"Hättest du nichts gesagt, wäre alles wieder ins Lot gekommen!" Waren die letzten Worte die durch den Lautsprecher preschten, ehe sie die Verbindung abbrach.
Emilia blieb sprachlos auf ihr Handy starrend in der Leitung.
Emilia schlief schlecht. Eigentlich schlief sie gar nicht, sie wälzte sich von der einen Seite fiebrig auf die andere. Sie hatte sich so schwer erkältete, dass es allmählich zu einer stattlichen Grippe auswucherte. An den montäglichen Schultag war nicht zu denken, ihre Mutter fesselte sie regelrecht ans Bett. Voraussichtlich würde sie die ganze Woche nicht in die Schule gehen können. Ein Umstand, von dem sie nicht wusste ob er sie froh oder unglücklich stimmte.
Emilia hatte ernsthaft Sorge, dass sie sich mit Mel zu hart zerstritten hatte. Konnte ihre Freundschaft nach all den Jahren jetzt zerbrechen? Egal wie sehr sie sich um die Zukunft sorgte und Angst hatte, sie hatte Mel immer als feste Konstante in ihrem Leben betrachtet. Aber jetzt... Sie wünschte sich sie könnte die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen. Andererseits hielt sich ihr schlechtes Gewissen in Grenzen; irgendwie war das zwar alles ihre Schuld, aber Mel hatte ihr nie etwas von diesem Freund Chace erzählt und Emilia hatte nur zu ihrem Besten gehandelt. Es war eine Kopfschmerz-Situation durch und durch.
Die Nacht von Montag auf Dienstag, schlief Emilia besonders schlecht. Sie hatte hohes Fieber und wälzte sich hin und her. Sie murmelte im Schlaf und ihr war so unglaublich heiß, beinahe so als würde sie verbrennen…. Flammen, Glut, Asche bestimmten ihre Sinne. Ein Delirium der Hölle.
Gerade als die Hitze unerträglich wurde, riss es sie ruckartig aus dem Schlaf, als ob sie irgendetwas gehört hätte. Verwirrt blickte sie sich um. Da war nichts.
Emilia quälte sich aus dem Bett und riss das Fenster auf um sanfte Kühlung herein zu lassen. Sie schleifte sich stöhnend zu ihrem kleinen Bad und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Das Wasser tat gut, es half nur nicht viel gegen diese fürchterlichen Kopfschmerzen. Emilia blickte in den Spiegel, ihre Haut war Aschfahl. Plötzlich lief es ihr kalt den Rücken hinab, als wäre ein eisiger Hauch durch die Sommernacht und das offene Fenster geweht.
Das Fenster spiegelte sich in dem Badezimmerspiegel wieder. Plötzlich war da eine Hand. Eine Hand die am Fensterrahmen hing.
Emilia stieß einen heißeren Schrei aus und fuhr herum. Da zog sich aus der Nacht ein Blondschopf in das Zimmer hinein, schwang sich über den Rahmen und landete leichtfüßig auf dem Parkett. Ein Paar schwarzer, katzenhafter Augen sah sie kalt an.
„Hallo Prinzessin.“
Emilia wollte schreien, da hatte er auch schon das Zimmer durchquert und ihr die Hand auf den Mund gepresst. Er war stark, wahnsinnig stark.
„Ruhig! Beruhig dich, ich lass dich gleich wieder los Prinzessin, ok?!“ sagte er ruhig mit seinen vollen Lippen an ihrem Ohr. Sein kalter Blick dagegen war keineswegs beruhigend. Er wartete ihre Reaktion erst gar nicht ab und ließ sie wieder los. Emilia brachte sofort so viele Meter wie der Raum zu ließ, zwischen sich und den blonden jungen Mann.
Emilia sagte kein Wort, sie starrte ihn nur an. Wie eine starre Gazelle, die von einem Jäger umkreist wurde.
„Fürchtest du dich Prinzessin?“ fragte er überheblich und zog eine Augenbraue hoch.
Emilia antwortete nicht, sie dachte an das Pfefferspray in der Tasche die auf dem Boden lag.
„Mal ehrlich, für wie schlecht hältst du die Leute aus Terrino? Glaubst du etwa ich lass dich mein Leben retten und zum Dank würde ich dir was tun? Mach dich mal nicht lächerlich.“ redete er im Plauderton und macht eine wegwerfende Handbewegung.
