„Nun gut, ich denke, wir sind zu keiner Zeit davon ausgegangen, daß Don Xavier die Bücher gestohlen hatte. Das wissen wir jetzt mit einiger Wahrscheinlichkeit. Mehr aber auch nicht. Also sind wir mit der Auskunft auch nicht wesentlich weiter gekommen. Interessant wäre es zu wissen, auf welchem Weg er sie bezahlt hat. Aber auch in diesem Punkt kommen wir nicht weiter. Die Buchhandlung existiert nicht mehr, einen Nachkommen des Buchhändlers Iniesta, der sich zudem noch daran erinnern kann, werden wir kaum auftreiben. Diese Strecke müssen wir wohl abhaken, sie hat uns nichts gebracht“, sagte ich enttäuscht.
Doch Don Basilio schüttelte den Kopf.
„Geben Sie nicht so schnell auf, Don Diego. Auch wenn es harmlos daherkommt, welche Gefahr geht schon von Büchern aus, bleibt immer noch die Frage offen, wie er sie bezahlt hat, mit welchem Geld und woher er es hatte, das Geld. Ich spüre, daß an dieser Stelle etwas nicht so ist, wie es zu sein hat.“
„Ehe wir uns die Köpfe über derzeit nicht zu klärende Dinge zerbrechen, sollten wir uns vielmehr an das halten, was direkt vor unseren Nasen steht: an die Bücher nämlich. Sie haben in der letzten Nacht ja schon mit dem Werk begonnen, Don Diego. Auch, wenn die Ausbeute mit dem Fischartikel ein bißchen mager ausgefallen ist, der Weg war der richtige. Also lassen Sie uns doch die Bibliothek gründlich unter die Lupe nehmen. Irgendwo muß ein Hinweis herumliegen. Sechs wache Augen sehen mehr als zwei müde, das ist ein Naturgesetz. Wer immer auch dafür verantwortlich zeichnet.“
Also sprach Don Remigio und wir machten uns an die Arbeit.
Während ich dort weitersuchte, wo ich in der Nacht zuvor aufgehört hatte, nämlich bei den gebundenen Ausgaben der Gartenlaube , nahm sich Don Remigio das darauf folgende Regal und sein pare das dann nächste vor. Eine ganze Weile waren keine anderen Geräusche zu hören als jene, die Bücher machen, wenn sie aus ihrem angestammten Platz im Regal gezogen, ihr befreites Ächzen, wenn sie nach endlos langer Zeit der Ruhe wieder aufgeschlagen und durchblättert, sowie der enttäuschte Hall der Buchdeckel, wenn sie nach kurzer Durchsicht wieder zugeklappt werden. Der Staub unzähliger Jahreszeiten hatte sich auf den Schnittkanten niedergelassen und tanzte nun aufgeschreckt im Kerzenlicht umher.
Mir war, als röche es nach betagtem Papier, Leder, ausgetrocknetem Leim, Druckfarbe und der Kunstfertigkeit einstiger Buchmacher. Diese Gerüche waren mir bisher nie aufgefallen, wenn ich mich in der Bibliothek aufgehalten hatte und es war deshalb gut möglich, daß ich sie mir nur einbildete. Aber was spielte es für eine Rolle, ob diese Ausdünstungen, die meine Sinne zu spüren meinten, in der Realität oder nur in meiner Vorstellung vorhanden waren? Es zählten ausschließlich der Augenblick und die Stimmung, die er hervorrief. Ein Glas Wein vor der malerischen Kulisse eines Sonnenuntergangs in angenehmer Begleitung genossen schmeckt ja bekanntlich auch anders als bei Schnee und Regen in einem grauen Zimmer, obwohl es der gleiche Wein ist.
Als ich die Schilder der Buchrücken überflog, mußte ich mir eingestehen, einen Großteil der Verfasser nicht einmal dem Namen nach zu kennen. Natürlich waren hier überwiegend spanische Autoren versammelt und unter diesen lag der Schwerpunkt wiederum bei denen, die ihre Texte in katalanischer Sprache verfaßt hatten. Namen wie Miquel Costa i Llobera, Joan Alcover, Miquel dels Sants oder Gabriel Alomar hatte ich bewußt noch nie gehört und ich nahm mir deshalb fest vor, mich in naher Zukunft mit ihnen oder besser, mit ihren Werken zu beschäftigen. Ich betrachtete es einfach als eine Frage der Achtung und des Anstands, sich mit der Kultur des Landes zu befassen, in dem man lebte. Ganz besonders, wenn es nicht das Land der eigenen Herkunft, das Land, in dem man geboren wurde, war. Und wo schlagen sich Wesen und Leben eines Volkes besser nieder als in seiner Literatur?
