hielt er sich schützend den grünen Umhang vors Gesicht, dann stieg er wieder
ins Gebäude hinunter und warf die eisengeschützte Luke hinter sich zu.
Das Feuer von Eternas brannte, und wer immer es sah, würde wissen, dass
das Dunkle erneut sein Haupt erhoben hatte.
Bluthand stieß einen grunzenden Laut aus und beschattete seine Augen mit
der Hand. Das grelle Sonnenlicht wurde teilweise von den Felsen reflektiert
und blendete ihn. »Ich hasse dieses widerliche Licht«, knurrte er. »Und ich
hasse diese widerlichen Menschen, und ich hasse diese widerlichen Wolltiere.«
Bluthand war ein groß und kräftig gebautes Rundohr. Er schlug sich ärgerlich
auf die Brust. »Und ich hasse es, unbedeckt zu sein.«
Keiner in der kleinen Gruppe der Orks trug eine Rüstung. Man hatte es
ihnen verboten, denn sie sollten die Menschlinge ausspähen und sich
unbemerkt in deren Land bewegen. Doch Rüstungen konnten Licht
reflektieren oder klappernd gegen Steine stoßen, und so hatte man dem
Spähtrupp verboten, sie zu tragen.
Neben Bluthand duckte sich ein Spitzohr in die Deckung der Steine und
spähte in das Tal hinein, das sich im vollen Sonnenlicht unter ihnen
ausbreitete. Es war ein kleines, lang gestrecktes Tal, wie es für die
Gebirgsregion hier typisch war. Sein Talgrund war grün und würde den auf
ihm weidenden Wolltieren noch eine ganze Weile Futter bieten.
»Wolltiere«, beschwerte sich Bluthand. »Widerliche Wolltiere. Ich will
wieder etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekommen. Wolltiere sind
widerlich. Sie schmecken nach nichts. Nach überhaupt nichts. Und ihr Fleisch
ist zudem widerlich weich.«
In der Mitte des Tals erhob sich ein kleines Gehöft. Das Haupthaus war
relativ klein und aus behauenen Felsen errichtet. Sein Dach war mit
Grassoden abgedeckt, und aus einer Öffnung im Dach kräuselte sich eine
dünne Rauchfahne. Neben dem Haus befand sich eine kleine Koppel mit
einigen Pferden, und jetzt war auch ein Mann zu sehen, der gerade aus dem
Haus getreten war. Instinktiv duckte sich die Gruppe tiefer in die Felsen.
Einer der Spitzohren sah Bluthand an und bleckte dabei nervös sein
Gebiss. »Ich mag auch keine Wolltiere.«
»Wir sollten endlich wieder richtiges Fleisch zu essen bekommen«, knurrte
Bluthand. »Wir sind Krieger, also steht es uns zu, dass wir gutes Fleisch
bekommen.«
Ein anderes Rundohr spähte über seine Deckung. »Blauauge will aber
nicht, dass die Menschlinge uns sehen. Wir werden warten müssen, bis der
Menschling fort ist. Dann können wir uns ein Wolltier mit der Kralle holen.«
Bluthand starrte auf die eiserne Kralle, die er über seiner Hand trug und die
der Tatze einer Raubkralle nachempfunden war, um mit ihr die gleichen
Wunden zu verursachen, wie sie auch ein solcher Räuber hervorrief. Schon
einige Male hatte Bluthand mit ihr ein Wolltier erlegt, damit sich der Trupp
von ihm ernähren konnte. Bluthand war geschickt darin, sich anzuschleichen,
und er hatte immer darauf geachtet, dass der Wind seinen Geruch nicht an
sein Opfer herangetragen hatte, bevor er zugeschlagen hatte. So waren sie
immer ahnungslos geblieben, bis es zu spät gewesen war.
»Wir hätten den Menschling fressen sollen, nachdem wir ihn am Pass
getötet haben«, murrte Bluthand. »Menschenfleisch schmeckt besser als
widerliches Wolltierfleisch.«
»Du weißt genau, dass Blauauge das nicht gewollt hätte.«
»Blauauge kann mich mal«, brüllte Bluthand.
Die Gruppe fuhr erschrocken zusammen und duckte sich nochmals tiefer
in den Schutz der Steine. Bluthands Gesichtsfarbe wurde ein wenig dunkler,
als ihm bewusst wurde, dass er die Gruppe durch sein Geschrei
möglicherweise verraten hatte.
