„Das sehe ich“, antwortete sie kühl. „Das Bad ist hinten links. Ich hole ein sauberes Tuch.“
Sarah ließ ihn stehen und ging in die Küche.
Luca ging ins Bad und verfluchte im Stillen seinen Nachbarn. Bruno hatte wahrscheinlich reges Interesse an ihr und wollte ihn, Luca, sozusagen von ihr fernhalten. Luca konnte sich schwer vorstellen, dass sie auch nur das kleinste Interesse an seinem Nachbarn hatte. Und von ihm musste sie ja jetzt einen klasse ersten Eindruck haben. Andererseits war es wahrscheinlich egal, ob er im Anzug mit Krawatte vor ihr gestanden hätte oder ohne Schuhe und mit offenem Hemd. Sein Gesicht sah aus, als hätte jemand ihn als Punchingball missbraucht. Sie würde ihn bestimmt für einen Schläger halten.
Hinter ihm betrat Sarah das Bad. „Setzen Sie sich auf die Wanne!“
Dann schüttete sie eine durchsichtige Flüssigkeit auf ein Handtuch und drückte es Luca ohne Vorwarnung auf die Wunde. Er sog hörbar die Luft ein. Das Zeug brannte wie Feuer. Sarah ignorierte das Geräusch und fing an, die Wunde zu reinigen, indem sie vorsichtig tupfte.
„Ich bin gestern unschuldig in eine Schlägerei geraten und werde heute bei meinen Eltern erwartet“, versuchte Luca ein wenig von der Situation zu retten.
„Aha“, antwortete Sarah desinteressiert.
„Wenn ich da so auftauche, werden meine Eltern verrückt“, redete Luca weiter.
Sarah antwortete nicht. Es interessierte sie nicht, was Luca für Probleme mit seinem Leben oder seinen Eltern hatte.
„So, die Wunde ist sauber. Das Auge hätte gleich gekühlt werden müssen. Dafür kommt jede Hilfe zu spät.“
„Na klasse“, murmelte Luca. Resigniert stand er auf. Sarah registrierte seinen verzweifelten Gesichtsausdruck. Irgendwie tat er ihr doch leid. Seufzend sagte sie: „Setzen Sie sich wieder!“
Sarah ging zum Spiegelschrank und holte ihr Make-up raus. Nach ein paar Minuten war sie fertig.
„So, jetzt können Sie zumindest behaupten, Sie hätten einfach nur eine Augenentzündung.“
Luca blickte in den Spiegel. Wie auch immer sie das gemacht hatte, das Blau war nicht mehr zu sehen. Auch die Wunde hatte sie so überschminkt, dass nur ein kleiner Kratzer zu erkennen war.
„Wow!“, sagte er anerkennend. „Wenn ich nicht wüsste, dass Sie Krankenschwester sind, würde ich denken, Sie wären Maskenbildnerin. Vielen Dank.“
„Gern geschehen.“
Sarah ging zur Tür. Luca, der verstand, dass sie ihn schnell loswerden wollte, trat in den Flur.
„Darf ich wenigstens noch erfahren, wem ich meine Rettung zu verdanken habe?“
„Sarah. Und Ihnen noch einen schönen Tag.“
Damit schloss sie die Tür vor ihm.
Amüsiert setzte sie sich auf ihre Couch. Eins musste man diesem Luca lassen: Originell war er schon. Nicht jeder wäre nur in Jogginghose und Hemd bekleidet zu einer völlig fremden Frau gegangen und hätte um Hilfe gebeten.
Luca stand im Treppenhaus und überlegte, ob er Bruno mal gehörig die Meinung sagen sollte. Er hatte sich komplett zum Idioten gemacht. Andererseits musste er eingestehen, dass man auch zu einer älteren Dame nicht nur in Jogginghose und Hemd bekleidet geht. Ergo war er selber schuld an diesem Dilemma.
„Wo hast du nur deine gute Kinderstube gelassen“, murmelte er und ging die Treppen runter. „Manuel wäre so etwas niemals passiert.“
Sein Bruder war in jeder Hinsicht perfekt, während er das schwarze Schaf der Familie war. Er war der Rebell, während Manuel der liebevolle Sohn war, der ganz im Sinne seiner Eltern Wirtschaftswissenschaften studiert hatte, um dann in das Familienunternehmen einzusteigen. Selbstverständlich hatte Manuel den Abschluss mit Auszeichnung erhalten. Luca hatte nie studiert. Er war von einem Gelegenheitsjob in den anderen gegangen, hatte irgendwann eine Lehre als Bürokaufmann angefangen, aber schnell festgestellt, dass ihn diese Regelmäßigkeit langweilte. Er war durchs Land gereist und hatte sich mit Kellnerjobs durchgeschlagen. Seine Mutter hatte ihm heimlich immer wieder etwas Geld zustecken wollen, da seine Familie sehr wohlhabend war, aber Luca hatte abgelehnt. Er liebte seine Mutter sehr und auch seinen Vater auf seine Art, aber er wollte lieber unabhängig bleiben und ihnen nichts schulden.
