Pass bis nach Eternas tragen. Abzüglich des einen Tages, den Parem brauchte,
um sein Tier zu uns zu hetzen. Damit bleiben uns also vier Tage, um die Mark
zu warnen und die Wehrfähigen einzuberufen.«
Tasmund nickte. »Wir senden berittene Boten in die Gehöfte, mein Hoher
Lord. Mit Pferden zum Wechseln. Dann kommen sie schneller voran. Und
wir sollten das Signalfeuer Eternas’ entzünden. Viele Gehöfte und Orte liegen
in seinem Sichtbereich. Die Leute wissen, was es zu bedeuten hat.«
»Sendet Boten in die Stadt. Alle Wehrfähigen sind aufgerufen, dem Eid zu
folgen. Öffnet die Rüstkammer und stellt fähige Männer ab, die den
Einberufenen eine schnelle Auffrischung im Umgang mit ihren Waffen geben
sollen. Wer nicht Schwert oder Lanze führt, soll sich im Bogen üben. Das
alles muss schnell gehen, Tasmund, mein Freund.«
»Ich frage mich, wo diese Horde herkommt und was sie wirklich
bezweckt«, wandte Larwyn ein. »Vielleicht soll sie nur den Pass blockieren
und gar nicht gegen uns vorrücken.«
»Ja, weil sie uns hindern will, unseren Eid gegenüber dem König zu
erfüllen«, nickte Garodem. »Aber das werden wir rasch erfahren. Wir müssen
der Horde einen Aufklärungstrupp entgegenschicken, der ihre Absichten
erkundet. Hält die Horde nur den Pass, so will sie tatsächlich nicht die
Hochmark angreifen, sondern uns nur daran hindern, ins Land des Königs
vorzustoßen.«
Tasmund fuhr mit dem Finger die Karte entlang. »Kämen sie aus der
Reitermark oder Westmark, dann wären sie über die südliche Straße vom
Hammerturm heraufgekommen. Ich glaube nicht, dass sie dies riskiert haben.
Die Macht des Weißen Zauberers ist zu groß, er hätte sie zerschmettert. Es
kann aber auch sein, dass die Horde einen Umweg gemacht hat und zuerst
nach Westen ausgewichen ist, um dann gegen den Pass vorzustoßen.« Der
Erste Schwertmann wies nachdenklich auf eine dünne Linie, die ein Stück
südlich des Passes begann und dann nach Osten durch das Gebirge zur
Nordmark führte. »Oder könnten sie den verborgenen Pfad benutzt haben?«
»Den südöstlichen Pfad? Aus der Nordmark? Ich glaube nicht, dass die
Orks ihn kennen.« Garodem blickte zu der Wand hinter seinem wuchtigen
Schreibtisch hinüber. Dort stand seine Rüstung, die er seit vielen Jahren nur
noch zu zeremoniellen Anlässen getragen hatte.
Brust- und Rückenplatte des Harnischs waren aus rotbraun lackiertem
Metall und zeigten das Symbol des Pferdevolkes in Gold. Es war der gleiche
Panzer, wie ihn auch sein Bruder damals von ihrem Vater erhalten hatte.
Dazu wurden Arm- und Schulterschutz getragen, ebenfalls aus rotbraun
lackiertem Metall, und darunter ein dickes Wams in der dunkelblauen Farbe
der Hochmark. Und natürlich der grüne Umhang eines Pferdelords. Garodems
Helm war aus dunklem Metall und wies goldene Verzierungen und einen
flachen Kamm auf. Der Helm schützte den gesamten Schädel bis hinunter
zum Nacken, ließ jedoch das Gesicht, mit Ausnahme des Nasenschutzes, frei.
Sein Kamm auf dem Helm diente zum Schutz gegen den Hieb eines
Schwertes. Statt Helm und Schädel des Trägers zu spalten, sollte der Kamm
den Schlag abgleiten lassen.
Die Männer Garodems waren nur unwesentlich anders geschützt. Die
Schwertmänner der Wache trugen ebenfalls Rüstungen, wenn auch weniger
reich verziert als die ihres Herrn, und an ihren Helmen waren die langen
Rosshaarschweife als Zeichen ihres Status befestigt. Die eingezogenen
Wehrfähigen trugen dagegen meist nur lederne Rüstungen mit einem
Kettenhemd darunter. Während jedoch alle Schwertmänner durchgehend mit
Dolch und Schwert, Lanze und Bogen bewaffnet waren, führten die
Wehrfähigen alle Arten von Waffen, überwiegend aber Lanze oder Axt, mit
sich.