»Blauauge wird dir die Zunge herausreißen und sie einem Reitbiest
vorwerfen«, zischte das Spitzohr neben Bluthand.
Blitzschnell schloss Bluthand eine Hand um den Hals des anderen Orks.
Das Spitzohr stieß ein leises Quieken aus, und seine roten Augen schienen
ihm aus den Höhlen zu quellen. Seine langen spitzen Ohren begannen zu
zucken, bis sie schließlich, in einer Geste der Unterwerfung, nach unten
knickten. Bluthand ließ den anderen jedoch noch eine Weile zappeln, bevor er
seinen Griff wieder löste. Das Spitzohr sackte keuchend an den Felsen und
rang nach Luft.
»Der Menschling kommt herüber«, flüsterte ein anderes Spitzohr.
»Gut, dann wird es bald richtiges Fleisch geben.« Bluthand wandte sich
wieder dem Spitzohr zu, das sich erst mühsam von seinem Würgegriff
erholte. »Und wenn du deine Zunge nicht im Gebiss hältst, dann wird es dich
danach noch als Dreingabe geben, du Made.«
Das Spitzohr sah ihn angstvoll an und nickte, und die anderen der Gruppe
wagten nicht mehr, ihrem Führer zu widersprechen. Zwar hatte Blauauge
verlangt, dass keiner der Menschlinge zu Schaden kommen durfte, um so die
anderen nicht vorzeitig zu warnen, aber Blauauge war nicht hier, und
Bluthand war ebenso skrupellos wie stark. Sollten die beiden Führer doch
später selbst untereinander ausmachen, wer hier das letzte Sagen hatte.
Der Mensch unten im Tal hatte sein Pferd gesattelt und war bei dem
wütenden Aufschrei Bluthands erschrocken aufgefahren. Misstrauisch hatte er
über die Kruppe des Pferdes hinweg zum Hang hinübergesehen, wo die neun
Orks des Spähtrupps in Deckung kauerten.
»Ist ein Brauner«, nuschelte ein Rundohr. »Kein Grüner.«
Tatsächlich trug der Mann nicht den Umhang eines Pferdelords. Er mochte
also ein passabler Jäger und guter Wolltierhirte sein, aber sicher kein
gefährlicher Kämpfer. Doch Bluthand wusste nicht, wer sich sonst noch in
dem Haus befand. Es war besser, kein Risiko einzugehen und den Menschling
rasch und lautlos zu töten.
»Pfeile«, knurrte er nach rechts und links.
Die vier Spitzohren der Gruppe legten daraufhin ihre dunkel gefiederten
Pfeile auf die Sehnen der Bögen und warteten auf das Zeichen von Bluthand,
der vorsichtig über seine Deckung spähte. Im selben Moment sah Bluthand,
wie der Mensch zusammenzuckte, und wusste, dass der Mann etwas gesehen
haben musste, was ihn misstrauisch machte. »Schießt«, brüllte Bluthand auf.
»Tötet ihn.«
Die Spitzohren richteten sich auf und ließen ihre Pfeile von den Sehnen
schnellen, während Bluthand und die anderen Rundohren sich hinter ihren
Deckungen erhoben und laut aufbrüllend ins Tal hinunterstürmten. Bluthand
hatte den Menschling zunächst lautlos töten wollen, aber nun riss sein
Jagdeifer ihn und die anderen einfach mit.
Der Mensch duckte sich hinter sein Pferd, und keiner der Pfeile traf ihn.
Dafür wurde jedoch das Pferd von zwei der Geschosse getroffen und stieg
schrill wiehernd auf die Hinterhand, bevor es zusammenbrach. Der Mann
konnte sich gerade noch vor den auskeilenden Hufen in Sicherheit bringen
und sich dann hinter den Pferdekadaver werfen, als schon die nächsten Pfeile
in der Luft waren. Einer von ihnen traf das Bein des Mannes, und er schrie
auf. Bluthand sah das angstverzerrte Gesicht des Menschlings und schrie
triumphierend auf, während der Mann, umschwirrt von weiteren Pfeilen der
Spitzohren, nun den kurzen Jagdbogen und den Pfeilköcher vom Sattel des
Pferdes zerrte.
»Geht näher heran, ihr feigen Maden«, brüllte Bluthand zu den Spitzohren
zurück, während er weiterrannte, was ihm gleichermaßen zum Verhängnis
wie zum Glücksfall wurde, denn er knallte in vollem Lauf gegen einen
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