Eilig schloss er die Wohnungstür auf. Schnell zog er die Jogginghose aus und eine Jeans an. Darüber streifte er seine Motorradkluft, nahm den Helm und verließ die Wohnung.
„Jack, Darling, binde dir die Krawatte. Luca muss jeden Augenblick da sein.“ Rose reichte ihrem Mann die Krawatte an. Lächelnd griff er danach. Obwohl sie beide wussten, dass ihr Sohn in Jeans und legerem Hemd erscheinen würde, wahrten sie trotzdem das Ansehen. Ein sonntägliches Mittagessen im Kreis der Familie war Anlass genug, einen Anzug mit Krawatte zu tragen.
Rose schloss die Kette in ihrem Nacken und blickte zärtlich zu ihrem Mann. Auch nach über dreißig Ehejahren liebte sie ihn. Sie war stolz auf alles, was sie sich gemeinsam geschaffen hatten. Da war die Firma, die ganz klein angefangen hatte und nun weit über hundert Mitarbeiter maß. Sie erinnerte sich noch an die Zeiten, wo sie in einem Hinterhof in einer kleinen Werkstatt Stoffe zuschnitten und daraus per Hand Kleider genäht hatten. Mittlerweile beschäftigten sie mehrere Designer und lieferten ihre Kollektionen weltweit aus. Die Kleider hingen in den nobelsten Geschäften. Sie wohnten in einem stattlichen Herrenhaus ausserhalb Frankfurts, das nach dem Auszug ihrer beiden Söhne ein wenig einsam war. Sie leisteten sich einen Koch und eine Haushälterin. Um den großen Garten kümmerte sich Rose selbst. Das war ihr Hobby geworden. Letztendlich war sie sehr stolz auf ihre zwei Söhne. Äußerlich glichen sie sich sehr. Beide hatten das schwarze Haar ihres Mannes geerbt. Lucas Augen waren grün, während Manuels dunkelbraun waren. Beide waren sportlich und hatten Gott sei Dank die stattliche Größe ihres Vaters. Damit hörten die Ähnlichkeiten allerdings schon auf. Gegenüber Manuel, dem Vorzeigesohn, war Luca der Rebell. Manuel kleidete sich hervorragend, während Luca wahrscheinlich nicht ein Kleidungsstück ihrer Kollektion besaß und es vorzog, wie ein Rockstar rumzulaufen. Niemand würde in ihm den Sohn der Bocellis, Hersteller teurer Designerkleidung, vermuten. Während sich Manuel immer ruhig und vernünftig zeigte, gab sich Luca vermutlich wegen seines italienischen Blutes aufbrausend und nicht zu bändigen. Luca brachte nie etwas zu Ende, während Manuel seit nun mehr fünf Jahren den Posten des stellvertretenden Geschäftsführers innehatte und diesen hervorragend managte. Trotz allem erkannte Rose an, dass Luca das, was er besaß, aus eigener Kraft geschafft hatte. Auch ihr Mann respektierte das, selbst wenn er es nie zugeben würde. Die beiden waren sich so ähnlich, dachte Rose zum wiederholten Male. Deswegen war sie sich sicher, dass Luca seinen Weg machen würde.
„Ich bin so weit.“ Jack beugte sich zu seiner Frau hinunter und gab ihr einen leichten Kuss auf den Mund. „Auf in den Kampf. Ich höre unseren Sohn vorfahren.“
Auch Rose hatte das Geräusch des Motorrads vernommen. „Versuch, ein wenig nett zu ihm zu sein.“ Sie strich Jack liebevoll über die Wange. „Wir wollen ein ruhiges Essen haben.“
„Ich bin immer nett zu Luca. Er ist es, der sich nicht zu benehmen weiß.“
Mit einem amüsierten Lächeln betrat Rose das Esszimmer.
Manuel stand bereits am Kamin, hatte einen Aperitif in der Hand und blätterte in der Tageszeitung.
Luca stürmte in diesem Moment ebenfalls in das Zimmer. „Da habe ich es ja grade noch pünktlich geschafft.“ Er nickte seinem Bruder kurz zu. „Manuel.“
Dieser blickte eben so kurz von seiner Zeitung auf. „Luca.“
Das war der einzige Wehmutstropfen in Roses sonst so angenehmen Leben. Ihre Söhne verstanden sich nicht besonders. Dabei hatte sie sich immer gewünscht, die Brüder würden mal gemeinsam die Firma übernehmen. Aber selbst, wenn Luca irgendwann seine verborgenen Talente erkennen würde, könnten die zwei nie zusammen in einer Firma arbeiten. Sie waren wie Feuer und Wasser. Andererseits benötigte ein Geschäft, das gut laufen soll, sowohl Feuer als auch Wasser.
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