Doch egal ob Pferdefürst, Schwertmann der Wache oder einfacher
Wehrfähiger, alle Pferdelords trugen den grünen Umhang des Reiters und
führten stets den grünen Rundschild mit sich.
Garodem ließ seine Hand über die Konturen der Rüstung gleiten. »Wie
auch immer. Wir werden den Bestien entgegentreten. Ob in der Hochmark
oder an einem anderen Ort. Ihr, Tasmund, nehmt einen Beritt und reitet den
Bestien entgegen. Erkundet ihre Absichten, und wenn Ihr eine Gelegenheit
seht, stoßt bis zum Pass vor und haltet ihn. Ich selbst werde Euch in
spätestens zwei Tagen mit allen Männern folgen, die bis dahin waffenfähig
sind.«
»Ich werde dreißig Schwertmänner der Wache nehmen, mit Eurer
Erlaubnis, mein Hoher Lord. Damit bleiben schon wenig genug, um die Höfe
zu warnen und die Wehrfähigen zu sammeln.«
Larwyn legte ihre Hand an den Arm ihres Gemahls. »Wir sollten auch die
Graue Frau verständigen. Auch wenn ich sie nicht besonders mag, so kann sie
uns in dieser Zeit doch hilfreich sein.«
»Merawyn?« Tasmund stieß einen heiseren Laut aus. »Die Hexe?«
»Nein, die Heilerin und Seherin«, erwiderte Garodem. »Ich weiß, die
Meinungen über Merawyn sind geteilt, und manche trauen ihrem Zauber
nicht. Aber sie hat viele Kranke geheilt, und sie besitzt das Wohlwollen des
Weißen Zauberers.«
»Sagt sie«, brummte Tasmund. »Keiner von uns hat je mit ihm
gesprochen.«
»Merawyn ist vor vielen Jahren zu uns gekommen und war uns oft zu
Diensten.« Pferdefürst Garodem sah seine Frau Larwyn an und lächelte. »Wir
werden jede Hilfe annehmen, die sich uns in dieser Zeit bietet. Sendet auch
einen Boten zu ihr, Tasmund. Und danach nehmt Euren Beritt und reitet.«
Tasmund blähte seine Backen auf, doch dann nickte er. »So sei es, mein
Herr. Ich werde Haronem herbeirufen, damit er die Burg in Bereitschaft
setzen kann.«
»Und gebt auch Nachricht an die Scharführer Baromil und Derodem. Sie
sollen sich besprechen, wie die Einberufenen am raschesten gerüstet werden
können.«
Nach einem kurzen Gruß eilte Tasmund aus dem Raum. Larwyn trat an
ihren Gemahl heran und nahm seine Hand. »Du handelst richtig, mein
geliebter Mann. Greift das Dunkle nach unserer Hochmark, so werden wir
ihm auf unserem eigenen Boden begegnen. Ist der König in Gefahr, so
werden wir ihm beistehen.«
Erneut hörte man das Poltern von Schritten auf der Treppe, doch dieses
Mal verharrten sie nicht vor der Tür, sondern eilten weiter die Stufen hinauf.
Schritte waren über der Decke des Raumes zu hören, welche sich über die
Bohlen der Deckenauflage zum hinteren Bereich des Haupthauses hin
entfernten, das mit seiner Schmalseite in die große Wehrmauer hineingebaut
worden war. Dort ragte der schlanke und hohe Aussichtsturm auf, der in einer
Plattform mündete, auf der sich stets geschichtetes Holz und Öl für das
Signalfeuer Eternas’ befanden.
Der Mann von der Wache des Pferdefürsten stemmte die hölzerne Luke
auf und trat auf die Plattform. Von hier aus hatte man einen weiten Ausblick
über das Land, und ein hier entzündetes Feuer war selbst noch in vielen
abgelegenen Bergtälern zu sehen. Der Mann vergewisserte sich, dass der
Holzstapel noch gut mit Fett und Öl getränkt war, dann nahm er eine
Fettlampe und setzte ihn in Brand.
Mit einem puffenden Laut entflammten Öl und Fett, und Flammen griffen
auf das Holz über. Es begann zu knistern, und Funken sprühten, als die
Restfeuchtigkeit im Holz verdampfte. Dann schien sich der Holzstapel mit
einem Schlag zu entzünden. Eine lodernde Flamme stieg in den Himmel über
Eternas und trieb den Schwertmann der Wache zurück. Für einen Augenblick
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