Emilia stockte: „Du bist der Motorradfahrer?“ Ja klar natürlich. Sie erinnerte sich an die kalten Augen hinter dem Visier. Das war bei weitem kein Grund dem Kerl vor ihr zu vertrauen. Er war ein Dieb, er war ein Drogendealer, er war aus Terrino. Etwas Unheilvolles schien ihn zu umgeben. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ihn für einen einfachen Klein-Kriminellen gehalten. Das jetzt hier war anders. Die Dunkelheit an ihm schien jetzt förmlich greifbar zu sein. Gefahr! Schoss es ihr durch den Kopf. Ihre Instinkte ließen die Alarmglocken läuten und befahlen ihr wegzulaufen, doch etwas anderes hielt sie auf der Stelle.
„Du bist ein Dieb! Du hast meine Kette gestohlen! Was willst du?“ fragte sie ihn finster. Schrei doch, schrei doch um Hilfe, flüsterte eine innere Stimme. Das Haus würde sofort hell erleuchtet sein und alle würden ihr zu Hilfe eilen, doch sie schrie nicht...
Der Blondschopf ging auf ihre Anschuldigungen gar nicht ein.
„Ich bin hier um dich an meine Schuld zu erinnern.“ Sagte er schlicht und lehnte sich mit verschränkten Armen lässig an das Fenster.
„Du hast mich gerettet, dafür stehe ich in deiner Schuld. Ich hasse es jemandem etwas schuldig zu sein und lasse auch niemals eine Schuld unbeglichen. Deshalb, solltest du je in Schwierigkeiten geraten oder Gefahr laufen zu sterben…. Lass es mich wissen, dann sind wir Quitt.“
Äääähm. Was? Emilia sagte erstmal nichts. Hatte sie sich verhört? War dieser furchteinflößende junge Mann tatsächlich nur hier um ihr zu sagen, dass sie was gut bei ihm hatte?
„Woher weißt du wer ich bin?“ fragte sie misstrauisch.
„Tz, ich hab‘ meine Mittel und Wege… und der Feuerschopf hat deinen Namen auf der Party laut genug herum gebrüllt.“ fügte er hinzu. Er sah so aus als würde es ihm gerade sehr schwer fallen nicht die Augen zu verdrehen.
Genau diese Augen machten Emilia wahnsinnig, sie waren so durchdringend, so tief und so... so fremdartig. So hatte sie diese Augen nicht in Erinnerung.
Er zog einen kleinen Zettel aus seiner Tasche, warf ihn auf ihr Bett und sagte: „Damit kannst du mich erreichen. Also Prinzessin, bis zu unserer nächsten Begegnung.“ Er grinste schief und hämisch, stieg wieder durch ihr Fenster und verschwand Katzengleich in die Nacht hinaus.
Der eisige Hauch war weg. Ihr Zimmer schien wieder normal temperiert zu sein. Emilia blieb noch kurz stehen, bevor sie zum Fenster stürzte, es zuschmiss und verriegelte.
Sie nahm den Zettel in die Hand und faltete ihn auseinander. Darauf standen eine Telefonnummer und ein Name. Darren. Darren Newcorn. So hieß er also. Der junge Mann aus dem übelsten Teil der Stadt, mit einer Ausstrahlung wie der Tod, dem Gesicht eines Schutzengels und genau den wollte er für sie spielen. Schnell vergrub sie den Zettel wahllos in der Tasche einer Jacke.
Emilia hatte nach dem nächtlichen Ereignis nur noch unruhigen Schlaf gefunden. Sie wurde erneut von dieser Hitze heimgesucht, nur schien das wenige Stunden zuvor nur ein Vorgeschmack gewesen zu sein. Diese Grippe verwandelte sich in eine krankhafte Monstrosität. Die flammende Höllenglut die durch ihre Adern preschte reichte fast über die Grenze des erträglichen und bescherte ihr Feuer Träume. Erst der nächste Tag befreite sie aus diesem Schlaf. Sie blinzelte mit brennenden Augen gegen die Sonne, die bereits im Zenit stehend durch ihr Fenster fiel. Im Zenit? Huch, sie hatte fast den ganzen Tag verschlafen.
Etwas stimmte nicht. Emilia konnte es fühlen und hören. Unzählige Stimmen drangen durch den Fußboden. Es war Dienstag spätnachmittags, warum hatten ihre Eltern so viele Menschen zu Besuch? Das hörte sich an als wären zig Leute im Salon versammelt. Erstaunlicherweise war ihre Grippe nach dem Aufwachen viel besser geworden. Schnell band sie sich die Haare und bemühte sich um ein vorzeigbares Erscheinungsbild ehe sie hinunterging. Sie trat auf den hellen Flur hinaus, und sah am Treppengeländer ein kleines blondes Mädchen stehen. Die Zehenspitzen reckend spähte es hinunter und lauschte.
"Sophia" Sagte Emilia und trat neben ihr Schwesterchen. Sophia wand ihr kurz die großen blauen Augen zu ehe sie sofort wieder hinunter schaute "Was ist denn los" fragte Emilia.
Читать дальше