1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 „Du hast ja Recht, Papa.“ Britt sagte es aus voller Überzeugung, war ihrem Vater insgeheim dankbar dafür, wie er mit ihr gesprochen hatte. Sie ahnte, dass eine Verbindung zwischen ihr, der reichen Baumann-Tochter, und Bob nicht nur eine Sache der Liebe sein würde.
Bob Graven wusste ganz genau, wer sie war. Er hatte in einem Detektivbüro in Wien nachgefragt, um Näheres über die Familie Baumann zu erfahren. Die Auskunft übertraf all seine Erwartungen. Von diesem Augenblick an war er überzeugt sich mit Britt ein goldenes Vögelchen einzufangen; dass dieses Vögelchen als Draufgabe auch noch liebreizend, bezaubernd und hinreißend war, erleichterte sein Vorhaben um einiges.
Marc unterstützte das Unternehmen „Bob Graven“ zwar widerwillig aber mit größter Sorgfalt und fachkundigem Rat. Ein provisorischer Ehevertrag wurde entworfen. Gütertrennung vereinbart.
Noch vor der Rückkehr Bobs mussten alle wesentlichen Fragen zumindest innerhalb der Familie abgeklärt sein.
Ein Schreckgespenst, das ganz Kolumbien erschütterte.
Ein zäher Machtkampf skrupelloser Politiker. Ein Kräftemessen. Ein brutales Spiel mit der Macht. All das über den Köpfen der hungernden Bevölkerung. Die Menschen waren der Gnade, der Willkür, den Launen der Mächtigen ausgeliefert.
Die Jahre waren geprägt von gnadenlosen Schandtaten der Guerillatruppen, die sich in den Bergen zusammenrotteten, ihre Mitstreiter selbst aus entlegensten Bergdörfern requirierten. Kampffähige Männer wurden freiwillig oder mit Gewalt zu ihrem vermeintlichen Glück gezwungen, aber auch Kinder, Jungen, die mit hartem Drill zu tüchtigen Soldaten herangezüchtet wurden. Die Verluste der Truppen mussten wettgemacht werden. Die Tradition, die Sehnsucht der Unterdrückten nach Macht, forderte ihren Tribut.
Parallel dazu blühte der Drogenhandel, wuchs die Macht der Kartelle mit jedem Tag. Gemeinsam terrorisierten beide Organisationen Regierung und Bevölkerung mit Attentaten, Mord und Totschlag. Sodom und Gomorra in der neuen Welt, dem Erdteil, von dem ganz Europa als Schlaraffenland träumte. In einem Reich, in dem nur Milch und Honig fließen hätte können floss nun Blut in Strömen. Armut und Hunger breitete sich aus. Hoffnungslosigkeit und Verbrechen. Die Macht gehörte den Reichen und Korrupten. Wer sich nicht unterwarf, wurde kurzerhand beseitigt.
In den Bergen wurden Gold und Smaragde gefördert, auf verschlungenen Wegen geschmuggelt. Je größer der Profit, je einflussreicher die Position, je weit reichender das Ansehen eines Beamten, umso stattlicher die Schmiergelder. Man durfte nichts sehen, nichts hören und musste schweigen können.
Korruption wurde zur stillen Selbstverständlichkeit. Endlos war die Liste der Beschäftigten aller Branchen und Dienstgrade, die auf den Gehaltlisten der Dons angeführt waren. Sie waren die eigentlichen Herren der Stunde. Ihr langer Arm reichte über das ganze Land und weit über die Grenzen hinaus.
In einem der elenden Bergdörfer schleppte sich Emanuela Cortez mit letzter Kraft den steilen Hügel hinauf. Mit beiden Händen hielt sie ihren schweren Bauch. Schmerzvolle Wehen durchfluteten den schwachen Körper. Keuchend wand sie sich auf ihrem Lager aus Lumpen. Ein unbekanntes Feuer brannte in ihrem Körper. Eine alte Nachbarin trocknete ihre Tränen, kühlte die heiße Stirn. Stundenlange Qualen. Grauenvolle Erinnerungen an die Vergewaltigung vor neun Monaten. Ein Schmerz durchzuckte wie damals ihre Lenden. Ein markerschütternder Schrei. Zwischen ihren Beinen fühlte sie etwas Glitschiges, Warmes. Ekel kam hoch in ihr. Der kräftige Schrei des Neugeborenen riss sie aus ihren Alpträumen.
„Un niño, mi pequeña!“ kreischte die Alte.
In der Hütte war Frieden.
Roberto saugte gierig aber vergeblich an der schlaffen Brust seiner Mutter. Schrie fordernd. Wurde gewiegt und beschwichtigt. Nacht um Nacht, Tag um Tag. Doch der Junge schrie, anhaltend, kraftvoll. Der Rebellion zum Trotz. Dem vernichtenden Regime zur Warnung.
