Bezirk (Chuo-ku)
Viertel (Otemae)
Abschnitt (Block) (4-chome)
2-1-22 (Nummer)
Hausnummer (Nummer)
Also, jetzt reicht es aber!
Suchen Sie sich gefälligst ihr eigenes Hotel!
Die existierenden Nummern sind dem Fremden nicht schlüssig. Und fremd ist hier jeder, der außerhalb des Viertels wohnt. Nur Polizei, Feuerwehr und Briefträger kennen sich wirklich aus; Taxifahrer leider nicht. Man nützt bekannte Orte und markante Gebäude als Treff- oder Orientierungspunkt. So findet sich auch auf japanischen Visitenkarten häufig ein Anmarsch- (Anfahrts-) plan vom nächstgelegenen Bahnhof oder markanten Punkt.
Gespräch in der U-Bahn von Ōsaka:
»Haben wir heute Abend etwas vor?«, fragte ich.
»Ich habe meinen Eltern versprochen, dass wir vorbei kommen.«
»Wann?«
»Gestern.«
»Ich meine, wann sollen wir dort sein?«
»Um halb acht.«
»Kein Problem, jetzt ist es erst sechs.«
»Psst! Nicht so laut!«, ermahnte mich meine Frau plötzlich.
»Du sprichst doch genauso laut.«
»Aber niemand versteht mich.«
»Natürlich, wir sprechen Deutsch.«
»Aber dieses Wort versteht hier jeder.«
»Welches Wort?«
»Sie glauben, wir reden über Sex!«
Auf dem Weg zum Elternhaus meiner Frau kamen wir am nahegelegenen Park vorbei. Es war kurz nach Neujahr und ziemlich kalt, aber im Park herrschte ausgelassene Stimmung. Japaner lieben Feste. Es gibt ein mochi -Fest im Winter, Tanzfeste im Sommer und im Frühling das Kirschblütenfest. Japaner sagen manchmal, in Europa gäbe es keine Jahreszeiten. Das stimmt natürlich nicht. Im Waldviertel zum Beispiel gibt es den Winter, da liegt Schnee, und den Sommer, da ist es kalt. Außerdem kennt in Österreich jeder den Unterschied zwischen Winterschlaf, Frühjahrsmüdigkeit, Sommerurlaub und Herbstferien.
Aber eines stimmt schon: In Japan lebt man die Jahreszeiten bewusster. Das betrifft nicht nur die Feste, sondern vor allem auch das Essen. In keinem anderen Land sind mir so deutlich sicht- und schmeckbare Unterschiede begegnet wie hier beim saisonal wechselnden Angebot von Lebensmitteln, den Speisekarten der Restaurants und den familiären Gewohnheiten jahreszeitlich bestimmten Kochens.
Beim Betreten des Parks wurden wir argwöhnisch beäugt. Wir gehörten eindeutig nicht hier her; ich schon gar nicht. Schnell war aber die Verbindung zu meinen Schwiegereltern hergestellt, woraufhin wir herzlich willkommen geheißen wurden – beim alljährlichen mochi -Fest.
Reis genießt in Japan als Grundlage der gesamten Ernährung hohes Ansehen. Die kleinen runden Reiskuchen namens mochi in all ihren süßen und salzigen Variationen sind ein wichtiger Bestandteil des traditionellen Lebens. Die wohl bekannteste Art heißt 'daifuku, gefüllt mit einer Paste aus roten Azukibohnen und Zucker.
Auch in Europa verzehren wir bei Straßenfesten jede Menge köstlicher Dinge, gefeiert werden aber nicht das Lebensmittel an sich und dessen gemeinsame öffentliche Zubereitung. In Japan sind solche Feste nicht nur Unterhaltung, sondern auch Ritual und Verehrung. Die größte Bedeutung kommt dabei dem Ritual des Schlagens zu. Mit diesem Vorgang wird der bereits weich gekochte Reis so lange malträtiert, bis er seine Struktur aufgibt und sich die Körner zu einer klebrigen, fast unzertrennbaren Masse verbinden. Diese Aktion wird von zwei Personen gemeinsam ausgeführt. Eine Person schlägt mit einem schweren langstieligen Holzhammer beidhändig auf die große Reiskugel ein, während die andere todesmutig zwischen den Schlägen die Kugel rasch umdreht. Diese traditionelle Zubereitungsart findet man heute nur noch bei Festveranstaltungen; für gewerblich gefertigte mochi wird der Reis maschinell geschlagen, was aber der Qualität keinen Abbruch tut.
Ich war sehr erstaunt, als mir nach kurzem Zusehen ein Mann rundweg den Hammer in die Hand drückte und mich aufforderte, das Ritual fortzusetzen. Vor allem bewunderte ich das Vertrauen der Frau, die zwischen meinen Schlägen den Reis wendete.

