1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 „Faul bist du. Ein Tölpel. Ein Taugenichts. In deinem Alter habe ich noch ganz andere Dinge bewältigt.“ Die drohende Hand holte zum Schlag aus. Rasch schob Roberto eine Brotkante in die Tasche, duckte sich, erhaschte einen Becher Milch und humpelte eilig zu seinem Strohsack. Sein zorniges Weinen, sein Stampfen, seine Wut über die Ohnmacht, die Hilflosigkeit machte ihn rasend.
„Es kommt der Tag, an dem ich diese schmerzenden Fangeisen abstreife.“ So sprach Roberto im Stillen zu sich. Er presste seine kleinen Fäuste so heftig zusammen, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Die Schule zu besuchen war Gesetz. Eine Tatsache, über die sich selbst Pedro nicht hinwegsetzen konnte, wenn er es auch für absolute Zeitverschwendung hielt.
Im Gegensatz zu vielen seiner faulen Freunde besuchte Roberto den Unterricht regelmäßig. Lernte begierig. Hörte aufmerksam zu. Die große Landkarte. Er suchte Städte in der näheren und weiteren Umgebung, schrieb ihre Namen auf, trachtete Neues zu erfahren.
Das Fest in Medellin, von den Bewohnern der Region mit Ungeduld erwartet. Stierkämpfe, Reiterspiele. Einige Male im Jahr fanden diese Fiestas statt, immer an einem anderen Ort. Immer war Roberto dabei.
Die Fiestas waren die Höhepunkte seines sonst so trostlosen Daseins. Söhne reicher Gutsherren aus der Gegend, kamen mit herrlichen Pferden und farbenprächtigen Gewändern angeritten. Edle Kleider, mit Bändern und silbernen Spangen verziert. Das glänzende Fell der Tiere. Wesen aus einer anderen Welt. Die jungen Männer, aufrecht und elegant. Siegessicher, selbstbewusst, unbezwingbar.
Roberto war begeistert. Keinen Blick ließ er von den stattlichen Reitern. Nur ein Ziel war in seinem Kopf.
„Ich werde auch einmal ein solches Pferd haben, ich will es, ich muss es haben.“ Stumm stand er da, mit glitzernden Augen, offenem Mund. Der Wunsch setzte sich in dem schwarzen Lockenkopf fest. „Ich will es. Was man wirklich will, kann man auch erreichen.“
Seine Kumpane verlachten ihn, nannten ihn einen unverbesserlichen Träumer, einen Irren.
Um das Gesicht nicht zu verlieren, beteiligte sich Roberto an nächtlichen Kämpfen mit den Jungen aus der Stadt. Steine dienten als Waffen. Die Meute stürmte durch nächtliche Straßen, zerschmetterte Auslagenfenster, schlitzte Autoreifen auf, montierte Räder von Autos und Karren ab. Verschwanden im Nichts, wenn die Feinde brüllend nahten.
Die Jungen der Stadtbande verletzten seinen Freund Gregorio schwer. Wimmernd blieb er liegen. Eine tiefe Wunde klaffte in seiner rechten Wade. Pfiffe der Guardia Civile. Die Stadtjungen waren so schnell verschwunden, wie sie vorher aufgetaucht waren. Roberto zerrte mit seinen Freunden den Verletzten aus der Stadt. Aus der Ferne hörten sie das schwächer werdende Geschrei und Geknatter der Garde.
Er fand es zwar toll seinen Mut unter Beweis zu stellen, doch was brachten diese Heldentaten tatsächlich?
Am nächsten Morgen begleitete eisiges Schweigen das Frühstück. Ehe Onkel Pedro den Raum verließ, schrie er Roberto an.
„Lass dir eine solche Torheit nicht noch einmal einfallen. Das nächste Mal fliegst du vom Hof. Da kann deine Mutter betteln, wie sie will.“
Ein prächtiges Auto stand im Hof. Neugierig betastete er mit verschwitzten Händen den glänzenden Lack, hinterließ hässliche Flecke auf der spiegelglatten Fläche.
Hinter seinem Rücken hörte er eine helle Kinderstimme: „Mach dir keine Gedanken. Zu Hause wird er ohnedies wieder gewaschen!“ Der Junge näherte sich ihm mit lachendem Gesicht. Er trug einen schicken Anzug, feine Lederschuhe, hatte saubere Hände. Roberto blickte in stumm an. Der Knabe war einen Kopf kleiner als er und wirkte sehr kindlich.
„Ich heiße Julio Maria Torres, und wie heißt du?“ Kinderaugen trafen sich, neugierig, aufgeweckt, ohne Vorurteil.
„Roberto Cortes“, kam zögernd die Antwort.
„Was machst du hier auf dem Hof. Wo ist dein Vater?“
„ Ich habe keinen Vater!“ war die kurze Antwort.
