„Emilie, du kannst dir nicht vorstellen, was du alles verpasst.“ Helma Brunner, eine ihrer besten Freundinnen und das schon seit vielen Jahren, hatte sie eines Tages ins Gebet genommen.
„Deine Kinder, deine Enkel, ja deine gesamte Familie, alle fliegen in der Welt umher und stell dir vor: Sie sind immer wieder zurückgekommen. Was hast du denn schon außer Frankfurt gesehen? Mach dir noch ein paar schöne Jahre, verreise in ferne Länder, jetzt, ehe es zu spät ist!“
Emilie hatte lange darüber nachgedacht. „Was habe ich zu verlieren?“, fragte sie sich. Andere kommen auch immer wieder zurück, genau wie Helma es mir immer vorhält. Ich werde es tun! Ich werde bei nächster Gelegenheit mit Juliane und Rafi nach Italien fliegen. Ich werde Rafis Eltern kennenlernen und sein Land mit der nicht enden wollenden Sonne, den süßen Früchten, die wir hier nur in den Supermärkten vorfinden.“
Emilie nannte ihren Schwiegersohn nur Rafi. Er war ein guter Junge, ein guter Ehemann und ein guter Vater. Er konnte nichts dafür, ebenso wenig wie Juliane, dass die Ehe ihrer Tochter Caroline in die Brüche ging. Es war halt der Falsche gewesen. Als Erwin sein wahres Wesen gezeigt hatte, war es bereits zu spät. Andere Frauen, Lügen und Ausreden, da hatte Caroline ihn einfach rausgeworfen. Nach der Scheidung hatte sie nach einem langen Kampf das Sorgerecht für die beiden Kinder bekommen.
Emma und Fabian! Emilie lächelte zufrieden bei dem Gedanken an ihre beiden Enkel. In einer halben Stunde würde sie die beiden in die Arme schließen. Sie hörte schon die Rufe aus der Ferne: „Omi, Omi!“
Fabian war mit 10 Jahren der „Große“. Emma war erst vier.
„Du musst immer auf deine Schwester aufpassen“, hatte Emilie ihrem Fabian ins Ohr geflüstert, wenn dieser seinen Vater vermisste und ihm die Tränen in die Augen stiegen. „Du bist jetzt der Mann im Haus! Dein Vater wird stolz auf dich sein!“
***
Ja, noch eine halbe Stunde. Dann wird dieses Flugzeug gelandet sein, zurück von einer Urlaubsreise durch die Luft in schwindelnder Höhe.
„Und ich war mittendrin!“ Emilie konnte es kaum glauben. Dass sie über sich hinausgewachsen war, dass sie einfach so, ohne irgendein Flugseminar, ohne einen Probeflug, einfach so bis nach Italien geflogen war, erfüllte sie mit Stolz.
„Es wird nicht der letzte Flug gewesen sein“, nahm sie sich vor.
Nun ja, eine Stubenhockerin war Emilie in ihrem Leben dennoch nicht gewesen. Früher, in ihrer Jugend, waren es Busreisen gewesen und gemeinsam mit einigen ihrer Freundinnen ging es in den Bergischen Wald, die Eifel, den Hunsrück. Die weiteste Reise, an die sich Emilie erinnern kann, ging an die Nordsee, nach Ostfriesland, genauer gesagt, nach Esens. Emilie lächelte in ihren Erinnerungen. Ja, die Nordsee, Dorthin hatte sie ihre erste Reise mit Otto gemacht, ihrem späteren Ehemann. Otto Bruckner. Emilie seufzte und ihre Augen wurden feucht.
In ihrer Erinnerung sah sie Otto ganz nah vor sich. Obwohl sein Haarschmuck sich mit den Jahren total verflüchtigt hatte, war ihm seine Ausstrahlung, die sie schon beim ersten Zusammentreffen mit ihm so geschätzt hatte, erhalten geblieben. Immer braun gebrannt, auch wenn da im Winter das Solarium nachhalf, bevorzugte Otto saloppe Kleidung. Emilie sah ihn vor sich in seiner hellbeigen Hose, dem dunkelbeigen Sakko und dem krawattenlosen Hemd darunter, das seine grauen Brusthaare nicht völlig verdeckte.
Vor elf Jahren bereits hatte ihr Otto sie verlassen. 76 Jahre war er alt geworden, Lymphknotenkrebs, die Metastasen hatten sich bei Erkennen der Krankheit schon zu weit im Körper ausgebreitet.
Später, als sie den Zenit des Lebens bereits weit überschritten hatte, ergab es sich, dass Emilie mit den gleichaltrigen Damen und Herren ihrer Nachbarschaft, und das nicht wenige Male, an so genannten Kaffeefahrten teilnahm. In Reisebussen ging es dann über Hunderte von Kilometern zu Verkaufsveranstaltungen, denen Emilie zwar beiwohnte, aber gekauft hatten eigentlich immer nur die anderen.
