Plötzlich stand sie auf. Ihr Körper bewegte sich ohne ihr Zutun. Wie in Trance taumelte sie zur Tür. Sie musste zu Mel… sie musste…
Emilias Beine lenkten sich von selbst. Sie ging einfach immer weiter und dachte an nichts als an Mel.
Barfuß ging sie die Treppe hinunter und zur Tür hinaus auf die Straße. Sie torkelte planlos voran, bis sie sich plötzlich auf einem Industriegelände wiederfand. Emilia war noch nie hier gewesen und wusste auch nicht wie sie hergekommen war. Sie ging auf ein paar Lagerhallen zu. Die Straße endete in einer Sackgasse. Was tat sie hier eigentlich? Wie war sie hier gelandet? Dennoch ging sie immer weiter. Das abscheuliche Gefühl das der Traum in ihre Brust gebrannt hatte, breitete sich ungehemmt in ihrem ganzen Körper aus.
Und da stand sie. Das feurige Haar bewegte sich leicht im Wind. NEIN! Das war ganz falsch sie durfte nicht hier sein! Doch dort, mitten in der Gasse, wie in Emilias Traum stand sie da. Warum? Warum war sie hier?
Ihr Bauch rumorte. Unheilschwangere Finsternis umgab die beiden. Nur ein paar Straßenlaternen warfen ihr spärliches Licht auf das Szenario und tunkten alles in einen schaurig-roten Glanz. Hie und da war ein Fenster in den kahlen Gebäuden rings herum beleuchtet.
Emilia hatte nicht bemerkt, dass sie durch ein offen stehendes Gittertor gegangen war.
Der Wind wurde kräftiger, und dass Tor fiel ins Schloss. Erschrocken von dem metallischen Geräusch, fuhr Melica herum.
„Emilia?“ fragte sie. Sie war ganz konfus.
„Mel! Was… Was machst du hier?“ Fragte Emilia zurück.
Melica sah sich verwirrt um.
„Ich… ich weiß es nicht…“ sagte sie verstört. „Was tun wir hier Em-“ doch ihr Blick wanderte plötzlich an Emilia vorbei und richtete sich Schock geweitet auf etwas hinter ihr.
Emilia wirbelte herum.
Rot. Glühend. So starrten sie zwei Augen aus der Dunkelheit an. Große, rote, glühende Augen… blutrünstig Augen.
Emilia erstarrte und hing hypnotisiert an diesen schrecklichen Augen.
Ein tiefes, grollendes Knurren erschütterte sie durch Mark und Bein. Die Augen starrten sie lange an… doch dann wanden sie sich zu Melica. Und dann geschah alles auf einmal.
Emilia konnte nicht erkennen was es war, dafür bewegte es sich viel zu schnell. Das einzige was sie wahrnahm war eine schwarze, riesige, klauenbewerte Schattengestalt, die wie der Blitz an ihr vorbeiflog. Das Teil hinterließ sogar Furchen im Beton. Es stürzte sich auf Mel stürzte und begrub sie unter sich.
Emilia nahm von dem Geschehen, nur mehr einzelne Fragmente auf. Als würde sie einzelne Fotoaufnahmen betrachten.
Eine schwarze Gestalt die sich auf Mel stürzte.
Ein gellender Schrei.
Das Schattenmonster; wie es wieder von Mel abließ.
Dann sprang es davon sprang und entfloh in die Nacht. Das Holz das unter seinen Krallen barste als es sich auf eine Mauer hinauf angelte.
Mel lag am Boden.
Emilia, stand plötzlich über ihr. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich bewegt hatte.
Dann war sie auf den Knien und wollte Melicas Arme ergreifen. Doch ihre Hände waren auf einmal rot. Voll von Blut. Woher kam das viele Blut, das an ihren Händen klebte und ihren Arm hinab sickerte. Es war Melicas Blut, aus den Wunden in ihrem Brustkorb.
Emilia wurde klar, dass sie selbst den gellenden Schrei von zuvor ausgestoßen hatte.
Die Welt bekam vor ihren Augen einen nebeligen Schleier und schwer atmend, drückte sie die zittrigen Hände fest auf Melicas blutgetränkten Brustkorb. So als könnte sie das Leben wieder in sie hineinpressen, dass mit der dicken dunklen Flüssigkeit stetig aus ihr heraus floss.
Doch Melicas weit aufgerissene Augen, waren bereits kalt und leblos. Nur mehr ein letzter Rest Todesangst schimmerte auf ihren Pupillen.
Andere Geräusche machten sich bemerkbar. Schritte, dann Stimmen, Rufe die immer lauter wurden. Erst ruhig und dann entsetzt.
Emilia achtete nicht darauf. Alles was jetzt wichtig war, war Mel fest zu halten. Sie durfte nicht gehen! Sie würde all das Blut wieder in sie hineinpumpen!
