der Schmiede die Tiere nicht belästigen konnten. Neugierig sah er zu, wie
Guntram den großen Blasebalg aus vernähten Tierhäuten betätigte und frische
Luft in das Feuer der Esse trieb. Der alte Schmied hielt das von Nedeam
mitgebrachte Schurmesser in die Flammen, dicht über die Glut, und wartete,
bis sich das Metall erhitzte.
»Eine gute Klinge«, sprach Guntram mehr zu sich selbst. »Oft benutzt und
noch immer scharf. Aber die Schneide ist ein wenig dünn geworden.« Er
drehte das Schurmesser mit seiner langen Zange. »Ich werde die Schneide ein
wenig breit hämmern und dann nachschleifen. Keine große Sache, mein
junger Freund. Wie war noch Euer Name?«
»Nedeam.«
Guntram stieß ein leises Grunzen aus, zog kurz darauf die Zange wieder
zurück und legte das glühende Eisen des Schurmessers über seinen Amboss.
Mit nur wenigen Schlägen schlug er die schmale Schneide in eine breitere
Form und hämmerte sie neu, während Nedeam in den Hintergrund der
Schmiede blickte und dort die Konturen von Harnischen und Helmen
wahrnahm. Er ging nach hinten und zog einen Harnisch mit dem Wappen der
Hochmark hervor. Der Harnisch glänzte nicht mehr und wirkte stumpf. An
etlichen Stellen konnte Nedeam außerdem Rost erkennen.
Guntram sah zu ihm hinüber. »Keine Sorge, junger Freund. Es ist die Luft
bei uns. Die Luftfeuchtigkeit setzt dem Metall zu, aber werden die Rüstungen
erst einmal benötigt, werden sie auch bald wieder wie neu aussehen, und dann
werden sie ebenso schimmern wie unsere Klingen, die dem Feind den Tod
bringen werden.« Der alte Schmied seufzte. »Sollte es je wieder dazu
kommen.«
Nedeam blickte auf eine Anzahl von Streitäxten, deren Klingen noch nicht
gestielt waren. »Ihr habt einst gekämpft, oder? Ich meine, gegen richtige
Orks.«
»O ja.« Guntram sah kurz auf, lächelte und hämmerte dann wieder auf das
Eisen ein. »Es ist schon viele Jahre her. Damals gab es noch die großen
Horden des Dunklen Turms, die Legionen des Schwarzen Lords. Ah, Ihr
hättet sehen sollen, wie wir ihnen den Tod brachten. Schneller Ritt und …«
»… und scharfer Tod«, ergänzte Nedeam.
Guntram blickte ihn forschend an. »Und scharfer Tod, ja. Habt Ihr von
Eurem Vater, nicht wahr? Ist ein guter Pferdelord, der Balwin. Wie sein
Vater. Ah, Ihr hättet Euren Großvater reiten sehen sollen. Er brachte wirklich
den scharfen Tod. Egal ob mit dem Bogen oder der Lanze.«
»Wie sind die Orks?«, erkundigte sich Nedeam neugierig. Er trat wieder an
den Schmied heran und musterte die zahlreichen Narben, die an Guntrams
nacktem Oberkörper zu sehen waren. »Ich habe noch nie einen gesehen.«
»Dann seid froh, junger Freund. Wahrscheinlich werdet Ihr auch niemals
mehr einen zu Gesicht bekommen. Denn wir sind über ihre Horden
hinweggeritten und haben sie in den Boden gestampft.« Guntram stieß das
alte Schurmesser in eine Tonne mit Öl, um es zu härten. Während das Metall
abkühlte, schienen die Gedanken des Schmieds in die Vergangenheit zu
gleiten, und ein merkwürdig grimmiges Lächeln zeigte sich auf seinem
Gesicht. »Man darf die Orks nicht unterschätzen, junger Freund. Einzeln sind
sie gar nicht so gefährlich, aber ihre Anzahl macht es. Sie überschwemmen
die Schlachtfelder in Massen, sodass man kaum ein Pferd zwischen sie
drängen kann. Orks.« Guntram spie aus. »Da gibt es die Rundohren. Das sind
große und kräftige Bestien, die keine Furcht kennen und vorwärtsdrängen.
Mit mächtigen Rüstungen und großen Schlagschwertern, Spießen und
dergleichen. Manche tragen auch gestohlene Rüstungen und Waffen
erschlagener Gegner, die sie zusätzlich mit ihrem eigenen Mist verzieren.
