1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 Ich konnte es förmlich riechen.
„Hey, stopp. Denkt nicht mal dran! Trudi zuerst.“ Die schüttelte langsam den Kopf, zog eine Augenbraue in die Höhe und schnalzte mit der Zunge. „Nichts da. Du bist die ältere von uns beiden.“ Die zwei Monate! Vehement wehrte ich ihre Vorschläge ab, dass sie mir einen Mann besorgen wollten. Ganz besonders, weil sie dies über Binghams Agentur, deren Geschäftsstellen im ganzen Land verteilt waren, durchzuziehen gedachten. „Untersteht euch! Ich bin weder scharf auf eine feste Beziehung noch auf eine Heirat.“ Vielleicht, sobald ich einigermaßen über Alan hinweg wäre. Sogar dann wäre es noch zu früh eine Ehe zu planen. Wenigstens hatte ich sie nach einer halben Stunde so weit, dass sie ihr Vorhaben ad acta legten.
Hoffte ich.
Aber so wie ich Claudia kannte… nein, ich sollte nicht darüber nachdenken. Davon bekäme ich nur graue Haare. Gerade, als ich mich wieder ein bisschen entspannte, entdeckte ich einige von Alans Leuten.
Schlagartig war meine gute Laune verflogen. An ihre Stelle trat eine düstere Zukunftsangst. Würden die es wagen, mich hier im Club anzugreifen?
Nach einer halben Stunde erkannte ich allerdings, dass sie sich nicht die Bohne für mich interessierten. Entweder das oder sie wollten mich in Sicherheit wiegen.
Eine weitere halbe Stunde später gestand ich mir zu, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahmen. Vielleicht hatten die mich nicht erkannt?
Egal, ich hatte vor, mich mit meinen Freundinnen zu amüsieren, und genau das tat ich auch.
Die Quintessenz spürte ich am nächsten Morgen. Die Nacht war reichlich kurz gewesen. Als ich aufwachte, war mein Kopf zwar nicht sonderlich schwer oder meine Erinnerungen lückenhaft, aber meine Augen konnte ich trotzdem nur mit Mühe öffnen. Am liebsten hätte ich den Wecker gegen die Wand geworfen und mich zurück in mein Bett gekuschelt. Sofern ich das erste Klingeln nicht überhört hatte, hatte ich etwa zwei Stunden geschlafen. Ob es meiner Mutter wohl auffiel, wenn ich mir Streichhölzer in die Augen steckte, um diese offen zu halten?
Schätzungsweise … ja.
Wie war ich nur auf die blöde Idee gekommen, mich bei meinen Eltern einzuladen, obwohl ich wusste, dass ein Frauenabend ganz schön lang dauern konnte?
Ich sollte absagen.
Müde schlurfte ich ins Bad, beäugte die Dusche, winkte ab, warf mir kaltes Wasser ins Gesicht, putzte meine Zähne, kämmte meine Haare und streckte meinem höllisch attraktiven Spiegelbild – sofern man auf Zombies stand – die Zunge heraus. Etwas munterer, aber bei weitem noch nicht munter genug, schlurfte ich zurück ins Schlafzimmer. Dort pellte ich mich antriebslos aus meinem Schlafshirt, schlüpfte mit halb geschlossenen Augen in meine Klamotten und wäre um ein Haar panisch kreischend unter mein Bett gekrochen.
Nicht nur wegen meiner Müdigkeit hielt sich meine Begeisterung, Roman mit verschränkten Armen vor mir stehen zu sehen, in Grenzen. „Mein Vater will mit uns beiden sprechen. Ich bin hier, um dich abzuholen.“, erläuterte er überaus erhaben. Dass ich beinah einen Herzinfarkt bekommen hätte, war ihm schnurzpiepegal.
Mir aber nicht, verdammt nochmal!
„Es hätte gereicht, wenn Steward mich anruft. Ich finde auch allein zu seinem Anwesen.“ Nachdem ich bei meiner Mutter abgesagt hätte. „Wie lange stehst du schon hier?“ Roman zeigte keine Regung. „Lang genug.“ Einfach fantastisch. Das hieß, ich hatte einen Strip vor ihm hingelegt.
Einen ziemlich bemitleidenswerten.
Eine Gänsehaut rieselte über meinen Rücken. Roman stand nur zwei Meter von mir entfernt. Unbeweglich wie eine Statue. Atmete er überhaupt? Schluckend wich ich ein Stück zurück. „Äh… danke fürs Bescheid geben. Ich beeile mich.“ Roman machte keinerlei Anstalten zu verschwinden. Zu gern hätte ich ihn mit einem husch, husch und wedelnden Händen dazu animiert. Aber meine Angst überwog. Konnte er mein Herz hämmern hören? „Können wir?“
Was?
„Ich… äh… brauche noch eine Weile. Ich fahre mit dem Auto. Es gibt also keinen Grund für dich, auf mich zu warten.“ Ich atmete erleichtert aus, als Roman sich in Luft auflöste und ging rasch in meine Küche. Nur, um dort ein fiependes Geräusch von mir zu geben.