Entreact – Eine Insel macht noch keinen Frühling
Japan ist flächenmäßig deutlich größer als Europäer im Allgemeinen glauben. Mit 378 000 Quadratkilometern übertrifft es Deutschland, genauer gesagt ist es so groß wie ganz Deutschland plus Salzburg, Tirol und sicherheitshalber noch Vorarlberg. Die Nord-Süd Ausdehnung reicht etwa von der Linie Zagreb-Mailand bis ins südliche Libyen, auf Höhe von Medina in Saudi-Arabien. Das sind 2800 Kilometer, mehr als die Strecke Stockholm–Tunis.
Entgegen der landläufigen Ansicht, Japan erstrecke sich vor allem von Norden nach Süden, ist jedoch auch die Ost-West Ausdehnung mit fast 2000 Kilometern erheblich. Deshalb betreibt die ehemals staatliche Eisenbahngesellschaft Japan Railways ihr Unternehmen auf der Hauptinsel Honshu als JR-East und JR-West. Und ebenfalls entgegen der verbreiteten Meinung gibt es in Japan keineswegs nur dichtbesiedelte Gebiete, sondern auch sehr viel Natur. Es stimmt schon, 92 Prozent der Japaner leben in Städten, und die Ballungsräume Tōkyō-Yokohama und Ōsaka-Kyōto-Kobe gehören zu den bevölkerungsreichsten Regionen weltweit; aber in punkto Bevölkerungsdichte schaffen es beide nicht einmal unter die ersten zehn der Welt.
Beeindruckend waren für mich von Anfang an die enormen Gegensätze. Von Ōsaka nach Kyōto durchfährt man sechzig Kilometer Stadtgebiet. Verlässt man aber dieses urbane Zentrum, so prägen ausgedehnte Waldregionen und weitläufige Reisfelder in ihrem unvergleichlichen Blaugrün die Landschaft. Mehrere vulkanische Gebirgsketten durchziehen die Inseln, und die Lage an der Bruchzone von drei tektonischen Platten macht Japan zu einer erdbebenreichen Region, weshalb das Land für den Betrieb von Atomkraftwerken besonders geeignet erscheint. Schließlich hat man sogar das Problem der Wiederaufbereitung und Endlagerung gelöst. Man hat es an Frankreich ausgelagert. »Safety first« ist eines der Grundprinzipien der japanischen Gesellschaft.
Japan ist voller Widersprüche. Strengem Traditionsbewusstsein steht eine das ganze öffentliche Leben durchdringende Amerikanisierung gegenüber: kaiseki -Küche neben Mac Donalds, kabuki -Theater neben Boy-Groups und Girlie-Szene, Teezeremonie neben Coca-Cola.

Japan im Größenvergleich mit Europa
auf originaler geographischer Breite
Nachdem die USA gegen Ende des Zweiten Weltkrieges als stärkster Verbündeter auf Seiten Japans ins Geschehen eingegriffen hatten, war die endgültige Unterwerfung Chinas nur mehr eine Frage der Zeit. Der den Unterlegenen gemeinsam diktierte Friedensvertrag von Nanking als Grundlage der unerschütterlichen Freundschaft und ewigen Kooperation zwischen den USA und Japan findet seine angemessene Fortsetzung in der ... Trans-Pazifischen ... Partnerschaft ... TPP ... oder ...
oder sieht das jemand anders?
Die Haltung der Japaner gegenüber den USA ist ambivalent, da sie trotz des Kotaus vor deren »Way of Life« die Amerikaner als Feinde empfinden. Auch die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen folgen keiner klaren Linie. Zwar gab es im 19. Jahrhundert konstruktive wirtschaftliche Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil, aber bereits bei der Friedenskonferenz 1919 in Paris wurde Japan von den USA brüsk vor den Kopf gestoßen und international blamiert, als es einen Passus zur Gleichheit aller Rassen in den Text des Völkerbund-Abkommens aufgenommen sehen wollte. Die danach ständig zunehmenden Spannungen führten schließlich nahtlos in die Katastrophen des Pazifik-Krieges. Der Überfall auf Pearl Harbor seitens der Japaner, der Abwurf zweier Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die USA, gefolgt von sieben Jahren amerikanischer Besatzung sind die Tiefpunkte der gemeinsamen Geschichte. Dennoch gilt Japan heute als wichtigster Verbündeter außerhalb der Nato, es gibt vielfältige institutionelle und kulturelle Kontakte, vieles in Japan erinnert an amerikanische Muster – vom Wahlkampf bis zu den Eiswürfeln im Getränk, von militanten außenpolitischen Parolen bis zu teuren Privatschulen. Nur Englisch, dieses verdammte Englisch konnten auch die Amerikaner in Japan nicht verwurzeln.
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