Aber diese Rundohren sind Hohlköpfe. Sie haben wenig Hirn. Schlimmer
sind da die kleineren Spitzohren. Das sind hinterlistige kleine Bastarde. Ein
bisschen feige, aber gut mit dem Bogen. Man muss es einfach auf sich
zukommen lassen, wenn man gegen sie reitet, und ihre Pfeile hinnehmen.
Aber wenn man erst mal zwischen ihnen ist …« Guntram grinste verzerrt. »Es
ist ihre Anzahl, die sie gefährlich macht.«
Der Schmied zog das alte Schurmesser aus dem Öl, nickte zufrieden und
ging damit zum Schleifstein hinüber, wo er das Pedal trat und die Schneide
über den rotierenden Stein zog. Funken begannen zu sprühen.
»Nun, Ihr werdet dergleichen wohl niemals zu Gesicht bekommen, junger
Freund.« Der Schmied lachte. »Habe ich Euch schon erzählt, wie ich einmal
eine Elfenklinge schmiedete?«
»Eine Elfenklinge?« Nedeam riss die Augen auf.
»O ja«, erwiderte Guntram mit sichtlichem Stolz. »Das war vor vielen
Jahren und kurz vor einer der Schlachten, in denen Elfen und Menschen noch
gemeinsam kämpften. Damals war ich ein junger Schmied und noch voller
Kraft, nicht so schwächlich wie heute. Der Schmied der Elfen war getötet
worden, und einige ihrer Waffen mussten ausgebessert werden. Das hat zwar
einer der Ihren gemacht, aber er ließ mich dabei helfen, eine der beschädigten
Klingen neu zu schmieden und zu härten.« Guntram seufzte. »Ich habe guten
Stahl, junger Freund. Wirklich guten Stahl. Doch nichts lässt sich mit
elfischem Metall vergleichen. Dennoch habe ich unseren elfischen Freunden
einiges abgucken können, junger Freund. Die Klinge eines Schwertes entsteht
aus einem Stück Eisen. Es wird erhitzt und geschlagen, dann gefaltet und
wieder geschlagen. Je öfter man das glühende Metall faltet und schlägt, desto
haltbarer und zugleich elastischer wird die Klinge später sein. Man muss
hartes und weiches Eisen miteinander verbinden, Ihr versteht? Wir falten
unseren Stahl wohl an die zweihundert Mal, doch die Elfen tun dies ungleich
öfter.« Guntram wies auf den Amboss. »Mit einer Elfenklinge durchtrennt Ihr
jede Rüstung und sogar diesen Amboss. Mit einem einzigen Hieb. Ein
einfaches Schwert würde dabei zerbrechen, wenn es kraftvoll geführt ist.
Aber kein Elfenschwert.«
Guntram wies zu den Rüstungsteilen und Waffen im Hintergrund der
Schmiede. »Ich mache gute Schwerter und falte sie oft. Die zerbrechen nicht,
junger Freund. Aber sie werden trotzdem nie so gut wie eine Elfenklinge
werden, selbst wenn ich sie noch so oft falte und hämmere. Es steckt eben
zusätzlich eine besondere Elfenmagie in ihrem Metall, die wir nicht
besitzen.«
»Könnt Ihr sie nicht von den Elfen bekommen?«
Guntram lachte gutmütig. »Sie teilen ihre Magie nicht mit gewöhnlichen
Menschen. Zudem leben sie weit im Westen und hoch im Norden. Sehr weit
im Westen und sehr weit im Norden.« Er seufzte. »So es überhaupt noch
Elfen gibt.« Der Schmied gab sich einen Ruck. »Und nun genug geschwätzt,
Nedeam, mein junger Freund. Das alte Schurmesser ist wieder wie neu. Ach
was, es ist neu. Aber Ihr wollt ja auch noch ein anderes, neues Schurmesser,
nicht wahr? Nun, lasst uns sehen, was ich da habe.« Guntram schüttelte den
Kopf. »Und das alles für ein Fell mit einem gewaltigen Riss. Junger Freund,
Ihr werdet mein Ruin sein, wirklich.«
Einen Zehnteltag später streifte der Zwölfjährige durch die Straßen und
Gassen Eternas’, und während er erneut staunte, verspürte er seinen
wachsenden Hunger. Zudem musste es hier, das wusste er, auch irgendwo
Süßwurzeln geben. Nedeam lenkte Stirnfleck durch den Bezirk der
Handwerker. So vieles gab es hier für ihn zu bestaunen. Guntram war nicht
der einzige Schmied Eternas’. Es gab noch zwei weitere, die ihre Fertigkeiten
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