Roman stand vor meinem Kühlschrank. Wenn ich mir einen Kaffee ansetzen wollte, müsste ich ihm den Rücken zukehren. Keine gute Idee. Warum verschwand er nicht? Dachte er, ich würde Steward versetzen? „Willst du nicht… verpuffen und deinem Vater Bescheid sagen, dass ich mich beeile?“
Abgesehen von einer dezent angehobenen Augenbraue und seinem Mund, der mir mitteilte, dass er warten würde, bewegte sich Roman keinen Millimeter. Na schön! Er sollte bloß nicht denken, dass ich Angst vor ihm hatte.
Pah!
Selbstsicher lief ich durch die Küche – mit ängstlichem Herzrasen, das in meinem Hals stattfand – füllte Wasser in die Kaffeemaschine, legte den Tab ein und schaltete die Maschine an. Anschließend angelte ich mir eine Schüssel aus dem Schrank. In die kippte ich Cornflakes, die ich sofort mit Milch ertränkte. Die Stille, die mich umgab, wurde nur unterbrochen vom Gluckern der Tassimo und dem knuspernden Geräusch der Cornflakes, die ich mir in den Mund schob. In Romans Gegenwart zu essen war, gelinde ausgedrückt, dem Gefühl einer Henkersmahlzeit gleichzusetzen. Kein Wunder, dass die Dinger in meinem Mund immer mehr wurden.
Noch während ich kaute, griff ich nach der inzwischen gefüllten Tasse. Leider, ohne zu bemerken, dass Roman näher kam. Absolut lautlos. Wie der Jäger, der er war.
Verdammt!
Ich hätte ihn im Auge behalten sollen. Ich konnte ein Zusammenzucken nicht vermeiden, als sich seine Hände neben mir abstützen, womit er mich zwischen sich und der Anrichte einkesselte. Mein Rücken wenige Zentimeter von seiner Brust entfernt. Ich getraute mich nicht, nach meiner Tasse zu greifen – meine Finger stoppten wenige Zentimeter davor – oder mir gar einen weiteren Löffel der Cornflakes in den Mund zu schieben. So sehr wie ich zitterte, würde ich die Hälfe verschütten. Er berührte mich nicht, aber seine tödliche Ausstrahlung fühlte ich trotz allem.
Sehr intensiv.
„Gestern Abend warst du mutiger. Kastrieren, Beißerchen ziehen und grillen, hm? Eine interessante Drohung.“ Hatte ich das wirklich gesagt?
Himmel!
Mir war übel.
„Das war eine Kurzschlussreaktion.“ Romans Finger fuhren ganz leicht über meinen rechten Arm nach oben, was mich in tausend Ängsten schaudern ließ. Seine Hand blieb nicht liegen. Elegant und fest genug, um meine Panik weiter zu schüren, schlang er sie um meinen Hals. Drückte mich an seine unnachgiebige Brust. „Ich lasse mir ungern drohen.“ Seiner Stimme fehlte jegliche Modulation. Eiskalt und bar jedes Gefühls.
Sollte ich jetzt versuchen meine Fähigkeiten zu aktivieren, wäre ich schneller tot, als ich Muh sagen könnte.
Also hielt ich still und betete, dass er sich rechtzeitig besann. Eben noch hing er mir an der Gurgel, im nächsten Moment stand er wieder mit einigem Abstand hinter mir. „Werde fertig. Ich habe noch andere Dinge zu tun.“ Ich tröstete mich damit, dass ich nach erfolgreichem Abschluss von Stewards Auftrag nie wieder mit einem Vampir zu tun haben würde. Ich schüttete meinen Kaffee hinunter, sagte meiner Mutter ab und ballte die Hände zu Fäusten, als Roman auf mich zukam, in seine Arme zog und zu seinem Vater teleportierte.
Möglicherweise hätte ich nicht davon ausgehen sollen, dass Bingham wegen des Auftrags mit mir sprechen wollte. Denn dazu war Romans Anwesenheit nicht notwendig. Allerdings legte Steward sehr großen Wert darauf, dass sein Sohn bei unserer kleinen Besprechung anwesend war. „Samantha, es ist schön, dich zu sehen. Was machen deine Fähigkeiten?“ Meine… , äh… ja, was sollte ich ihm sagen? „Ich fürchte, das wird noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Ich habe sie noch nicht unter Kontrolle.“ Eigentlich war das gelogen, denn ich hatte einfach nicht den Mut sie einzusetzen. Ebenso, wie mir bisher der Mut fehlte, mich erneut auf ein Motorrad zu setzen. Meine Lady hatte mittelschwere Schäden genommen und stand in einer Werkstatt. Darauf wartend, dass ich einen Auftrag erteilte. „Du solltest daran arbeiten, Samantha.“, tadelte mich Steward. Ich zuckte zusammen.
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