Luca gab seinem Vater zur Begrüßung die Hand und riss seine Mutter stürmisch an sich.
„Luca!“, lachte diese auf. „Du zerknitterst mein neues Kleid.“
„Was hast du am Auge?“, fragte sein Vater mit einem Blick in Lucas Gesicht.
„Eine leichte Entzündung. Ist nichts weiter.“
Obwohl Manuel ein wenig entfernt von dieser Szene stand, sah er mit einem Blick, dass das keineswegs eine Entzündung war. Es war einfach nur ziemlich perfekt geschminkt. Still lächelte er in sich hinein. Luca war der Blick seines Bruders nicht entgangen. Und auch sein selbstzufriedenes Lächeln nicht.
„Es tut nicht weh“, flüsterte er Manuel zu. „Du brauchst dich also nicht zu freuen.“
„Deine Schlägereien freuen mich nicht. Sie sind mir egal.“
So wie ich dir egal bin, dachte Luca, verärgert über die herablassende Art seines Bruders. Bevor er sich noch mehr ärgern konnte, begleitete er seine Mutter in die Küche und half ihr, das Essen aufzutragen.
Während sie aßen erzählte sein Vater mal wieder von dem großartigen Erfolg, den Manuel mit der neuen Kollektion erreicht hatte. Manuel äußerte sich nicht dazu. Er genießt und schweigt, dachte Luca.
„Und, was gibt es bei dir Neues?“, fragte sein Vater an Luca gewandt.
„Leider nichts mit dem du bei deinen Golfpartnern angeben könntest. Dafür musst du weiterhin mit Manuel vorlieb nehmen.“
„Luca!“, wies seine Mutter ihn scharf zurecht. „Zeig ein wenig Respekt!“
Sein Vater legte seine Serviette auf den Tisch. „Lass ihn nur, Rose. Das ist lediglich der Neid, der aus meinem Sohn spricht.“
Luca stand wütend auf. „Muss das immer so laufen? Ich bin keineswegs neidisch auf Manuels Erfolge.“
„Du bist nur neidisch darauf, dass Dad damit angibt“, warf Manuel trocken ein.
Luca versuchte mühsam, sich zu beherrschen. Am liebsten würde er seinem Bruder eine verpassen, dass ihm Hören und Sehen vergehen. Allerdings wäre das ziemlich unfair, da Manuel nie gelernt hatte, sich zu verteidigen. Er wäre so schnell am Boden, dass er gar nicht wüsste wie ihm geschah.
Seine Mutter seufzte. „Möchte jemand einen Cognac?“, fragte sie in die plötzliche Stille.
„Gerne“, antwortete Jack, der dankbar war für die Ablenkung. War wohl nichts mit meinem Vorsatz, mich von meinem Jüngsten nicht provozieren zu lassen, dachte er resigniert.
„Luca?“ Fragend blickte Rose ihren Jüngsten an.
„Auf jeden Fall.“
„Manuel?“
Dieser hob abwehrend die Hand.
„Natürlich nimmt mein Bruder keinen Alkohol zu sich. Er könnte ihn ja etwas lockerer machen.“
Manuel lächelte wieder nur still in sich hinein.
Luca ärgerte es, dass sein Bruder sich nicht provozieren ließ. Liebend gerne hätte er seinen Frust an ihm ausgelassen.
Die nächste halbe Stunde unterhielten sie sich über unverfänglichere Themen. Dann stand Manuel plötzlich auf und sagte, er müsse gehen. „Ich habe noch einen dringenden Termin.“
Luca lachte spöttisch auf. „Einen Termin zu haben, würde bedeuten, du hättest ein Privatleben.“
Manuel ignorierte seinen Bruder, verabschiedete sich von seinen Eltern und ging.
Auf die Minute pünktlich betrat Manuel die Sporthalle. Obwohl bis zum Trainingsbeginn noch eine halbe Stunde Zeit war, waren Tim und Ben, zwei seiner Schüler, schon da.
„Hey, Manu, wir warten schon ewig auf dich“, rief Ben ihm zu.
Manuel warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr.
Die beiden grinsten.
„Du weißt doch, dass wir immer zu früh sind“, fügte Ben hinzu.
„Ihr macht mich langsam aber sicher wahnsinnig“, entgegnete Manuel. „Lasst mich wenigstens noch meine Sportsachen anziehen, und dann dürft ihr von mir aus loslegen.“
„Aber beeil dich, alter Mann!“, rief Tim ihm hinterher.
