Gesellschaft wurden nicht länger als passive Opfer, sondern als »Akteure« der Geschichte angesehen. In einem Aufruhr des Revisionismus wurden zahlreiche Ansichten über Geschichte, wie Gebildete im Westen sie kannten, auf den Kopf gestellt. Viele Ereignisse erfuhren nun eine andere Bewertung. Die Reaktion auf den 500. Jahrestag von Christoph Kolumbus’ erster Reise nach Amerika im Jahre 1992 verdeutlicht beispielhaft die entstandene Verwirrung: Hätte man einst überall in den Vereinigten Staaten stolze Gedenkfeiern erwartet, wurde dem Ereignis tatsächlich, wenn überhaupt, eher mit Scham gedacht. Die Menschen sind sich nicht mehr einig, was sie über ihre traditionelle Geschichte, ihre epochalen Ereignisse denken sollen.
Eine Perspektive des 21. Jahrhunderts
Auf die »große Erzählung« vom menschlichen Fortschritt wird hier verzichtet. Das Buch will einen Überblick über die Weltgeschichte anhand spezifischer Augenblicke und Ereignisse geben, die ein »Fenster« in ausgewählte Bereiche der Vergangenheit öffnen. Es reflektiert die langfristige Bedeutung zentraler und aktueller Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Klima und Umwelt in ihrem ideologischen und narrativen Kontext und erzählt von allgemein historisch interessanten Ereignissen – wie die Magna Charta, die Pest und der amerikanische Bürgerkrieg.
Dieses Buch zeigt: Geschichte ist ein Prozess und nicht etwa eine Reihe zusammenhangloser Ereignisse. Sie ist nicht determiniert, sondern bleibt auch im 21. Jh. eine grundlegende Disziplin für alle, die – wie der englische Dichter Alexander Pope (1688–1744) – glauben: »Das richtige Forschungsthema der Menschheit ist der Mensch«. 
»Wir sind nicht die Erzeuger von Geschichte, wir sind ihr Produkt. «
Martin Luther King jr. Strength to Love (1963)
DIE URSPRÜNGE DER MENSCHHEIT
VOR 200 000 JAHREN – 3500 V. CHR.
VOR CA. 200 000 JAHREN
In Ostafrikatauchen die ersten Menschen (Homo sapiens) auf. In Europaund Westasienleben Neandertaler (Homo neanderthalensis)
VOR CA. 40 000 JAHREN
Menschen des Paläolithikums schaffen Kunst(Tierskulpturen und Höhlenmalerei) und Artefakte(Schmuck, Werkzeuge und Waffen)
VOR CA. 21 000 JAHREN
Auf der Erde kommt es zu einer Eiszeit. In den nördlichen Regionen sterben Menschen und Tiere aus oder wandern nach Süden
UM 9000 V. CHR.
Im heutigen Westjordanland wird Jerichogegründet – eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städteder Welt
VOR CA. 45 000 JAHREN
Menschenhaben sich über den gesamten Globus verbreitet und bevölkern große Teile Eurasiens und Australiens, das sie mit ihren Booten von Südostasien aus erreichten
VOR CA. 35 000 JAHREN
Erste menschliche, meist weibliche Figurinenwerden aus Knochen, Elfenbein, Terrakotta oder Stein hergestellt
VOR CA. 15 000 JAHREN
Nordamerikawird erstmals von Menschen besiedelt, die entweder über die große Landbrückezwischen Asien und Nordamerika (heute die Beringstraße) oder übers Meerkamen
UM 7500 V. CHR.
Gründung der Siedlung Çatalhöyük(heute Zentraltürkei); Belege komplexer Ritualeweisen auf einen sozialen Zusammenhalthin
UM 5000 V. CHR.
In Serbien wird Kupfergewonnen und verarbeitet, im Nahen Osten das Raderfunden – wahrscheinlich eher zum Töpfern als für den Transport
UM 3300 V. CHR.
Im Nahen Ostenbeginnt die Bronzezeit– und auf dem indischen Subkontinent entwickelt sich die Indus-Kultur
UM 3000 V. CHR.
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