„Das ist alles qualitätslose Ware“, hatte sie den anderen immer zugeflüstert, aber niemand hatte auf sie gehört. Auf den Rückfahrten platzten die Busse aus allen Nähten, so viele Dinge, von Bettwäsche bis hin zu Massagesesseln, hatten die Besitzer gewechselt.
Emilie war eine der wenigen, die das System durchschaut hatten. „Uns alten Menschen das Geld aus der Tasche ziehen, uns weismachen, dass wir heute etwas erworben haben, das es nicht im freien Handel gibt, weil die Preise dort angeblich erheblich höher ausfielen, das macht man nicht mit mir!“, hatte Emilie immer gedacht, und wenn sie dann am Abend zurück in ihrer gewohnten Umgebung war, platzierte sie verschmitzt die kostenlos erhaltenen Werbegeschenke zwischen Ziertellern und Fotografien ihrer Lieben und freute sich schon auf die nächste gemütliche Reise, bei der sie auch dann ihren Vorsatz einhalten würde, nichts von diesem unsinnigen Kram zu kaufen.
Emilie sah auf ihre schmale goldene Armbanduhr, ein Geschenk ihres verstorbenen Mannes. Fast eine halbe Stunde hatte sie geschlafen. Ihre Gedanken waren nun wieder klar. Vor rund zwei Stunden hatten Rafael, Juliane und sie den Flieger in Pescara zum Rückflug in die Heimat bestiegen. Der Kurzurlaub in dem fremden Land hatte ihr gutgetan.
Ihre Tochter und Rafael hatten sie zu dieser Reise eingeladen und nach langem anfänglichem Zögern hatte sie zugesagt. So bot sich ihr endlich die Möglichkeit, die Eltern von Rafael einmal kennen zu lernen, denn Rafael war Italiener und hatte einige Jahre in Deutschland als Gastarbeiter gearbeitet.
So hatte er Juli, wie Rafael seine Frau zärtlich nannte, kennengelernt, die beiden verliebten sich ineinander und schon nach einem halben Jahr wurde Hochzeit gefeiert. Ihr selbst war dies eigentlich alles viel zu schnell gegangen.
„Wo die Liebe hinfällt“, dachte Emilie. Aber Rafael ist ein guter Mensch, sorgt für seine Familie, so wie es ein Italiener eben tut, mit seiner ganzen Kraft, denn einem Italiener, dass wusste Emilie, geht die Familie über alles.
Emilie schaute sich suchend um. Ein mildes Lächeln floss um ihre Mundwinkel. Schräg hinter ihr auf der anderen Gangseite saßen die beiden, Juli hatte ihren Kopf auf die Schulter ihres Mannes gebettet und schlief tief und fest. Die schulterlangen, mittelblonden Haare waren leicht zerzaust. Eine Strähne berührte den rechten Nasenflügel von Rafael, der diesen ab und zu mit einem leichten Luftzug wegblies. Rafael ließ es geschehen. Dann schaute er interessiert aus dem Fenster und schien sich an dem Spiel der Sonne an den silbern glänzenden Flugzeugteilen zu erfreuen.
Rafael Orlando war 58 Jahre alt, drei Jahre älter als Juli und ging in der Innenstadt von Frankfurt bei einem bekannten Versicherungsunternehmen als freier Versicherungsagent einer geregelten Arbeit nach, und das schon seit über 25 Jahren.
Die italienische Herkunft sah man Rafael gleich an. Sein schwarzes, nach hinten gebürstetes Haar, das, ebenso wie seine Gesichtsprägungen, den Südländer vermuten ließ, und seine vielsagenden Armbewegungen, die beim Sprechen seine Ausdrucksweise begleiteten, verrieten offenkundig seine Herkunft. Rafaels Oberlippenbart war akkurat zurechtgestutzt, die runde, mittelgroße randlose Brille gab Rafael etwas Seriöses und erinnerte Juli, die ihn gerade jetzt von der Seite betrachtete, irgendwie an ihren Vater Otto.
Juli reckte sich und schaute auf ihre Armbanduhr. Noch einige wenige Minuten, dann würde der Flieger zur Landung ansetzen. Sie entspannte sich und ließ sich wieder tiefer in den Sitz gleiten, wobei sie ihren Kopf wieder gegen die Schulter von Rafael lehnte.
Auch Emilie machte es sich noch einmal bequem. Von der Seite her betrachtete sie ihren Nebenmann, einen Mittvierziger, der geradeaus vor sich schaute und keinerlei Regung zeigte. Die Glatze des kräftigen Mannes glänzte in der einfallenden Sonne und Emilie wandte ihren Blick wieder nach draußen, dem blauen Himmel zu.
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