Manuel schüttelte den Kopf. Die Jugend war einfach zu ungeduldig. Während er sich umzog, schweiften seine Gedanken zu Luca. Er hatte durchaus bemerkt, dass sein Bruder kurz davor war, ihn zu verprügeln. Alleine Lucas Gesicht wäre es wert gewesen, ihn weiter zu provozieren. Niemals würde Luca vermuten, dass Manuel Kickboxen unterrichtete. Nicht mal seine Eltern wussten das. Nicht etwa, weil Manuel es verheimlichen wollte, er sah einfach keinen Grund darin, es zu erzählen. Als er mit einundzwanzig von zu Hause ausgezogen war, fing er mit dem Sport an. Jetzt, sieben Jahre später, trainierte er sonntags die Jugendlichen und am Mittwochabend die Neunzehn - bis Neunundzwanzigjährigen. Gerne hätte er Luca in dieser Gruppe gehabt, aber sein Bruder war noch nicht so weit. Manuel sah Kickboxen als eine Sportart, um sich fit zu halten, nicht, um sich zu prügeln. Sollte Luca endlich mal erwachsen werden, könnte sich Manuel durchaus vorstellen, seinen kleinen Bruder zu trainieren. Er liebte Luca, war sich allerdings absolut bewusst, dass dieser ihm das nie glauben würde. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte er, verließ die Kabine und ging zu seinen ungeduldigen Schülern.
Sarah stand vor dem Aufzug und wusste nicht, ob sie heulen oder lachen sollte. Sie wohnte noch nicht lange hier, aber dieses Mistding von Fahrstuhl war mehr kaputt als dass es funktionierte. Resigniert blickte sie auf den Boden. Dort standen drei Einkaufstüten, zwei Kästen Wasser und ein Karton Wein. Da sie es hasste, alle zwei Tage einkaufen zu gehen, hatte sie diesmal vorgesorgt und für die nächsten zwei Wochen eingekauft. „Hätte ich das bloß nicht getan“, murmelte sie und griff sich ergeben zwei von den Tüten.
„Da komme ich ja grade richtig“, hörte sie eine dunkle Stimme hinter sich. „So kann ich mich wenigstens ein wenig für die Hilfe am Wochenende revanchieren.“
Sarah drehte sich um und blickte in Lucas lächelndes Gesicht. Er stand in voller Motorradmontur hinter ihr, legte den Helm auf den Boden und schnappte sich die beiden Kästen Wasser. Sarah konnte nicht umhin zu bemerken, dass er in diesen Lederklamotten ziemlich reizvoll aussah. Sie hatte schon immer eine Schwäche für Leder. Es roch gut und verbarg nichts; jedenfalls nicht, wenn es so eng anlag, wie das bei Luca der Fall war. „Rettung in letzter Sekunde. Ich habe schon überlegt, ob ich den Karton auf dem Kopf balancieren kann, damit ich wenigstens nur zweimal hoch und runter muss.“
Luca lachte auf. „Ich glaube, diesen Fahrstuhl habe ich erst zweimal benutzt, und das auch nur, weil ich ein kaputtes Bein hatte. Sooft wie der kaputt ist, bleibt noch mal jemand drin stecken.“
Sarah folgte ihm die Treppen hoch. Allein bei dem Gedanken, in einer dunklen, engen Kabine stecken zu bleiben, schüttelte es sie. Sie nahm sich vor, ab jetzt doch lieber zu Fuß zu gehen. Vor ihrer Wohnungstür stellte Luca die beiden Kästen ab und eilte wieder nach unten, um den Karton und die letzte Tüte zu holen. Sarah blickte ihm hinterher und war dankbar, dass er, und nicht Bruno in dem Moment gekommen war. Dann schloss sie die Tür auf und trug die zwei Einkaufstaschen in die Küche.
„Gibst du eine Party?“, fragte Luca, der bereits wieder oben war und hinter ihr die Küche betrat.
Sarah schüttelte den Kopf. „Ich habe mich für die nächsten zwei Wochen mit allem nötigen eingedeckt. Aber in Zukunft werde ich doch lieber etwas weniger kaufen.“
„Wäre ratsam.“ Er lächelte sie an. „Ich kann schließlich nicht immer in deiner Nähe sein, wenn du Hilfe brauchst.“
„Eigentlich schade“, rutschte es Sarah raus.
Jetzt lachte Luca laut auf. „Ich fühle mich geschmeichelt.“
„Möchtest du ein Glas Wein“, lenkte Sarah schnell ab, während sie sich wegdrehte. Sie spürte wie sie rot wurde, und das sollte ihm auf keinen Fall auffallen. Gott, sie führte sich auf wie ein Teenager. Als wäre sie noch nie mit einem ohne Zweifel sehr attraktiven Mann alleine gewesen. Obwohl, wenn sie so drüber nachdachte, war das tatsächlich sehr lange her.
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