Die Zeit wurde zu einer unbestimmten Masse die an Emilia vorbeifloss. Sie bemerkte nicht einmal wie aus einzelnen Schritten, viele Schritte wurden. Sie hörte die Sirenen nicht und sah auch nicht das blinkende Blaulicht das auf die Wände fiel. Hinter trudelten Polizei und Rettungswagen ein. Jemand hatte das Spektakel mit angesehen und dann entsetzt die Behörden verständigt.
Emilias Blickfeld verzerrte sich, die Welt schien zu schwanken, während sie ihre Augen nicht von ihren blutverschmierten Händen lassen konnte.
Jemand schrie sie von hinten an, und als sie nicht darauf reagierte, kamen die Schritte näher, bis sie direkt hinter ihr waren.
Jemand packte Emilia grob an den Schultern. Sie wollte sich wehren, wollte bei Mel bleiben, aber ihr war so schwindelig. Sie schaffte es gerade mit ihren blutigen Fingern an den Handgelenken die sie umklammerten zu kratzen. Dann wurde sie davon bugsiert. Weg von Melica und weg von der Blutlache in der sie kalt und leblos lag.
Emilia konnte kaum etwas hören, alles war dumpf; die Menschen rund um sie herum, die Stimmen und die Autos die vorbeifuhren.
Sie wurde in einen Polizeiwagen gesetzt. Schlaff wie eine Puppe ließ sie alles mit sich geschehen und saß stumm auf dem Rücksitz. Ihr Hirn war blockiert und leer, sie verstand einfach gar nichts mehr.
Der Wagen setzte sich in Bewegung und fuhr los. Im Vorbeifahren sah Emilia aus den Augenwinkel wie Sanitäter eine Bahre hin zu dem Rettungswagen schoben. Darüber lag ein Laken und unter diesem Laken, wusste Emilia, lag Melica Salveter. Kalt, erstarrt, blutleer und tot.
Man führte Emilia durch unzählige finstere Gänge. Die Wände waren kahl und Leer. Der Boden war aus stinkendem Plastik und grelles, weißes Neonlicht leuchtete von oben auf sie herab.
Emilia hatte keine Ahnung wo sie langgefahren waren, es interessierte sie auch nicht sonderlich. Es war als befände sie sich in einer anderen Welt. In einer Welt die dumpf und hohl war und in der keine Gefühle existierten. Es gefiel ihr hier… hier musste man an nichts denken.
Ein kleines Pochen in ihrem Kopf, mahnte sie diese schützende, dumpfe Welt zu verlassen und in der Gegenwart zu bleiben. Aber dann würde sie wieder fühlen…. Und das wollte sie nicht. Da warteten nur Schreckliche Dinge die ihr Verstand verarbeiten müssen würde.
So schlurfte sie teilnahmslos weiter, durch immer mehr Flure und Türen.
Man geleitete sie in einen fensterlosen, engen Raum. Er war leer, bis auf ein kleines Bett in einer Ecke und einer Toilette in der anderen. Die Tür schlug hinter ihr zu und sie war allein.
Kraftlos setzte sie sich auf das Bett, stierte auf die Wand gegenüber und regte keinen einzigen Muskel mehr.
Vor der Tür liefen hektische Schritte hin und her, Menschen redeten laut durcheinander. Emilia blendete alles aus. Zähe Klumpen von Zeit bröckelten nur so dahin.
Sie hätte nicht sagen können wie lange sie bereits in diesem kalten Raum saß. Minuten? Stunden? Tage? Keine Ahnung.
Die Tür flog wieder auf, und ihre Mutter, gefolgt von einem besorgten Vater stürmte auf sie zu. Leatrice umarmte sie, sah die noch immer blutverkrusteten Hände ihrer Tochter und brach in Tränen aus. Sie umklammerte Emilia noch fester.
Ihre Eltern redeten fieberhaft auf sie ein, doch Emilia verstand gar nichts. All die Wörter machten keinen Sinn.
Ihr Vater blickte zur Tür, anscheinend hatte ihn jemand gerufen. Er ging zurück auf den Gang und sprach mit einem Mann in einem weißen Kittel. Emilia konnte das Wort „Schock-Zustand“ hören, sprach man etwa über sie?
Ihre Mutter strich ihr sanft über das Haar, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging ebenfalls hinaus. Die Tür fiel zu, Emilia war wieder allein und fuhr damit fort auf die Wand zu starren und an ja nichts zu denken. Bis die Tür erneut aufging, wie viel Zeit war jetzt vergangen? Fünf Minuten? Nein, es mussten mehrere Stunden gewesen sein, denn es war wieder Leatrice, Emilias Mutter. Doch sie trug andere Kleidung und hatte eine kleine Reisetasche bei sich.
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