Die ausgemergelte Mutter erbettelte Ziegenmilch, Eselsmilch von Nachbarn und Freunden. Der Knabe sog die kräftige Nahrung auf, als wollte er schon jetzt im Alter von zwei Monaten der Welt seinen Willen aufzwingen.
Roberto Cortez war ein Kind dieser Zeit. Fragen nach seinem Vater blieben unbeantwortet. Die Züge der Mutter verschlossen sich stets zu einer ausdruckslosen Maske.
Onkel Pedro, Mutters Bruder, kam vorbei. Er bewirtschaftete einen kleinen Hof in den Hügeln unweit der Stadt Medellin. Brachte Fleisch und Früchte und Unfrieden. Endlose Diskussionen der Erwachsenen endeten jedes Mal mit Flüchen und Verwünschungen übelster Art.
Die fromme Mutter lehrte ihn beten, erzählte von Gottes Barmherzigkeit. Sein Geist lehnte sich gegen dieses sinnlose Geschwätz auf. Hunger, Not, Verzweiflung. Wo war die Barmherzigkeit? Die tiefe Frömmigkeit der Mutter unterlag kläglich.
In seinen Genen aber pulsierte das Böse. In seiner Seele tobte die Erbmasse des Vaters. In seinem Herzen lagen die Keime von Verderbtheit, Härte, Grausamkeit.
Im Laufe der Jahre versickerte der Krieg langsam im steinigen Boden, dem Emanuela mühselig Essbares abzuringen versuchte.
Ein Teufel hatte ihr den Sohn in den Schoß gepflanzt. Viele Male hatte sie das Ungeborene verflucht, neun Monate lang. Wie oft bat sie den Herrn ihr diese Sünde zu vergeben.
Emanuelas inbrünstige Bitten prallten an den rauen Felsen ab. Ein schrecklicher Traum verfolgte sie Nacht für Nacht:
Dieses Ungeheuer von Mann aus der Stadt, in seiner stinkenden Uniform. Riesig, mächtig, stark. Er hetzt sie durch dorniges Gestrüpp, durch Felsspalten. Sie strauchelt, stürzt, reißt sich Hände und Knie wund. Weiter, weiter, nicht anhalten. Sie greift ins Leere. Der Boden gibt nach. Sie fühlt seinen stickigen Atem auf ihrer Haut, seine brutale Umarmung. Ein stechender Schmerz in ihren Lenden. Blut fließt in einem kleinen Rinnsal die Steine entlang. Seine mächtige Gestalt, seine offene Hose. Breitbeinig steht er über ihr, stopft sein erschlafftes Glied in den Schlitz. Sein Grinsen. Sein zynischer Blick.
Furcht schlich in ihr Herz. Roberto. Die gleichen stechenden Augen, der gleiche zynische Mund, die gleichen stolzen Züge wie dieser namenlose Mann. Damals.
Es folgten Jahre der Furcht, des Entsetzens. Jahre ohne Hoffnung. Guerillakrieger kamen, verschleppten Freunde, Nachbarn, deren Söhne, die nur wenig älter waren als ihr Roberto.
Ein Loch im harten Küchenboden. Dort hinein steckte sie ihren Jungen, wenn Gefahr drohte.
Draußen tobt das Jüngste Gericht. Brennende Planken, Schreie. Entsetzte Augen. An einem Ast baumeln zwei Männer, splitternackt, übersät mit Wunden. Leblose Augen stieren aus verzerrten Gesichtern. Frauen, halb tot, die Seelen aus dem Leib gevögelt, verrückt. Die Männer tot. Die Söhne in den Klauen der Kämpfer.
Roberto überlebte.
In diesem Elend erschien Bruder Pedro als Retter, Erlöser. Emanuela sank vor ihm auf die Knie, weinte inbrünstig. Pedro nahm sie mit sich. Zwei billige Arbeitskräfte unter dem Deckmantel brüderlicher Nächstenliebe. An der Intensität ihrer Arbeit änderte sich nichts. Nur die Sonne schien etwas wärmer. Blumen blühten an den Hängen. Schwarze Wolken zerschellten an düsteren Felswänden. Das Leben schien erträglicher. Die Schmach löste sich auf.
Der gute Onkel war für Roberto ein rücksichtloser Tyrann. Er halste dem siebenjährigen Jungen Arbeiten auf, die ein erwachsener Mann kaum bewerkstelligen konnte. Todmüde schleppte er sich spät abends in die große Stube, ausgelaugt, ausgepumpt.
„Und! Hast du alles geschafft?“, dröhnte die mächtige Stimme des Hausherrn.
„Nicht ganz. Ich versuche gleich morgen den Zaun fertig zu machen. Ich bin zu klein. Ich kann die Pfosten nicht alleine so hoch stemmen. Die fallen immer wieder herunter.“
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