„Blödsinn! Jeder Mensch hat einen Vater. Kann sein, dass du ihn nicht kennst, aber haben musst du einen. Wie hätte deine Mutter dich sonst bekommen.“
Er hatte Recht. Doch darüber wollte sich Roberto schon lange nicht mehr den Kopf zerbrechen.
„Mein Onkel ist der Bauer Pedro. Meine Mutter und ich arbeiten auf dem Hof.“
„Mein Vater spricht jetzt mit deinem Onkel. Geschäftlich“, meinte er altklug. Die wollen irgendetwas Neues versuchen. Du verstehst sicher. Etwas, das mehr Geld einbringt, als die dreckige Landwirtschaft.“
Der feine Pinkel, was weiß der schon von Arbeit. Außer seiner Katze hat er bestimmt noch kein Tier mit den Händen berührt, und Zäune hat er sicher auch noch nie aufgestellt, dachte er trotzig. Trotzdem war ihm der Junge sympathisch.
„Hast du Lust mit auf den Heuboden zu kommen. Dort hab ich mein Versteck. Einen Schatz.“
„Klar, machen wir.“
Begeistert kletterten die beiden Knaben die hohe Leiter hinauf und verschwanden hinter Bergen von Heu. Zwischen zwei breiten Holzbalken zog Roberto ein großes Klappmesser und eine prächtige Steinschleuder hervor.
„Alles selbst gekauft, von meinem selbst verdienten Geld. Stolz schwang in Robertos Stimme mit. Die Schleudern macht ein Kumpel von mir. Wenn du eine willst, kann ich das organisieren.“
„Wie viel kostet so ein Ding?“
„Drei Pesos, wenn ich sie für einen Freund brauche.“
„Abgemacht. Aber wann kann ich sie dann haben. Ich weiß ja nicht, wann ich wieder komme.“
In weiser Voraussicht hielt ihm Roberto großzügig die eigene Schleuder hin. Sein erster Deal.
„Nimm inzwischen meine. Wenn du das nächste Mal kommst, bringst du einfach das Geld mit.“
„Du bist ein echter Freund, Roberto. Das vergesse ich dir nie.“
Julio drückte Robertos schmutzige Hand. Er strahlte vor Begeisterung.
„Mein Vater kommt. Ich muss mich beeilen. Danke nochmals, mein Freund!“
Flink kletterte er die Leiter hinunter und sprang mit der gleichen Selbstverständlichkeit in das feine Auto, wie Roberto auf einen Heuwagen. Glückliches Winken. Er verschwand im Straßenstaub.
Tränenspuren hinterließen helle Streifen auf Robertos verdreckten Wangen. Eifersucht loderte in seinem kleinen Herzen. Eifersucht auf den vornehmen, reichen Jungen, und Jähzorn. Wut über die Ungerechtigkeit dieser verfluchten Welt. Trotzig verrichtete er seine Arbeit, kämpfte mit seinen aufgewühlten Gefühlen, wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen. Ohnmächtiger Groll tobte im Herzen des Jungen.
Am nächsten Tag kam ein großer Lastwagen mit Landarbeitern, die Felder abernteten, umpflügten und neu bepflanzten. Onkel Pedro lief mit hochrotem Kopf durch die Reihen der neuen Arbeiter. Schrie Befehle, organisierte wie ein Feldmarschall.
Pedro wurde der erste Rauschgiftpflanzer der Region. Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Zur Erntezeit kamen Dutzende Lastwagen und brausten voll beladen wieder davon. Dieser Vorgang wiederholte sich einige Male im Jahr. Felder von Nachbarn wurden gekauft. Immer mehr gewinnbringende Ladungen verließen den Hof. Pedros Reichtum mehrte sich ebenso wie sein Geiz und seine Härte.
Julio war noch einmal zurückgekommen. Stolz überreichte er Roberto drei Pesos, und einen Talisman, einen goldenen Skorpion mit drei Smaragden am Stachel. „Behalte ihn. Wenn du in Not bist, schick ihn mir. Dann werde ich da sein, mein Freund.“
Roberto wusste den eigentlichen Wert der Nadel nicht zu schätzen, wohl aber das Siegel der Freundschaft. In ein altes Tuch gewickelt, versteckte er das Kleinod in seinem Geheimfach am Heuboden. Das erste Mal in seinem Leben hatte er etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht. Vertrauen, Ehre, Familie.
Die Zeit war reif, das Leben grundlegend zu ändern. Einen Hungerlohn und Almosen brauchte er nicht. Nie wieder wollte er ein Nichts sein. Nie mehr wollte er vergessen werden im Morast ungerechter Eintönigkeit, betäubender Sinnlosigkeit. Er wollte den trägen Strom durchschwimmen. Ausdauernd, zielstrebig. Überzeugte Beharrlichkeit flößte ihm Furcht ein. Furcht vor einer Zukunft, der er dennoch ungeduldig entgegenstrebte, die er bewältigen musste, die sein künftiges Leben bestimmen sollte. Der Kampf ums Überleben nahm seinen Lauf.
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