Dann stieß ich auf Santiago Rusinol, den großen katalanischen Schriftsteller, Maler und Theaterautor, den ich kannte und von dessen Tod ich vor Kurzem in der Zeitung gelesen hatte. Obwohl kein Mallorquiner, hat er der Insel mit seinem Buch L’illa de la calma, Insel der Ruhe , eine wunderbare Hommage geschrieben, die ich während meines ersten Aufenthalts auf Mallorca gelesen hatte. Einigermaßen getröstet, wenigsten einen Namen unter den vielen Unbekannten identifizieren zu können, zog ich die Erstausgabe dieses Werkes von 1922 aus dem Regal und blätterte darin, als in meinem Rücken Don Basilios einen erstaunten Ausruf ausstieß.
„Es ist nicht zu glauben, was ich gerade aus dem Regal gezogen habe. Hört zu, Freunde, das ist eine dieser heiligen Augenblicke, wie man sie im ganzen Leben nur ein-, höchstens zweimal erleben darf. Remigio, alter Spötter, weißt du, was ich hier in den Händen halte? Bevor du auf die ordinärste aller Antworten: ein Buch, zurückgreifst, will ich dir sagen, um welches Buch es sich handelt und du wirst vor Ehrfurcht das Knie beugen und dein Haupt senken.
Ich sage nur: Vida y Hechos Del Ingenioso Cavallero Don Quixote de la Mancha des größten Dichters aller Zeiten, Miguel de Cervantes Saavedra, in einer Ausgabe von 1719, die bei Henrico y Cornelio Verdussen in Amberes, Amsterdam, erschienen ist. Was sagst du nun?“
Stolz schwenkte er den braunen Lederband durch die Luft und hüpfte dabei abwechselnd mit den Füßen auf dem Boden herum als hätte er soeben eine Ader puren Goldes in seinem Garten entdeckt.
Don Remigio aber schaute ungläubig und schien das gerade Gesagte erst verdauen zu müssen. Er war sichtlich beeindruckt von der Verkündung seines Kollegen, die Augen verfolgten das Buch durch die Luft, er mußte sich offensichtlich angestrengt konzentrieren, nicht danach zu greifen. Dann steckten die beiden ihre Köpfe zusammen, bestaunten das Buch und durchblätterten ehrfürchtig Seite um Seite. Ich kam in ihrer Wahrnehmung offensichtlich nicht mehr vor, der Ritter von der traurigen Gestalt hatte ihre Aufmerksamkeit vollständig in Beschlag genommen.
In meinen Händen hielt ich immer noch das Mallorca-Buch des Santiago Rusinol, das ich just wieder an seinen Platz im Regal zurückstellen wollte, als ich auf dem Fußboden einen Zettel bemerkte, der wahrscheinlich nur aus dem Buch gefallen sein konnte, als ich beim Blättern vom Aufschrei Don Basilios gestört wurde. Ich hob das Papier auf, faltete es auseinander und las einige Zeilen, die eindeutig von der Hand Don Xaviers auf das Papier gebracht worden war:
… per aquesta angoixa d’anar de pressai arribas allà on no tenim feina…
Es handelte sich um die Einführung, die Rusinol zu seinem Buch geschrieben hatte und lautete übersetzt in die deutsche Sprache etwa:
… wenn die rastlose Eile dich ermüdet, die uns ständig antreibt, noch schneller an Orte zu gelangen, an denen wir eigentlich nichts verloren haben…
Der Rabe hatte diese Sequenz aus dem Buch auf einen Zettel geschrieben und dieses Papier dann wieder zurück in das Buch gelegt, ein Verhalten, das ich nicht verstand und ohne zu zögern sofort als durchaus merkwürdig empfand.
Aus eigenem Erleben weiß ich, wie schwer es ist, seine Aufmerksamkeit von einem Buch abzuwenden, das ein Faszinosum ausübt, weil man lange davon geträumt hat, es einmal in der Hand zu halten, ganz besonders, wenn es sich um ein altes Buch handelt. Für einen Spanier trifft das verstärkt zu, wenn es sich bei dem Buch um eine alte Ausgabe des Don Quixote handelt, auch wenn es nicht die Erstausgabe von 1605 ist, denn Cervantes gilt seinen Landsleuten, nicht völlig zu Unrecht, als heilig, ist unantastbar und sein Ritter sakrosankt. So benötigte ich geraume Zeit, die Aufmerksamkeit der beiden capellàs auf dieses Papier zu lenken, das ich in einer Ausgabe gefunden hatte, die lediglich profane zehn Jahre alt war.
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